Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 22 (31.5.1907)
- Date
- 1907-05-31
- Page
- Seite 258 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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einem einzigen Gesichtspunkte, der in Wahrheit religiös ist; und was sie wirken, wirken sie durch den vollen Einsatz ihrer ganzen Persönlichkeit; sie sind selten glücklich, was die Menschen so nennen; sie schauen die Schäden und Leiden schärfer, deshalb rufen sie zur Umkehr und Einkehr. Es hat Feilchenfeld auch nicht irre gemacht, wenn seine Stimme die Stimme eines Rufers in der Wüste blieb. Er fühlte es stets, daß seine Gedanken doch allmählich in die Tat nmgesetzt werden müssen. Und auch darin gleichen seine begeisterten Worte, mit denen er an die Oeffentlichkeit getreten ist, denen unserer großen religiösen Führer. Man kann sie immer wieder und wieder lesen, und sie erscheinen uns stets, als ob sie eben gesprochen sind. Ich beitfe dabei besonders an die Worte Feilchenfelds, die er seiner „Anleitung zum jüdischen Religionsunterricht" vorausschickt. Was er dort vor 25 Jahren über den Religionslehrer, über den Religionsunterricht und über die jüdischen Eltern sagt, es ist noch heute richtig. Hören wir ihn selber in der Mahnung an einen Schüler: „Alle deine Leiden, mein Lieber, kenne ich aus eigener, langjähriger Erfahrung. Gewiß, du hast guten Grund, über so vieles zu klagen, was dich an einem segensreichen Erfolge deines Religionsunterrichts behindert. Aber da wir nicht die Macht haben, alle diese Hindernisse zu beseitigen, was bleibt da übrig, als sie durch unsere Anstrengungen zu überwinden? Oder sollen wir etwa unsere heilige Sache preisgeben? Alles um Dich her ist kalt und gleichgültig gegen die Religion. Darum willst Du auch immer kälter und gleichgültiger werden, und nicht vielmehr mit um so größerer Wärme, mit um so ausdauernderen Eifer Deinem Berufe obliegen? Deine Schüler und Schülerinnen merken wohl, wieviel weniger Gewicht auf Deinen Unterricht als auf jeden anderen gelegt wird, und deshalb sind sie nur wenig zur Aufmerksamkeit und zum Gehorsam geneigt. Das wird jedoch ganz anders werden, wenn die Eltern und Kinder erst merken, wieviel durch Deinen Unterricht für Geist und Herz gewonnen wird, daß das Ergebnis desselben wertvolle Kenntnisse und Erkenntnisse sind und jene Frömmigkeit, welche das Leben berührt. Aber die sonst so viel beschäftigten Kinder können doch nur wenige Stunden wöchentlich Dir angehören, und auch diese werden oft aus nichtigen Gründen versäumt. Nun, so zeige Deine Kunst, was Du durch Eifer und Geschicklichkeit zu leisten vermagst, und suche Dir durch einen lebendigen, anregenden Unterricht die Herzen der Kinder zu gewinnen, damit sie gern zu Dir kommen. Das größte Uebel aber glaube nur, besteht darin, das; weithin die böse Meinung verbreitet ist, es liege die religiöse Sache denen selbst, welche sie vertreten sollen, nicht sehr am Herzen, sie seien mehr auf Geld und ihr Ansehen und ihre Bequemlichkeit bedacht, als auf eine ehrliche Wirksamkeit. Sowie dagegen in Deiner Gemeinde erkannt wird, Du habest eine große Meinung nicht von Dir, sondern von Deinem Berufe, Du seist ganz und gar ergriffen von der Wahrheit und der heiligenden Macht Deiner Lehren, und Du versäumst nichts, weder um Dich selbst immer mehr in Deinem Lehramte zu ertüchtigen, noch um dasselbe für die Jugend so nutzbringend wie möglich zu machen, so werden alle bald mit Achtung auf Dich blicken, und durch Dich wird die heilige Sache auch im Ansehen steigen in ihren Augen." Was Feilchenfeld in seinem Wirkungskreise Rühmliches erreicht hat, wie oft er jungen Leuten den Lebensweg gebahnt hat, das alles zu erzählen, wäre nicht im Sinne dieses bescheidenen Mannes. Eines nur soll hier zum Schlüsse noch gesagt sein: Seine Schüler nennen ihn ihren besten Lehrer, seine Gemeinde ihren wahren Seelsorger. Möge es ihm beschieden sein, das noch lange zu bleiben. Gott schütze und erhalte ihn! Line Interpellation sn Len LaLilchrn Sberrst und ihre LrleLigung. Karlsruhe, 24. Mai. uf der außerordentlichen Synode vom 18. März d. I. haben die Abgeordneten Dr. Bielefeld und Genossen folgende Interpellation an den Oberrat gerichtet: „Ist dem Großherzoglichen Oberrat bekannt, daß ein Rabbiner der Landessynagoge als verantwortlicher Mitredakteur eines Blatter zeichnet, das den Grobherzoglichen Oberrat und damit die oberste Institution der Landessynagoge fortgesetzt in beschimpfender Weise angreift? Ist dem Großherzoglichen Oberrat bekannt, daß in jenem Blatte unter der verantwortlichen Redaktion desselben Rabbiners ein Artikel erschienen ist, welcher den gefeierten Lehrer einer großen Zahl badischer und außerbadischer Rabbiner, Zacharias Frankel, die von ihm begründete israelitisch-theologische Lehranstalt in Breslau und alle aus dieser hervorgegangenen Rabbiner in gröbster Weise verunglimpft? Ist. dem Grobherzoglichen Oberrat bekannt, daß Rabbiner der Landessynagoge amtliche Bekanntmachungen in jenes Blatt einrücken? Was gedenkt der Großherzogliche Oberrat gegen dieses das Ansehen der Landessynagoge und des badischen Rabbinerstandes schädigende Verhalten einzelner Mitglieder dieses Standes zu tun?" Als Vertreter des Großherzoglichen Oberrats beantwortete Herr Geheimer Hofrat Professor Dr.Rosin die Interpellation dahin, daß sich der Oberrat bisher mit den angeführten Tatsachen noch nicht beschäftigt habe. Er stellte nunmehr eine Entschließung in Aussicht, welche ebensowohl das Ansehen der Landessynagoge und den Frieden unter den Rabbinern derselben wahren, als auch jede Beeinträchtigung der freien wissenschaftlichen und religiösen Meinungsäußerung vermeiden werde. (Bravo!) Der Oberrat werde sich um so mehr nur von objektiven Gesichtspunkten leiten lassen, je mehr er selbst persönlichen Angriffen von orthodoxer Seite ausgesetzt sei und je mehr man von dieser Seite behaupte, daß die Vergewaltigung der strenggläubigen Richtung sich mit Notwendigkeit aus den: System der israelitischen Kirchenverfassung in Baden ergebe. Von diesem Punkte aus will der Redner im ersten Teil seines Vortrags ein Bild von der persönlichen Kampfesweise geben, wie sie namentlich in dem orthodoxen Organ „Der Israelit" gehandhabt wird, während er im zweiten Teile den Nachweis für die Behauptung erbringen will: „es ist nicht richtig, daß unsere Organisation mit sachlicher Notwendigkeit zu einer Unterdrückung der Orthodoxie oder des sogenannten gesetzestreuen Judentums führen muß." „Ich wünsche nichts lebhafter" — so fährt der Redner fort — „als das; meine Ausführungen auch auf jener Seite gehört, von Männern gehört und beherzigt werden, die bei aller Energie und Entschiedenheit in der Vertretung ihres Standpunktes geneigt sind, die Verhältnisse mit Ruhe und Gerechtigkeit zu betrachten. (Sehr gut!) Daß es solche l Männer gibt, dafür haben wir heute früh das Beispiel eines Verstorbenen und eines Lebenden gehört. Der Lebende hat uns vom Verstorbenen erzählt, und sie beide stimmten darin überein, daß es möglich und daß es notwendig ist, daß die beiden Richtungen im Judentum sich gegenseitig vertragen — vertragen und nicht bloß dulden! (Allseitiges Bravo!) Möge es mir beschieden sein, das Ohr aller solcher unbefangener, gerecht und duldsam urteilender Männer zu erlangen, und nicht bloß das Ohr, sondern auch ihr Herz!" Redner spricht sodann kurz von dem Ergebnis der Strafklage, welche gegen den früheren Redakteur des „Israelit" auf Anregung des Oberrats und Strafantrag des Großherzoglichen Ministeriums eingeleitet worden ist. Er verweist auf das im Verordnungsblatt des Oberrats 1906 Nr. VII abgedruckte verurteilende Erkenntnis und hebt aus dessen Gründen den folgenden, die Unparteilichkeit des Oberrats beleuchtenden Passus hervor: „Tatsächlich wurde nach der Ueber zeugung des Gerichts der Beweis der Wahrheit der behaupteten Tatsachen seitens des Angeklagten nicht erbracht. Der badische Oberrat hat in allen drei oben behandelten Fällen nach seinem pflichtgemäßen Ermessen auf Grund der ihm durch seine Organe erstatteten Gutachten und seiner sonstigen Ermittlungen gehandelt. Es muß hierbei insbesondere berücksichtigt werden, daß er eine Behörde ist, die zwei