Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 22 (31.5.1907)
- Date
- 1907-05-31
- Page
- Seite 257 (sequence 5)
- Language
- German
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Sonst aber kennt man einander nicht und alle Anstrengungen, die lerschiedenen Gemeindemitglieder durch gesellige Vereinigungen and Literaturvereine einander näher zu bringen, gewähren mr für den Abend selbst Erfolg, find aber leider für die Dauer bisher erfolglos geblieben. Daß unter solchen Umtänden das Leben in einer Kleinstadt nicht angenehm ist, ist mtürlich, denn der Mensch, insbesondere der Jude, will nicht >loß ein Arbeitstier sein, sondern gelegentlich auch Geselligkeit »flegen. Unsere jüdischen jungen Damen mögen nicht nach der Kleinstadt heiraten, selbst wenn der in Aussicht gewmmene Gatte ein Rechtsanwalt oder Arzt mit guter Praxis oder der Inhaber eines gut gehenden Geschäftes st, sie meinen: „Wir haben dort keinen passenden Umgang," und ziehen es vor, lieber unvermählt zu bleiben, oder ,wenn's nicht kann sein", in vorgerückten Jahren in der Großstadt mehrere gesellschaftliche Stufen herabzusteigen, nur um aersorgt zu werden! Unsere christlichen jungen Damen hingegen, selbst diejenigen aus den besten Familien, besinnen sich aicht einen Augenblick, dein Manne ihrer Wahl auf das entlegenste Pfarrdorf, in die einsamste Obersörsterei oder selbst nach Tirschtiegel zu folgen, wenn er dorthin als Amtsrichter »ersetzt wird oder als Arzt praktiziert! Auch der gesellschaftliche Boykott ist nicht so arg, wie ihn unsere „Schwarzseher" in der Ostmark schildern. Daß Herr Kohn aus Schermeisel trotz seiner Ehrenhaftigkeit in seinem geschäftlichen Berufe und seiner unbesoldeten Ehrenämter als Stadtverordneter oder gar Magistratsmitglied nicht von dem Herrn Anitsrichter, Arzt oder Apotheker oder gar von den benachbarten Gutsbesitzern — durchweg Mitgliedern des antisemitischen „Bundes der Landwirte" — zu ihren Gesellschaften geladen wird, ist freilich nicht zu leugnen, aber das geschieht nicht allein in Schermeisel und nicht bloß in der Ostmark, sondern überall „rechts und links der Elbe". Allein auch die christlichen Mitbürger, welche auf gleicher gesellschaftlicher Stufe mit den Herren Kohn und Levy stehen, sind von dem Kreise der Auserwählten ausgeschlossen, ohne daß sie deswegen die Welt mit Klagen über ihre Zurücksetzung erfüllen. Unsere Glaubensgenossen aber pflegen gerade in kleineren Gemeinden der Ostmark in ihren eigenen Reihen noch strenger den Kastengeist als die Andersgläubigen. Statt nun ihre überflüssige Zeit und ihre geselligen Talente der kulturellen Entwicklung ihrer minderbegüterten Glaubensgenossen zu widmen, gefallen sie sich auf ihren einsamen Höhen in der Manier des Hamletschen Weltschmerzes und suchen sobald als möglich den Staub der Ostmark von ihren Füßen zu schütteln. Auch die Alten klagen wie die Jungen über mangelnden Umgang, als ob ein gutes Buch, eine traute Familienfeier, eine kleine Erholungsreise mit Weib und Kind nicht vollwichtigen Ersatz für einen Kaffee- oder Skatabend in andersgläubigen Kreisen bietet, in welchen man doch nur geduldet oder scheel über die Achsel angesehen wird! Im übrigen empfinden gerade diejenigen unter unseren Glaubensgenossen, die einflußreiche öffentliche Aemter, wie das eines Landtags-, Reichstags-, Provinzial- oder Kreistagsabgeordneten, bekleiden oder akademisch gebildete Beamten sind und einen freien akademischen Beruf ausüben, nichts oder nur selten von einem gesellschaftlichen Boykott. Das muß zur Steuer der Wahrheit hier ausdrücklich konstatiert werden. Als vor kurzein der Posener Provinziallandtag eröffnet wurde, der zu den reaktionärsten unseres Vaterlandes gehört, da präsidierte ein Glaubensgenosse, der dazu noch aus einer kleinen Stadt entsandt wurde, als Alterspräsident und genoß auch all die gesellschaftlichen Vorrechte eines solchen. Und als im Vorjahre ein hervorragender Industrieller der Ostniark, der ein treuer Jude war — ihn deckt jetzt der grüne Rasen — sein Jubiläum als Magistratsmitglied der Provinzialhauptstadt feierte und ihm zu Ehren von den städtischen Behörden ein Festessen veranstaltet wurde, da sah man unter den Gästen auch den Oberpräsidenten, den Regierungspräsidenten und die Vertreter der höchsten Zivil- und Militärbehörden. Ein anderes jüdisches Magistratsmitglied hingegen, das lange Zeit feines Amtes waltete, wurde gegen die Stimmen der Juden (sie)! nicht wiedergewählt, weil er seinen Sohn taufen ließ, um ihm sein Fortkoinmen zu erleichtern, während der Vater Jude blieb! So, geehrter Herr Redakteur, sieht es bei uns in der vielverleumdeten Ostmark aus. Und wenn sich wiederum ein Sturm gegen den gewerblichen und gesellschaftlichen Boykott der Juden „unberufen" erheben sollte, dann verweisen Sie gütigst die Klagepropheten auf den alten Schiller, der da sagt: „Willst du dich selber erkennen, so sieh', wie die ander» es treiben; Willst du die andern versteh'n, blick' in dein eigenes Herz." Z’vvi. Eum achtelten Geburtstage des Lsndesrabbiners Dr. Fei!chenke!d. Von Rabbiner Dr. I. Galliner. chtzig Jahre erscheinen als ein kurzer Abschnitt der unermeßlichen Zeit; aber auf den Menschen bezogen, mißt dieselbe sich anders. Sein Leben währt ja siebzig Jahre; darüber hinaus die Tage zu bringen, ist nur der kleineren Zahl beschieden. Meinem hochverehrten Lehrer ist dies Los der wenigen geworden, und ich verweile heute gerne mit meinen Gedanken bei ihm. Vor zehn Jahren hat der allzufrüh verschiedene Rabbiner Dr. Rippner in dieser geschätzten Zeitung die Eigenart dieses Mannes gezeichnet. „Er ist," so wird dort gesagt, „keiner, der mit dem Troß läuft, den man so ohne weiteres klassifizieren könnte; weit eher könnte mau ihn mit dem süddeutschen, von Auerbach aufgenommenen Ausdruck einen Eigenbrödler nennen; einer, der sich sein geistiges Brot selbst bäckt und bereitet, und es ist gute, durchgebackene Speise, die er bei dem Feuer einer reinen religiösen Begeisterung herstellt." So erschien der Freund seinem Freunde, anders jedoch der Lehrer seinem Schüler. Wenn ich mir heute nach zehn Jahren alles das zurückrufe, was ich von ihm über Staat und Religion, Jugendbildung und Lehrerbildung, Gesellschaft und Gesittung gehört habe, dann erscheint er mir als eine prophetische Natur. Wir dürfen die Namen der großartigen Gestalten Israels wohl verallgemeinern und auf alle die Menschen erstrecken, deren Seele eine solche Gewalt und Eigenart hat, daß sie mit einem Blicke das All, weltliches und außerweltliches umspannen, tiefer und schärfer, eindringend als alle anderen, aber von