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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-05-31 · Heft 22 (31.5.1907) · p. Seite 261

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 22 (31.5.1907)
Date
1907-05-31
Page
Seite 261 (sequence 9)
Language
German
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261 Der Titel des von Dr. Bleichrode-Berlin bearbeiteten und im Verlage von S. Lehrberger & Co., Rödelheim erschienenen Gebetbuchs ist der alte geblieben. Der Siddur aber hat ein völlig neues Gewand angelegt. Es sind die mit einigen Ausnahmen sympathisch berührenden Typen, die der Lehrerverband geformt, zur Verwendung gekommen, von den alten Uebelständen ist keine Spur mehr zu entdecken, und Druck, Papier sowie die gesamte Ausstattung ist eine einzige Augenweide. Aber nicht nur das Gewand des Buches hat sich sehr zu seinem Vorteil verändert. Auch sein Wesen hat sich verjüngt; sein schmächtiger, dürrer Leib hat sich gerundet, sein Umfang ist durch die an ihm vorgenommene Kur gewachsen, und seine Brauchbarkeit wesentlich erhöht. Es sei mir erspart, alle die Verbesserungen und Bereicherungen, die das Gebetbuch in seiner neuen Verfassung zeigt, an dieser Stelle einzeln aufzuführen. Es genügt, auf die neuen Typen, die öftere Wiederholung der Gebete behufs Vermeidung des lästigen Umblätterns, die reichlich eingestreuten Erläuterungen zum Texte, die kräftig betonten Vokale und die für den Schulgebrauch freudig zu begrüßende Zeilenbezifferung hinzuweisen. Ich für meine Person muß den zuletzt genannten Vorzug besonders unterstreichen. Welcher Verdruß für Lehrer und Schüler, wenn das ungeübte Auge um wenige Millimeter vom rechten Pfade abirrt! Solche „Entgleisungen" treiben das arme Kind auf die tanzenden Wogen eines unermeßlichen Buchstabenmeeres hinaus, wo es in dem wirbelnden Chaos ohne Rettungsanker weder Weg noch Steg findet und nach qualvollen Bemühungen das vergebliche Suchen nach dem rechten Wege aufgibt. Dieser Wegweiser kann also der Schule einen schätzbaren Dienst leisten, für das Subjekt und Objekt des Unterrichts in gleicher Weise dankbar sein werden. Kann man so dem Siddur ein empfehlendes Geleitwort mit gutem Gewissen auf seinen neuen Lebensweg mitgeben, so muß es doch eine spätere Aufgabe sein, manche der neuen Typen — dieser Wunsch richtet sich an die Adresse des Lehrerverbandes — den Gesetzen der Aesthetik und der historischen Entwicklung mehr anzupassen und ihnen ein gefälligeres, mehr aus den überlieferten Formen herausgewachsenes Aussehen zu geben. -ÄM Jüdor Kaufmann. Von Ludwig Hevesi. Wien, 8. Mai. *nin der Frühjahrsausstellung des Künstlerhauses hängt jetzt ein Bild: „Betstube" von Isidor Kaufmann. Se. Majestät bemerkte dazu: „Das erinnert an Holbein." Und es ist wirklich viel darin von der künstlerischen und sachlichen Empfindung dieses Meisters und seiner Zeit. Eine junge Judenfrau sitzt im Gemach („im Gehäuse" sagte man in der Dürerzeit) über einer großen Bibel und betet. Die Zeichnung ein knapper und doch voller Strich; die Farben deutlich angeschlagen, jede in ihrer „lokalen" Kraft; das Licht ruhig und ohne Spuk von Reflexen und optischen Bizarrerien; der Vortrag überaus glatt und genau, bis zum Emailartigen beinahe, ohne daß man es dem Künstler übel nimmt. Sieht man ihn doch jedes Jahr so kommen, den Nämlichen, in diesem redlichen, schwindelfreien, ausgeglichenen Wesen, wie einen Schüler der alten Altmeister, übersolid, unfehlbar im Handwerk. Und in so ganz ungenierter Weise „unmodern". Nämlich so ganz und gar nicht das, was das Publikum unter sezesfionistisch versteht. Es irrt sich natürlich. Ich habe ja von Anfang her immer gewarnt, malerische Bocksprünge und mutwilliges Böckeschießen für das Wesen der Sezession zu halten. Kein neues Rezept! Im Gegenteil: jeder nach seiner Natur, nach dem, was in ihm ist. Nur nicht nach der Schulschablone. Einige der Gefeiertesten der internationalen Sezession sind ja alte Meister von heute. Einige Begründer der Wiener Sezession waren auch nichts weniger als toll, wenn sie sich auch eine Zeitlang darin versuchten, bis sie einsahen, daß es gar nicht nötig war. Und ebensowenig braucht Kaufmann die Modernen zu scheuen. Er macht anderes und anders, aber aus seinem Gefühl heraus, mit einem Können, das er sich im Leben nach und nach erkämpft hat. Und er hat sich seine eigene Welt entdeckt, einen Stoffkreis, der schon Rembrandt so magisch anzog; diesen mitteleuropäischen Orient, von dem sonst niemand was wissen will, auch malerisch nicht, einzelnes Gelegentliche (Israels, Horovitz) ausgenommen. Und jedes Jahr hat Isidor Kaufmann den gleichen Erfolg; höchstens daß die Kritik ihn etwas zu süß findet, nur um ein paar Grad des koloristischen Sachcarometers. Und das Publikum kauft alles. Er hat nie mehr als ein Bild in seinem Atelier; das, an dem er eben malt. Und seine Käufer sind meistens Christen, obgleich er lauter Juden malt, galizische gar und ostungarische, in die man sonst nicht eigentlich verliebt ist. Was tun? Augenscheinlich ist auch er eine der malerischsten Möglichkeiten unserer Zeit und eines der Bedürfnisse ihrer Augen. Sein Leben ist natürlich ein Roman; wie jedes Leben, bei dem etwas herauskonunt. Er ist in Arad geboren, 1858, von jüdisch-frommen Eltern. In einer Luft ohne alle und jede Kunstbazillen. Er trat in ein Bankgeschäft, selbstverständlich nicht als Chef. Vielmehr war der Chef ein Italiener. Dieses Volk hat Augen und bemerkt gleich, wenn ein Praktikant mehr zeichnet als rechnet. Auch riet der Chef dem Knaben Isidor sofort, lieber Maler zu werde». Es war aber damals in Arad nicht ganz leicht, sich zum Maler auszubilden. Da kam ein wandernder Porträtmaler aus Pest, Csillaghy mit 'Namen. Mancher meiner älteren Leser wird sich noch an ihn erinnern, wie ich selber auch, denn er hat viel im Pefter Bürgerstand herumporträtiert. Gleich familienweise setzte er diese Zeitgenossen auf die Leinwand. Aehnlich hat ill meiner Familie ein gewisser Wagner grassiert, dem ich als Kind oft genug bei seiner Kunst zusah. Er bekam fünfzehn Gulden für ein Brustbild in Lebensgröße und verfuhr entsprechend standrechtlich; aber dieses Summarische wird ja jetzt geschätzt. Und dann traf der Mann wie ein Hofphotvgraph. Wie der alte Strelisky, der damals auch noch jung war . . . Kurz, Knabe Isidor machte sich an Meister Csillaghy heran und wurde sein Faktotum in Arad. Sein Leibfuchs, Farbenreiber, Stiefelputzer, Essenträger, Dominopartner, nur um ihm etwas abzugucken. Und siehe da, eines Tages malte er ganz aus Eigenem einen großen Moseskopf; sprechend ähnlich. Im Laden seines Onkels, keinem Kunstladen zwar, in der Fö-utcza (jetzt Szabadsäg-t6r), wurde dieses Gemälde allsgestellt. Die Nachbarschaft kam, der ganze Hauptplatz kam, die ganze Stadt Arad kam, der „Moses" des Knaben „Dori" war das künstlerische Tages-, ja Jahresereignis. Auch der Obergespail Peter Atze! kaiil, sah und — man weiß ja, welche noble Herrennatur er war — und ein solches Erstlingswerk in Farben verriet ihm sofort das ungewöhnliche Talent — kurz er nahm Tags darauf den Jungen nach Budapest mit. Er wohnte im Palais Wodianer und ließ den Professor Moriz Thän kommen, die Arbeiten Isidors zu begutachten. Das Urteil lautete günstig, und Peter Atzel setzte dem Jüngling für

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