Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 22 (31.5.1907)
- Date
- 1907-05-31
- Page
- Seite 260 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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wie schon der alte Jahn in der Paulskirche in Frankfurt ä. M. bei der Nationalversammlung vom Jahre 1849 gesagt hat: „Wir wissen, daß es in allen Lebensgemeinschaften ein Stetiges und ein Tätiges, ein Ruhendes und ein Tuendes, ein Bleibendes und ein Treibendes geben mutz." Aber es ist durchaus nicht notwendig, das hat heute früh schon Herr Abgeordneter Kassewitz ausgeführt, daß man, wenn man auf dem Standpunkt des Treibenden, des Tuenden steht, darum den gegensätzlichen Standpunkt austilgen möchte. Es ist ja heutzutage, auch auf politischem Gebiet, so viel die Rede von einer Paarung des konservativen und liberalen Geistes; ich weiß nicht, ob eine solche Paarung möglich ist, aber das weiß ich: das ist möglich, daß konservativer und liberaler Geist friedlich nebeneinander bestehen, daß sie Zusammenwirken können inr Interesse der Gesamtheit und daß sie das Uebrige dem lieben Gott überlassen dürfen, der stets, in allem Wanken der menschlichen Verhältnisse, die richtige Mittellinie zwischen den einander befehdenden und entgegenstrebenden Richtungen zu finden wußte. Unddarum, meine Herren, ist es auch nicht richtig, was immerund immer wieder in jenem Prozeß gesagt worden ist: daß der Gegensatz von orthodoxem und freisinnigem Judentum größer oder doch mindestens so groß sei als derjenige von Protestantismus und Katholizismus, und es ist nicht richtig, wenn gesagt wird: so wie es niemand eingefallen sei, Protestanten und Katholiken unter eine gemeinschaftliche Oberbehörde zu bringen, so sei es auch ein Unding, eine gemeinschaftliche Oberbehörde über orthodoxe und liberale Juden zu setzen. Ich bin überzeugt, meine Herren, daß dieser Vergleich bis tief in die Kreise der gesetzestreuen Bekenner des Judentums hinein Mißbilligung erregt hat, der Vergleich der beiden jüdischen Richtungen mit dem großen Gegensatz von Katholizismus und Protestantismus; ich bin fest überzeugt, daß wir Gemeinsames genug haben, um auf demselben Boden miteinander wirken zu können. lBravo!) Und wenn wir nichts anderes gemeinsam hätten als das Glaubensbekenntnis an den einigen, einzigen und unvermittelten Gott, so würde auch dies genügen. Denn es tritt bei uns ein Moment hinzu, welches uns zusammenschweißt und das bei Katholiken und Protestanten nicht vorhanden ist: das ist der von außen kommende, auf unsere beiden ' Richtungen gleichmäßig wirkende Druck. Dieser, der uns nötigt, uns auf uns selber zu besinnen, zusammenzuhalten zur Stärkung und Festigung unserer Religion und unserer bürgerlichen und staatsbürgerlichen Stellung, der muß auch bis zu einem gewissen Grade die Gegensätze der Richtung zwischen konservativem und liberalem Judentum überbrücken. Wer das nicht empfindet, daß gegenüber diesem Druck und dieser Anfeindung von außen die Notwendigkeit einer inneren Einigkeit für uns gegeben ist, der verkennt die Zeichen der Zeit; und wer sie in dem Maße verkennt, daß er selbst die organischen Einrichtungen, die wir schon haben und die wir bei uns in Baden einer erleuchteten Regierung verdanken, daß er diese Einrichtungen für die Einheitlichkeit unseres Religionsverbandes, wie sie in unserem Oberrat und in unserer Synode gegeben sind, untergraben und vernichten will, der ladet eine schwere Verantwortung auf sich. Ich kann hier nur nochmals das wiederholen, was im Jahre 1903 unter der Unterschrift unseres hochverehrten Ministerialkommissärs nach dieser Richtung hin gesagt worden ist: „Mögen diejenigen, welche es nötig zu haben glauben, das gesetzestreue Judentum in Baden zur Sammlung zu rufen, sich der Verantwortung bewußt sein, welche sie auf sich nehmen, wenn sie durch die Ausstellung unrichtiger und verletzender Behauptungen und durch die Erregung von Mißtrauen einen Keil in die Organisation der Landessynagoge treiben, die Mitglieder derselben den geordneten Organen, die beharrende der fortschrittlichen Richtung und umgekehrt entfremden. Im Gegensatz dazu wird der Oberrat nach wie vor bestrebt sein, dahin zu wirken, daß beide Richtungen, jede in ihrer Weise, unter gegenseitiger Achtung und Verträglichkeit miteinander wetteifern in der Befriedigung der religiösen Bedürfnisse und in der sittlichen Förderung der Glaubensgenossen. Im Bewußtsein dieser Pflichterfüllung kann er die Beurteilung der gegen ihn selbst gerichteten Beschwerden der Synode überlassen." Und das, meine Herren, tue auch ich. lLebhaftes, lautes Bravo!) In Nummer HI seines Verordnungsblattes vom 24. Mai gibt nunmehr der Oberrat folgendes bekannt: „Der Oberrat hat Erwägung der in der Interpellation angeführten Tatsachen und Beschlußfassung über dieselben in Aussicht gestellt. Es hat jedoch der in Absatz 1 und 2 der Interpellation gedachte Rabbiner bereits unterm 20. März d. I. in einem an eines unserer Kollegialmitglieder gerichteten amtlichen Schreiben vom 18. April d. I. die Erklärung abgegeben, daß der in Nummer 4 des „Israelit" vom 24. Januar d. I. in der „Literarischen Warte" mit der Aufschrift „Frankel" erschienene Artikel ohne sein Wissen veröffentlicht wurde, und er infolgedessen die verantwortliche Redaktion für die „Literarische Warte" sofort niedergelegt habe. Daraufhin hat der Oberrat, wenn auch von seiten des gedachten Rabbiners vor der Verhandlung der Synode nichts geschehen ist, um die Verantwortlichkeit für den — nach der Angabe am Schluß der fraglichen Nummer des „Israelit" unter seiner Redaktion erschienenen — Artikel vor der Oesfentlichkeit abzulehnen, beschlossen, von der Erwägung eines weitereu dienstpolizeilichen Einschreitens gegen denselben, insbesondere auch wegen seiner früheren redaktionellen Mitbeteiligung an dem wegen Beleidigung des Oberrats bereits verurteilten Blatte (vergleiche Verordnungsblatt 1906, Nummer VII, Seite 47 ff.), abzusehen-und die Interpellation in Punkt 1 und 2 für erledigt zu erachten. Auch in bezug auf Absatz 3 der Interpellation hat der Oberrat es nicht für angezeigt erachtet, den Bezirkssynagogen und Synagogenräten im Wege dienstlicher Anweisung die Unterlassung amtlicher Bekanntmachungen in dem gedachten Blatte aufzugeben, indem er davon ausging, daß die Auswahl der zu amtlichen Bekanntmachungen geeigneten Blätter dem Taktgefühl der beteiligten Stellen und ihrem Empfinden für das Ansehen der Landessynagoge überlassen bleiben könne." Lin alles Luch im neuen Kleid? Bon Bernhard Traubenberg. s ist eine Lust zu leben" — dieses Wort können vor allem unsere Schulinsassen ausrufen. Denn unausgesetzt bemühen sich denkende Köpfe der Lehrerwelt, das Lernen zu einer Sache der Freude und der Lust zu machen. Was man aus Liebe tut, geht noch einmal so gut. Daruin lautet eine unumgängliche pädagogische Forderung: Errege die Lustempfindnng des Kindes bei deinem Pädagogischen Werk und suche es mit seinem Gemüt für den behandelten Gegenstand zu interessieren. Verhältnismäßig spät sucht man diesem Fundament aller Erziehungsweisheit im Religionsunterricht Geltung zu verschaffen. Unter den mannigfachen Disziplinen desselben ist das Hebräischlesen stets das Sorgenkind aller Fächer gewesen. Endlich ringt sich auch hier neues Leben zutage, hervorgehend aus der löblichen Absicht, das Lernen mehr tustals leidvoll zu gestalten. Der alte Rödelheimer Siddur galt seinerzeit als ein Muster von Druckerzeugnis und konnte darum alle Mitbewerber um die Gunst des Publikums mit leichter Mühe aus dem Felde schlagen. Aber der Rödelheimer Siddur war auch eine Quelle manchen Mißvergnügens für Lehrer und Schüler. Die übergroße Aehnlichkeit vieler Buchstabenformen machte das Lesen für den Anfänger zu einer ungeheuren Schwierigkeit und dann stoffen die Buchstaben benachbarter Wörter derart ineinander, daß der des Hebräischen Unkundige sich Wortungetümen gegenüber sah, vor denen er rettungslos kapitulieren mutzte. Nun ist der alte Rödelheimer unter der Hand eines sachkundigen und erfahrenen Bearbeiters zu neuem Leben erwacht, er hat die alten Hüllen abgeworfen und ein schöner Schmetterling ist aus der Verpuppung herausgesprungen. ') fltiX *THD Gebetbuch für Schule, Synagoge und Haus; von Dr. I. Bleichrode. Verlag: S. Lehrberger & Co., Rödelheim