Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-05-31 · Heft 22 (31.5.1907) · p. Seite 256

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 22 (31.5.1907)
Date
1907-05-31
Page
Seite 256 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3228744-3228767--63556-3297461
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

256 Das Deutsche Bureau der Alliance Israelite Universelle stellt uns folgende Mitteilungen aus Rumänien zur Verfügung: Der rumänische Ministerpräsident Stourdza und der Minister des Innern Bratianu haben in Braila sich öffentlich dahin ausgesprochen, daß die Regierung die Absicht habe, von den neuen Kammern Kredite zur Vergütung der Schädigungen zu verlangen, die bei den jüngsten Unruhen angerichtet worden sind. Ob der Ministerpräsident und der Minister des Innern bei Abgabe der Erklärung eine Entschädigung nur der Landbesitzer und Pächter im Auge gehabt haben, oder ob sie Entschädigungen auch den Israeliten Rumäniens gewähren wollen, die unter den Unruhen in der Moldau gelitten haben, darüber liegen bestimmte Meldungen nicht vor. Kolener Lriek. ie geneigten Leser kennen den Witz, der die Hauptbeschäftigung unserer Glaubensgenossen und die daraus resultierende geistige Anschauung jener Kreise charakterisieren soll: Ein unternehmender junger Mann aus der Ostmark, dem die „alte Welt" zu klein ist, geht über das große Wasser, um dort sein Glück zu versuchen. In dem ersten Briefe, den er aus dem wilden Westen an seine Eltern sendet, teilt er mit, daß sein Geschäft „unberufen" Gott sei Dank gut geht. Im zweiten Brief schreibt er, daß er auch jetzt noch zufrieden sei, aber leider haben sich in jüngster Zeit noch drei jüdische Konkurrenten dort niedergelassen. Im dritten Brief jedoch, der erst nach längerer Pause an die Eltern geschrieben wird, berichtet der Sohn, daß er in kurzem seinen jetzigen Wohnort verlassen müsse, um sich anderweitig niederzulassen, weil die Glaubensgenossen sogar jetzt eine Synagoge erbauen wollen. An diesen Scherz muß ich immer denken, wenn ich so viele bewegliche Klagen über den gewerblichen und gesellschaftlichen Boykott der Juden in der Ostmark lese. Wir in der Ostmark sind nun bald in der Lage, nicht Synagogen aufzubauen, sondern zu schließen, und obwohl also die geschäftliche Konkurrenz in unseren eigenen Reihen bedeutend geringer ist, nimmt die Auswanderung aus dem Osten von Jahr zu Jahr zu, während nur in verschwindend geringen Fällen der Sohn oder die Tochter das alte, gute Geschäft des Vaters übernehmen will. Lieber ist man in Rom der Zweite, als in Neutomischel der Erste. Und wäre es das nur, wäre jeder Exulant in dem neuen Wirkungskreise auch nur der Zweite! Aber wir kennen ehemalige Gemeindevorsteher, die allmächtig in ihrer K’hilla waren und nun froh sind, wenn sie im neuen Wirkungskreise nur „6bewragabbe" oder gar Oberschammes werden! Da hat mich wieder einmal der alte jüdische Humor, der Scherz unter Tränen gepackt, während mit mir so viele wackere Männer der Ostmark im Hinblick auf den sichtbaren Niedergang unseres einst so bedeutsamen Judentums im Osten mit dem Psalmisten ausrufen: „Ich erhebe meine Augen zu den Bergen, von wannen wird mir Hilfe kommen!" Wenn ein wohlhabender Glaubensgenosse aus einem kleinen Städtchen in die Großstadt verzieht, weil er nach harter jahrelanger Arbeit die Annehmlichkeiten der Großstadt genießen oder in der Mitte seiner dort ansässigen Kinder den Rest seiner Tage verleben will, wenn ein kapitalkräftiger und rüstiger Kauf- , mann für seine Arbeitskraft einen größeren Wirkungskreis sucht, als ihin die engere Heimat bietet, dann wird jeder Vernünftige einen solchen Entschluß nur billigen können. Wenn aber, wie das in den letzten Jahren geschieht, Leute mit geringen Kapitalien, mit wenig praktischem Unternehmungsgeist, ihr bescheidenes, aber sicheres Brot in der Kleinstadt aufgeben, ohne zu wissen, welche materiellen Entbehrungen welche angestrengte Arbeit ihrer in der Großstadt wartet, da mit sie sich notdürftig über Wasser halten können,' wenn fi selbst ihre angesehene soziale Stellung aufgeben, die sie siel! auch bei Andersgläubigen durch die Bekleidung öffentliche Aemter, als Provinziallandtags-, Kreistags-, Magistratsun Stadtverordnetenkollegiumsmitglieder, als Mitglieder de? Handelskammer u. dgl. m., erworben haben, dann müsse» noch andere Gründe für den Zug nach dem Westen vorliege»-. Und diese Gründe wollen wir in Kürze sine ira et studio hie? untersuchen. Vor allen Dingen müssen wir ausdrücklich fest stellen, daß heute noch — trotz der nationalen un politischen Gegensätze in der Ostmark — den unter nehmenden, den Zeitanforderungen gemäß dis ponierenden jüdischen Geschäftsmann kein Bohkot trifft. Tüchtige Geschäftsleute und Gewerbetreibende unsere Glaubens zählen heute sowohl Protestantische als Polnische Mit kürzer zu ihren guten Kunden. Denn so opferwillig »st selbs der eingefleischte Pole und nationalgesinnte „Ostmarken vereinter" nicht, daß er lieber bei schlechten, christlichen be ziehungsweise polnischen Kaufleuten um teures Gelschlechte Waren kauft, oder etwa gar schlechte Arbeiten bestellt »venn ihn der rührige jüdische, auf der Höhe der Zeit stehend Geschäftsmann besser bedient. Eher könnte man das soga von unseren sogenannten jüdischen Honoratioren behaupten, denn diese setzen lieber große Berliner — oft airtisemitische - Verkaufshäuser in Nahrung, ehe sie sich nachsagen lassen, sie hätten ihren Mantel bei Kohn in W. oder bei Levy in N. gekauft. Wenn nun wirklich ganz vereinzelt eine wohlhabend - jüdische Dame bei ihrein Glaubensgenossen au» Orte ihr- Toiletten kauft, so »nacht sie dem Verkäufer strengste Diskretio - zur Pflicht! Wie soll da die christliche baute volee bei Jude» kaufen, wenn ihre eigenen Glaubensgenossen ihren Bedarf i» Berlin, Breslau, Posen oder Königsberg decken! Der „Ost »»»arkenverein" gibt bekanntlich Adreßbücher deutscher Kaufleut - und Gewerbetreibender für seine Mitglieder heraus und stet sind die jüdischen Geschäfte darin verzeichnet. Wo ist da vor einem Boykott die Rede? In vielen kleinen Städten unsere Ostmark nährt sich eine große Anzahl kleiner jüdische Geschäftsleute von dem sogenannten „Jahrmarktfahren'. und die kleinen Geschäftsleute, die am Orte selbst — da er zu klein ist — nicht so viel Absatz finden, fahren zu den benachbarten Jahrmärkten, wo sie ihre Waren an den Mann bringen. Man frage diese kleinen jüdischen Geschäftsleute, ob sie je bei Boykott der Polen, bezw. der „national" - gesinnten Deutsche, auf diesen Jahrmärkten erfahren haben! Wenn aber dies kleinen und mittlerer» jüdischen Geschäftsleute es den Große, gleich tun wollen, wenn die Frauen teure Toiletten, di Männer einen teuren Skat spielen wollen, wenn man Bad, und sonstige Vergnügungsreisen machen will, weil es „Mode" ist. wenn dem kleinen Handelsmann die jüdische Volksschule nick» mehr für seine Kinder genügt, sondern die höheren Mädchen bezw. Knabenschulen zum größten Teile von jüdischen Schüler , frequentiert werden, obwohl weder die Knaben, noch di: Mädchen später studieren, oder die höheren weiblichen Beru» ergreifen können, dann allerdings genügt der Verdienst nich dann klagt inan über geschäftlichen Boykott und setzt seine» Wanderstab nach der Großstadt, um dort Entbehrungen alle Art zu leiden. Es muß einmal offen gesagt werden: die alte jüdische bescheidene Lebensführung ist aus unfern Reihe» geschwunden, das ist eine der Hauptursachen für den VerfaU uilserer kleinen Gemeinden in der Ostmark.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.