Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 22 (31.5.1907)
- Date
- 1907-05-31
- Page
- Seite 262 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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seine Studienzeit eine Jahresgage von 600 Gulden aus. Der Künstler bewahrt noch jetzt manchen Brief des edlen Mäcens, der ihn auch moralisch und patriotisch zu heben suchte. „Vergessen Sie nie," schrieb er ihm, „daß Sie ein Sohn dieses Vaterlandes sind, und wenn Sie einmal zu einer Stellung in Ihrer Kunst gelangen, vergessen Sie nicht, daß sie ein Ungar sind." In der Landeszeichenschule, unter Gustav Keleti und Bartholomaus Szckely, machte er sein erstes Jahr. Die Atzclschen Bermögensverhältnisse nahmen dann eine ungünstige Wendung, doch gab ihm sein großmütiger Förderer noch 200 Gulden und den Rat, nach Wien zu gehen. Es folgte ein fleißiges Jahr im Atelier I. M. Aigners, dieses Fortsehers von Altwien. (Der Unglückliche erhängte sich später in seinem Landhause zu Pötzleinsdorf.) Dann half ihm Professor Wurzingers Fürsprache an die Akademie. In der Spezialschule Trenkwalds ging es hochklassisch her, die Schüler malten den Tod des Cicero und dergleichen Verbrechen. Isidor Kauflnann als Mörder Ciceros, das möchte ich selbst sehen. Aber das Mörderische, so auf die Dauer „stierte es ihm doch", wie inan in Wien sagt. Er schrieb Trenkwald einen wohlgesormten Absagebrief; er müsse hinaus und malen, was er sehe und ivie er es empsinde. Und der Professor, dein dies seinerzeit auch besser getan hätte, gab ihm schriftlich seinen Segen, mit dem deutlich hörbaren Unterton: „Sie haben ja so Recht!" Hinaus also in die Freiheit! Mein Gott, die Freiheit steht in der Nähe auch anders aus als aus einiger Entfernung. Insbesondere pflegt der goldenen Freiheit (die schon Maria Stuart genießen möchte) in ernüchterndem Maße das Gold zu fehlen. Kaufmann malte zunächst, um des lieben Brotes willen, kleine Genrebilder im Rokokogewande. Geheiratet hatte er auch schon (das sieht ihm ähnlich!) und Rokoko wurde damals gekauft. Einmal fiel so ein Bildchen etwas besser ans, und seine Frau redete ihm zu: „Geh, trag' das zu Schwarz!" Schwarz war zu jener Zeit der Unternehmende unter den jüngeren Kunsthändlern, anerkannter Hoffnungsanker des genremalenden Nachwuchses. Abnehmer, Besteller sogar. Er ließ freilich „für das Publikum" malen, so die „gewissen Sachen", in aller Landläufigkeit, nach Möglichkeit erzählerisch, anekdotisch. Und mit einer praktischen Anlehnung an Altwien, an den ewig gangbaren Vormärz. Aber er war klug und stieß sich nicht daran, wenn zufällig etwas besser war als nötig. So schloß sich ihm eine ganze Gruppe junger Talente an, die man im Ausstellungsjargon „die Schwarzkünstler" nannte. Einige sind schon verstorben, man geniert sich also nicht niehr, sie zu schätzen. So den Anton Müller, der das Kleingewerbliche der Vorstadt mit so umständlicher Liebe zu malen wußte; Gevatter Schneider und Handschuhmacher mit all ihrem Handwerksgerät, oder auch beu Forstmeister mit sämtlichen „Krückln" an den Stubenwänden. Seine Interieurs werden jetzt schon sehr gut bezahlt und sind sogar galeriefähig, trotz der flaulichen Farbe. Oder der Josef Gisela (recte Reznicek), der eine Art Eugen von Maas im Kleinen wurde, aber mit beweglicherem Temperament in seinen ultraputzig gegebenen Szenen, bei denen man immer dachte: Warum malt er nicht gleich Uhrendeckel in Email? . . . Nun denn, Isidor Kaufmann seufzte tief auf in seiner Bescheidenheit. Bis zum Schwarz der Schwarzkünstler wagte er den Blick noch lange nicht zu erheben. Was tut aber die Frau Gemahlin? Sie glaubt an ihren Mann und seine Kunst. Heimlich trägt sie das Bild zu Schwarz und er kauft es vom Fleck weg. (O, diese Weiber!) Und es entsteht alsbald eine zehnjährige Verbindung, auf Grund eines Fixums von 4000 Gulden jährlich, bei Verrechnung des Plus an Leistung. Nun war der Künstler ans dem Wasser. Er malte da zahllose Bilder, die sofort verkauft wurden, so daß viele gar niemand sonst zu sehen bekam. Das ineiste aus dem Wiener Leben, „Blauer Montag" und dergl. Gerade das Richtige, um als Künstler zugrunde zu gehen. Isidor Kaufmann fühlte das auch deutlich. Er hatte die Sehnsucht nach Motiven, die ihm innerlich näher gingen. Seine jüdische Kindheit meldete sich wieder, der Zauber der Rasse benebelte das Malerauge. Schwarz ging selbst auf seine mosaischen Vorschläge ein, und siehe da, auch diese Bilder fanden ihre Schätzer. Er reiste nach dem klassischen Lande Galizien und studierte da emsig dieses als anrüchig verschriene Leben. Seine Jnterieurstndien aus Synagogen schlossen dem Publikum etwas wie malerisches Neuland auf. Und da für den.Schwarzschen Vertrieb alles äußerst genau gemalt werden mußte (für das „große" Publikum!) machte er sich aus dieser Not eine Tugend. Diese minutiöse Echtheit sollte seine Juden dem Publikum verständlicher machen und auch menschlich näher bringen. Er fühlte sich dabei als Pionier seines Stammes, mit einer sittlichen Sendung im Herzen. Und waren diese Dinge nicht etwa malerisch interessant? Hatten sie nicht noch etwas Barbarisches, Vorweltliches, Exotisches, Unabgedroschenes? Diese prächtigen, schwerseidenen Vorhänge des Allerheiligsten, mit ihren goldgestickten, hebräischen Runen; diese altväterisch ausgestatteten Thorarollen, diese uneuropäischen Gebetkostüme, diese bärtigen Männertypen von Rabbinern, Tempeldienern, Andächtigen (erst seit kurzem steigt der Künstler auch aus die Frauengalerie), an deren Häuptern jedes Haar gezählt zu sein scheint. So sah man die Menschen zur Zeit Jan van Eycks an. Die zivilisierte Welt staunte und kaufte. Er kann davon noch immer gar nicht genug zustande bringen. Sein Export, auch nachdem er schon lange nicht mehr mit Schwarz ist, geht bis nach Amerika. Selbst der Antisemitismus schadet ihm nicht. In der Herbstausstellung kaufte eine sehr christliche Dame einen seiner Inden; ihr Mann habe sich ausdrücklich einen Juden von Isidor Kaufmann „zum Christkindl gewünscht". Wenn er ausstellte, fielen ihm die großen Medaillen zu; auch in Paris, Berlin, München. Die großen Galerien kauften ihn; auch die Berliner Nationalgalerie, das Wiener Hofmuseum („Der Besuch") die Galerie der Stadt Wien, das Budapester Museuin („DiePforte der Rabbiner", ans Gwodiz in Galizien). Eine Aufzählung seiner Werke wäre mißlich. Es sind ihrer zu viele, und man kann sich das ohnehin denken. „Am Laubhüttenfeste", „Trauer um den Toten", „Aus dem hohen Priesterstamme", „Sabbateingang" usw. Prinzessin Sabbat, um mit Heinrich Heine zu reden, ist überhaupt eine seiner Musen. Sein großer. „Sabbat" von 1899 ist ein Hauptbild; mit zwanzig Figuren von Betenden in der Synagoge. Auch der Kaiser würdigt sein Streben alle die Jahre her und hat ibn schon bei so mancher Ausstellungseröffnung angesprochen. Vor dem Bilde „Der Tempelvater" (aus Munkücs) sagte er ihm: „Sie haben ja auch den Rabbi von Sadagura gemalt." Er hat sich immer gut an Bilder erinnert. Vor einigeil Jahren hatte Kaufmann in Budapest eine ziemlich ansehnliche Sonderausstellung. Seitdem weiß man auch in seinem Vaterlande, was man an ihm hat. Die Liebe des Künstlers zu dem Volke, das er darstellt, kennt keine Grenzen. Er idealisiert es ja auch, das ist keine Frage; wie Uprka seine hanakischen Bauern und in früherer Zeit überhaupt jeder Maler. So sauber, so desinfiziert und sterilisiert sind alle diese malerischen Bevölkerungen doch schwerlich. Man muß ihm das zugute halten. Er malt sie eben auch, wie Uprka die seinen, in Sonnenschein. In Feier-