Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-05-31 · Heft 22 (31.5.1907) · page 13

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 22 (31.5.1907)
Date
1907-05-31
Page
– (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3228744-3228767--63565-3297470
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

7. Jahrgang. Nr. 22. Berlin, 31. Mai 1907. Der Gemeindevote. Vrilsgr zur „Allgemeinen Leitung drK Judentums" Sorrelpmdkn?m und Machrichten. Deutschland. 8. Berlin, 26. Mai. Die Baruch Anerbachschen Waisen- Erziehungsanstalten, Schönhauser Allee 162, erziehen nach ihrem eben erschienenen 74. Jahresbericht 55 Knaben und 30 Mädchen, d. h. 0 Zöglinge mehr als in dem früheren Anstallshause; hierzu kommt, obgleich noch eine Bauschuld von 90 000 Mark zu tilgen ist. für das laufende Jahr wieder eine neue Zöglingsstelle. Bei vorhandener Veranlagung und Leistungsfähigkeit besuchen die Zöglinge im allgemeinen höhere Schulen, die Knaben fast durchweg bis zur Einjährig- Freiwilligen-Berechtignng, besonders begabte und würdige sogar bis zur Reifeprüfung, die im Berichtsjahre wieder zwei bestanden haben, der eine als primu8 omnium seiner Schule; die weiblichen Zöglinge verbleiben in der Regel noch nach beendetem Schulbesuch in der Anstalt, bis sie für ihren Beruf vorgebildet und erwerbsfähig geworden sind. Im ganzen haben bisher 616 Zöglinge in den Anstalten Pflege, Erziehung und Ausbildung und weit ins Leben hinaus reichende | Fürsorge genossen. Dem letzteren Zwecke dient eine große Anzahl | besonders verwalteter Stiftungen, die wiederum namentlich zur Selbst- , ständigkeit und Verheiratung früherer Zöglinge größere Summen hergegeben haben, für die unmittelbaren Anstaltsbedürfnisse aber unantastbar sind. Diese erforderten einschließlich Bureau, Gottesdienst. Gräberpflege, Renten und anderer Zuschüsse insgesamt 79860 Mark, die Verpflegung fast 53 Pfennig für den Kopf und Tag, das ist etwa 1^/4 Pfennig mehr als im Vorjahre. An Zinsen stehen etwa 49000 Mark, an Renten 1650 Mark, an Jahresbeiträgen 8350 Mark zur Verfügung; im übrigen sind die Anstalten, zu deren Unterhalt weder Stadt noch Gemeinde im geringsten beitragen, auf das Wohlwollen ihrer Gönner angewiesen, an das es ihnen auch im abgelaufenen Jahre nicht gefehlt hat. Den Vorstand bilden neben dem Direktor Dr. Strelitz die Herren B. Marckwald, Kommerzienrat E. Lohnstein, Generalkonsul E. Landau, Professor Dr. F. Liebermann, Geheimer Kommerzienrat I. Loewe und G. Mosler. Ehrenmütter sind: Frau Professor Cäcilie Liebermann, Frau Konsul Flora Fränkel und Frau Kommerzienrat Else Israel. 22 Berlin, 28. Mai. Die „Jüdische Lesehalle und Bibliothek, E. 23.", Oranienburgerstraße 28, ist vom 1. Juni ab täglich von 1—5 Uhr nachmittags, Sonnabend und Sonntag von 11 Uhr vormittags bis 2 Uhr nachmittags, außerdem an allen Abenden außer Freilag von 7—10 Uhr geöffnet. Die Lesehalle steht aus völlig neutralem Boden und dient lediglich dem Zweck, die Kenntnis jüdischer Geschichte und Literatur in weitesten Kreisen zu verbreiten. Ueber 70 Zeitungen und ein Bücherbestand von zirka 6000 Bänden stehen zur unentgeltlichen Benutzung zur Verfügung. s. Berlin, 23. Mai. In der Nacht vom 18. zum 19. d. M. ist in München der rühmlichst bekannte Philologe Professor Dr. Ludwig Traube im Alter von 46 Jahren gestorben. Er war als Sohn des berühmten Klinikers Professor Dr. Ludwig Traube 1861 irr »Berlin geboren und studierte seit 1878 in seiner Vaterstadt Philosophie und Geschichte. Dann unternahm er zu sein.er weiteren Ausbildung größere Studienreisen nach Italien, wobei er namentlich in Rom mehrfach längeren Aufenthalt nahm. Im Jahre 1888 habilitierte er sich an der Universität München, wo er indessen erst 1901 eine außerordentliche und einige Jahre darauf eine ordentliche Professur erhielt, obwohl ihn die bayerische Akademie der Wissenschaften bereits einige Zeit vorher zu ihrem außerordentlichen lspäter zu ihrem ordentlichen) Mitgliede gewählt hatte. Traubes spezielles Arbeitsgebiet war die lateinische Paläographie und die lateinische Literatur des Mittelalters, um die er sich durch Anwendung gewissenhafter philologischer Kritik und strenger methodischer Grundsätze anerkannte Verdienste erworben hat. Der frühe Tod des hervorragenden Gelehrten, der als Paläograph und Kenner der lateinischen Literatur des Mittelalters eine der ersten Stellen unter seinen Fachgenosseu einnahm, bedeutet für die wissenschaftliche Welt, und vor allem für die Universität München, einen schweren und nahezu unersetzlichen Verlust. Traube, der sich zu einer unbestrittenen Autorität auf seinem Spezialgebiet emporgearbeitet hatte und von Gelehrten der ganzen Well in Zweiselsfällen um seinen Rat gefragt wurde, gehörte auch als Lehrer zu den Zierden der bayerischen Hochschule. Zu den Hörern, die sich bei seinem paläographischen Privatissimum und bei sonstigen Uebungen um ihn zu versammeln pflegten, gehörten auch fast stets einige Klostergeisttiche, die dem anregenden Lehrer aufrichtige Verehrung entgegenbrachten. Gleichwohl hat es dem trefflichen Manne, der auch als Mensch von herzgewinnender Liebenswürdigkeit und ein Charakter von unantastbarer Reinheit und Vornehmheit der Gesinnung war, zeitweise an Hemmungen und Widerständen aller Art nicht gefehlt. Jahrelang mußte er, obwohl die Münchener Akademie längst seine hohe wissenschaftliche Bedeutung durch Aufnahme in ihren Kreis offiziell anerkannt hatte, in der bescheidenen Stellung eines Privatdozenten ausharren, und erst als sich die bayerische Universitätsbehörde der Eventualität gegenüber sah, den ausgezeichneten Forscher an eine andere Hochschule zu verlieren, entschloß sich das Ministerium Craisheim, in richtiger Würdigung der Sachlage, mit alten, verjährten Vorurteilen zu brechen und dem ebenso tiefgelehrten als persönlich anspruchslosen Mann, der Jude blieb, das längst verdiente Ordinariat nicht weiter vorzuenthalten. Obwohl seit längerer Zeit schwer leidend — er litt an Leukämie — hatte Traube doch mit seltener Energie und Geisteskraft fast bis zu seinem Ende fortgearbeitet; in den letzten Tagen aber trat eine entscheidende Wendung zum Schlimmen ein, die jede Hoffnung auf Wiederherstellung ausschloß. Die Beisetzung des so früh verstorbenen Gelehrten fand heute auf dem alten Friedhof Schönhauser Allee statt. Von der Berliner Universität nahmen an der Trauerfeier die Professoren und Geheimen Regierungsräte Dr. Freiherr von Wilamowitz-Möttendorff, Dr. Hirschfeld. Dr. Vahlen und Medizinalrat Pros. Dr. Hirschberg teil. In der Friedhofskapelle hielt Professor von Wilamowitz-Möllendorff, ein Lehrer des Dahingeschiedenen, eine Gedächtnisrede, worin er die Verdienste des Entschlafenen auf dem Gebiete der Philologie, namentlich in bezug auf die Vergleichung alter Pergamente hervorhob. Die rituellen Gebete sprach der Kantor Joachim. Kränze hatten am Sarge niedergelegt die Universität München, deren philosophische Fakultät, der 1ti68auiu8 linguae latinae und die Akademie der Wissenschaften. Der Verstorbene fand seine Ruhestätte zu den Füßen seiner ihm in den Tod vorausgegangenen Eltern. 8. Berlin, 24. Mai. Ein sympathischer, weithin bekannter Schriftsteller und Publizist, Gott hilf Weis stein, ist am 20. d. M. plötzlich gestorben. Der so schnell und ohne vorhergegangene Krankheit Abberusene war durch eine Reihe von Jahren Mitarbeiter verschiedener Blätter, auch der „Allgem. Zeitung des Judentums", war als feinfühliger und gewissenhafter Kritiker tätig und irr Sammlerkreisen wie bei den Bibliophilen als Sammler von Theater- Dokumenten, -Bildern, -Zetteln, von Schriften zur Geschichte der Stadt Berlin, insbesondere als Sammler und Besitzer literarischer wie theatergeschichtlicher Kuriosa bekannt. Weisstein gab auch die bei Frensdorf in Berlin erscheinende interessante Bibliothek der „Berliner Kuriosa" heraus und veröffentlichte „Beiträge zu Maler- Müllers Leben und Schriften", zur Geschichte des Theaterzettels usw. Gotthilf Weisstein, in Berlin am 6. Februar 1852 geboren, hat ein Alter von 55 Jahren erreicht. In seinen Studienjahren war er ein begeisterter Schüler und Anhänger von Steinthal und Lazarus, denen er auch seine Treue bis zum Ende bewahrte. Weisstein war als ein liebenswürdiger, witziger und schlagfertiger Gesellschafter sehrbeliebt und in fröhlicher Tafelrunde allezeit einer der heitersten. Im Hause eines Freundes wurde er in der Nacht vom Sonntag zum Montag von einem Schlaganfall betroffen und mittels Kranken-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.