Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 22 (31.5.1907)
- Date
- 1907-05-31
- Page
- Seite 264 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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raffinierter Polemik mangelte, denn die Bildung hatte noch keinen so hohen Grad erreicht, so besaßen sie vielleicht doch ein befieres Aequivalent, diese altfränkischen Spießbürger. Noch nicht angekränkelt von der demoralisierenden, auch das Gefühl der Nächstenliebe abstumpfenden Blasiertheit und trotz ihrer eigenen Religionslosigkeit unduldsamenHärte der jetzigen Periode waren sie von einer liebenswürdigen Toleranz des Glaubens, einer allgemeinen Menschenliebe, die sich, vorurteilsfrei, ans alle erstreckte, welche die Gesetze der Moral und Sitte erfüllten. Es herrschte fast zwischen sämtlichen Bürgern der Stadt ein zwangloser, gemütlicher Verkehr, der durchaus keine Einbuße erlitt dadurch, daß die einen gläubige Christen, die andern fromme Juden waren. * * * Es war der letzte, heißeste Tag der Reise. Man hatte soeben mittags Eberswalde verlassen. Die glühende Hitze schien ihren Höhepunkt erreicht zu haben. Wie eine weiße, endlose Schlange dehnte sich die staubige, nur spärlich mit Bäumen besetzte Landstraße vor den Augen der Reisenden aus. Die meisten Passagiere waren auf der letzten Station zurückgeblieben und nur zwei neue hinzu gekommen: ein Knabe von zwölf bis dreizehn Jahren, welcher augenscheinlich die Pstngstferien bei Verwandten zugebracht hatte und nun, sein Schulränzchen aus dem Rücken, nach Berlin zurückkehrte, und ein bleich aussehender junger Mann mit ziemlich laugen, fahlblonden, glatt hinter das Ohr gestrichenen Haaren, in weißer Halsbinde und schlichter, schwarzer Kleidung, welche auf einen Predigtamtskandidaten oder dergleichen schließen ließ. Der Hauptmann, seinen Hut oben im Netze, lehnte schlafend in der Ecke. Das Kind hatte ein Buch herausgenonrmen und es sich in der gegenüberliegenden bequenk gemacht. Auch der junge Prediger neben ihm las aufmerksam in einem kleinen Andachtsbuche. Rüben allein war äußerlich unbeschäftigt. Desto angestrengter hasteten und arbeiteten die Gedanken. Auf kurze Zeit hatte ihn sein vis-a-vis abzulenken vermocht; denn die eigenartige, einen nicht gewöhnlichen Charakter verratende Physiognomie fesselte den aufmerksamen Beobachter. Ein unschönes, blasses, fleischloses Gesicht mit scharfgeschnittenen Zügen. Die tiefliegenden, kurzsichtigen, hinter Brillengläsern hervorschauenden grauen Augen trugen nachdenklichen, vergeistigt schwärnierischen und doch forschenden, grübelnden Ausdruck und erzählten von verschwiegenen Kämpfen ruheloser, durchwachter Nächte. Unr die beweglichen Flügel der starken, vorspringenden Nase und unr den farblosen, dünnlippigen Mund lagerte ein asketisch herber Zug und deutete auf frühe bittere Erfahrungen einer trüben, entsagungsreichen Jugend und auf bedeutende geistige Kräfte eines im Leid gestählten Charakters. Rüben las mit Verständnis und Interesse die inhaltreiche Schrift dieser fremden Seele, und ein Etwas darin führte ihn unwillkürlich zurück auf den eigenen Sohn. Von neuem versenkte er sich in seine Sorgen und Befürchtungen, und die ungeduldige Sehnsucht nach endlicher Erlösung von dem drückenden Alp auf seiner Brust wuchs und wuchs. Er wünschte dem schwerfälligen Wagen Flügel. Wie die Schnecken schienen sie ihm dahinzukriechen, die matten, schwitzenden Tiere in der^ sengenden Glut. Verlangend schaute Rüben, am Fenster j lehnend,', den . Weg hinunter. In nicht allzuweiter Ferne winkten die hohen Fichtenkronen des beginnenden Waldes, der sich zu beiden Seiten der Landstraße hinzog und für einige Zeitlang ^willkommenen. Schatten und Kühlung verhieß. Die armen Pferde selbst schienen von neuem Mut bei seinem Anblick erfaßt, und rascher und lebhafter trabten sie daraus zu. Kaum waren die ersten Bäume erreicht, so ließ Rüben ", halten. Des Körpers Untätigkeit bei dem rastlosen Fluge der Gedanken war ihm unerträglich geworden. Er mußte Bewegung haben. Er war ein guter Fußgänger und konnte wohl eine ganze Weile Schritt halten mit dem trägen Gefährt. Alles in ihm drängte unaufhaltsam hinaus in die Luft, ins Freie! ferirer hierin, meinte er ersticken zumüssen. Zu seinem Erstaunen schwang sich auch der junge Mann hinaus. Eine Weile schritten sie stumm nebeneinander her. Rüben hatte seinen Hut abgenommen und ging aufatmend unter dem schützenden Dach der dichtstehenden Bäume auf dein erhöhten weichen Moosboden des Waldrandes neben dem unterhalb des Abhanges gemächlich fahrenden Wagen entlang. Er war so mit sich selbst beschäftigt, daß er, des Begleiters ganz vergessend, fast erschrak, als dieser die Stille umher unterbrach: „Welch angenehmer Gegensatz hier oben zu der erschöpfenden Hitze im Wagen!" Eine eigentümliche Stimme, sonor und doch ungemein wohllautend, tief, voll und weich, eine Stimme von fast bestrickend schmeichelndem Reiz, wie dazu geschaffen, zu rühren, Sit erschüttern in überzeugender, hinreißender Beredsamkeit. Auch auf Rubens Ohr übte diese seltene Melodik ihren Zauber. Eindrucksvoll schon bei so kurzer alltäglicher Bemerkung, wie mußte sie erst wirken in geweihtem Raume, im Dienste ihrer Religion. Sie erinllerte in ihrem klangvollen Timbre an Julius Organ; vorhin etwas im Auge und nun die Stimme; eine kleine seelische Verwandtschaft schien es ihm mit seinem Sohne, und er fühlte sich hingezogen. (Fortsetzung folgt.) Litersrilche Mitteilungen. Artur Süßma nn: Die Judenschuldentilgungen unter König Wenzel. Berlin 1907. Verlag von Louis Lamm. Bei der Betrachtung der mittelalterlichen Geschichte der Juden pflegen wir oon den Aeußerungen niedriger Instinkte, von roher Gewalt und gemeinem Haß zu sprechen, wo wir eigentlich uns vergegenwärtigen sollten, welche rechtliche Stellung unsere Ahnen im damaligen Staate einnahmen. Manches, was uns mit menschlichen Eigenschaften ganz unvereinbar scheinen will, wird uns verständlich, wenn wir wissen, daß die Juden damals unter „Fremdenrecht" standen, daß dieses Fremdenrecht das Prinzip aufstellte: der Fremde genießt überhaupt kein Recht. Nur von diesem Gesichtspunkte aus können wir so unglaubliche Tatsachen verstehen, wie sie der Verfasser dieser vorzüglichen historischen Untersuchung uns schildert. „Von Rechts wegen" wird durch ein ordentliches Gesetz im Jahre 1385 den Schuldnern der Juden der Erlaß aller Zinsen für die im letzten Jahre gemachten Schulden gewährt, ja noch mehr, von den älteren Schulden und den darauf fallenden Zinsen wird ein Viertel abgestrichen und für die Zahlung ein Zeitraum von zwei Jahren bestimmt. Noch weiter geht ein neueres Gesetz von 1390, wonach selbst das geliehene Kapital geschweige die Zinsen, den Schuldnern erlassen wird. Es ist eine verdienstliche Leistung, die der Verfasser der Kenntnis unserer Geschichte damit geschenkt hat, die Aufmerksamkeit auf diese wichtige Periode gelenkt zu haben, die selbst in ausführlicheren Geschichtsdarstellungen noch keinen Platz gefunden hat und doch so außerordentlich instruktiv sein muß. Und wir können dem Verfasser besonders dankbar sein, daß er die wissenschaftliche Untersuchung in lebendiger Darstellung gegeben hat, die ohne Mühe seinen Wegen zu folgen gestattet. G. C. Druck und Verlag von Rudolf Mofse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.