Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 22 (31.5.1907)
- Date
- 1907-05-31
- Page
- Seite 263 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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tagsgewand und frischgewaschener Sabbatstinnming. Vollends die Honoratioren, diese rabbinischen Grandseigneurs in ihrem Atlasstaat und Seitenlockenschmuck, die an die großen Herren auf den altassyrischen Steinreliefs erinnern. Sieht man sie nicht in Marienbad so umherwandeln, oberpriesterhast, zu beiden Seiten geleitet von ihren geistlichen Gesolgsmannen? Und auch die Aermsten dieser Verleugneten sind besser als ihr Ruf; der Künstler wenigstens ist davon überzeugt, er hält sie eher für bester denn für schlechter als ihre westlichen Brüder, die mehr Kultur eingesogen haben. Und er wird ihnen treu bleiben, so lange er den Pinsel führt. Erst kürzlich war er wieder neun Wochen lang in Brody. Von da und von Kolomea bis Marmaros-Szigeth und Munkücs, und noch viel weiter herwärts und hinwärts, ist ihm eilt Boden von malerischer Ergiebigkeit. Man muß freilich initunter leben wie bei den Arabern der Wüste. Blau muß in diesen Wohnungen wohnen können und dieses Esten essen. Nein, mit dem Essen hapert es wirklich. Da gibt es ganz ansehnliche Städte, in denen man höchstens auf dem Bahnhof halbwegs anständig essen kann. Wie in Rumänien ja auch. In Jablonow, das so ganz abseits am Pruth liegt, lebte der Künstler wochenlang nur von Eiern und Milch. Es hat ihn nicht geschadet und wird ihm nicht schaden. Er ging die Pfade des Pfadfinders, und es hat sich gelohnt. Versöhnung. Von M. Herzberg. III. ^^^es Hauptmanns ausdrucksvolles Gesicht hatte im Verlause von Rubens Rede alle inöglichen Wandlungen durchgemacht. Die Bitterkeit, die es anfänglich derselben getragen, hatte der Sorge, dann zweifelnder Hoffnung weichen müssen, und nun strahlte es förmlich in der Freude der Herzenserleichterung über die unerwartete glückliche Lösung. Das war es ja, um was er ihn hatte bitten »vollen; schwer, zu schwer >var es ihm geworden. Nun war der gute Freund ihm entgegen gekommen, hatte ihn, in der taktvollen Güte seines Herzens, der Bitte enthoben. Und was den Wert der Gabe erhöhte, unendlich erhöhte, war die dem Hauptmann wohlbekannte Tatsache, daß Herz es so wenig übrig hatte als er, daß er sich Entbehrungen, Einschränkungen auferlegen mußte, um sich der für damalige Verhältnisse ziemlich bedeutenden Summe ans längere Zeit zinslos zu bntüußern. Er verdiente nur was er brauchte, denn die Zeiten waren schlecht, und die Anforderungen der zahlreichen Familie groß; man lebte anständig und zehrte auf, was einging. An groß Zurücklegen und Sparen war nicht zu denken. Der Alte ergriff die dargebotene Hand und drückte sie bewegt und herzlich. „Lieber, alter Freund," sagte er, sich räuspernd, seine Rührung zu verbergen. „Das wnßt' ich, das wußt' ich — will Ihnen redlich abtragen — auch Harry, dafür will ich sorgen, er soll wissen —" „Kein Wort!" fiel Rüben bestimmt ein. „Beschämen Sie ihn nicht! Sagen Sie ihin nur, welches Opfer Sie sich durch Entziehung der Pension auferlegt haben, sich und der alten Tante, und wie ich ihn kenne, wird das dauernd sein Gewissen, seine Ehre wecken. Nicht ruhen wird er, bis er sich selber wieder achten kann, Sie werden sehen! Er wird sich bessern, gründlich, nur Geduld! Denn das Herz ist gut, und mancher Most, der erst sich schäumend ausgegärt, klärt oft zum besteil Wein." Rubens Zuversicht, die gehobene Sorge übten ihren wvhltätigen Einfluß. „Er ist nicht schlecht, Herz, wissen Sie, da haben Sie recht," sagte er einlenkend. „Nur leicht — leicht — kann aber noch werden — Luisens lvegen wär's mir lieb — sehr lieb — ihr ganzer Verzug - wissen Sie —" und Deiner auch, wie Du Dich auch stellst, dachte Herz lächelnd — „was Sie betrifft, lieber Freund, wahrer Freund — braver Mann — Ihnen werd' ich's nicht vergessen!" „Sie siird mir nichts schuldig, lieber Hauptmalin," erwiderte Rüben herzlich und ernst. „Jeder Dank ist längst für alle Zeiten abgetragen durch die liebevolle treue Hilfe, die Ihre vortreffliche, gute Frau meiner Lina in unserer schweren Trauer und noch weiter angedeihen ließ. Ich bin es, der nicht aufhören kann zu danken." Sie schüttelten sich wiederholt die Hände. Dann holte jeder seine Schnupftabaksdose hervor, sie boten sie einander und nahmen eine kräftige Prise, den befriedigenden Abschluß des schwierigen Geschäfts zu besiegeln. Arm in Arm gingen sie dann aufs Bureau und bestellten Plätze zur gemeinsamen Reise nach Berlin. „Wie wär's noch mit 'nem Schoppen?" fragte der glückliche Hauptmann seinen Begleiter, als sie auf dem "Nachhausewege an den geöffneten Türen ihres Stammlokals, der bekannten Weirichschen Weinstube, vorüberkommend, sich von guten, drinsitzenden Bekannten angerufen hörten. Rüben zögerte; es war ja aber noch früh und er fühlte das Bedürfnis, sich nach den Aufregungen des Tages zu vergessen, sich zu zerstreuen; auch konnte er einem Gläschen Wein so leicht nicht widerstehen. Tröster war er ihm in vielen schweren Tagen und Lagen schon gewesen, und seine alte, fast einzige Schwäche. So gingen sie denn hinein. „Nabend!" „N'abend!" „Na, wie geht's, Hauptmann Fritze?" „Schon lange anwesend, Wald?" „Hier ist Platz, Herz!" „Weirich, zwei Schoppen Weißen, Rüdesheimer! Aber kühl!" So tönte es von verschiedenen Seiten den Eintretenden entgegen. Dicker Pfeifenrauch erfüllte den Raum, über den die milde, durch Fenster und Türen eindringende Lust des warmen Sommerabends nur wenig zerteilende Macht hatte. Man begrüßte sich freundschaftlich und rückte zusammen um den runden Stammtisch in der Ecke. Da waren außer den beiden Angekommenen Gerlach, der joviale Theaterdirektor, der dicke Holzhandler Wald, Doktor Schieferdecker, auch Lebensretter genannt, dann der kleine, kluge Lehrer Heinemann und sein scharfer Kollege, der stark revolutionäre Gottschalk, und schließlich noch Weirich, der Wirt selbst, der stets sich zu den Gästen mit heran setzte. Es waren lauter gute, langjährige Bekannte, die sich regelmäßig hier versammelten, wohlgesinnte, gemeinnützige, humane Bürger der Stadt. Bald war ein lebhaftes Gespräch im Gange. Wohl erhitzten sich die Köpfe bei diesem unter dem Einfluß des Weines. Leidenschaftlich erregt wurden die verschiedensten Themen verfochten. Tagesfragen, Politik, die engeren Angelegenheiten der Stadt, sie alle fanden gebührend gründliche Auseinandersetzung und Verteidigung gegenseitiger Meinungen. Aber wenn auch den Disputen die moderne Schürfe, Klugheit, Umsicht, der ganze Waffenapparat heutiger geistreicher und