Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 22 (31.5.1907)
- Date
- 1907-05-31
- Page
- Seite 254 (sequence 2)
- Language
- German
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254 MMWMWWWWWMWMWMMWWMWV den Gefahren, welche von daher drohen, vorzubeugen. Wir werden auch Mittel finden, zu verhindern, daß jene großen Religionskrankheiten, welche Länder verwüstet und Millionen Menschen dahingerafft, wiederkehren. Diese Gesundung in die Wege zu leiten, ist die Psychiatrie berufen. .. Gerade jüdische Aerzte sind übrigens mit Entschiedenheit gegen den Unfug der Gesundbeterei und mystische Ausartungen der „Christian science" ausgetreten. Gewiß hat dabei der Arzt eine große Ausgabe, und Bresler zitiert hier den in einem katholischen Lande segensreich wirkenden großen Lehrer der Psychiatrie, der seine Erfahrungen in den Worten niederschrieb: „Viele, die in der Beichte oder bei einer Mission den Kopf verlieren, sind melancholische Schwachsinnige, viele, die im Hasen der Religion Schuß und Trost suchen, sind Schiffbrüchige im Sturm des Lebens, die körperlich und moralisch gebrochen in jenen einlaufen." Es sei aber gestattet, den Versaffer der „Religionshygiene" auch auf die sektirerischen „Erweckungen" innerhalb der evangelischen Kirche hinzuweisen, von denen Generalsuperintendent Büchsel in seinen noch jetzt viel gelesenen „Erinnerungen eines Landesgeistlichen" berichtet. Geradezu ungeheuerlich ist es dabei, wenn Büchsel erwähnt, daß auch ein „ehrwürdiger alter Jude" auf den Altersstufen seiner Kirche um „Buße und Vergebung seiner Sünden" bat und daß die an dem Ort jener „Erweckungen" lebenden fünf jüdischen Familien regelmäßig an den Betstunden teilnahmen. Hier wird es aber doch wohl heißen sollen: teilnehmen mußten; denn Büchsel ist so ehrlich, selbst mitzuteilen, daß der Arzt jenes märkischen Kreises ihm diese sich auf den Dörfern ausbreitende religiöse Bewegung damals offen als „mania religiosa", als religiösen Wahnsinn, bezeichnete. Demgegenüber kann die Erj Mahnung zur Religionshygiene auch von unserer Seite für die Zukunft nur mit Freude begrüßt werden. Zitiert doch Bresler in seiner „dem Andenken P. I. Möbins" gewidmeten Schrift „Das Wort von Möbius", über Weltreligion, daß „der religiöse Geist des Judentums die Herzen bezwang. In letzterem (also im Judentum) bildet die Religion den Mittelpunkt des Lebens." Stets ist daher auch, da der gewissenhafte Nervenarzt das religiöse Leben seiner Kranken nicht unberücksichtigt lassen darf, au dieser Stelle darauf hingewiesen worden, wie not uns die Ausgestaltung der religiösen Fürsorge für jüdische Geisteskranke tut. Ein amerikanischer Psychologe, W. James, Professor an der Harvard-Universität, hat ferner daraus hingewiesen, daß der „religiöse Optimismus" (den ja das die Drangsale der Jahrhunderte überdauernde Iu d e n t u m besonders lehrt) die „n o r m a l e g e su n d e R e li gi o n" ist, daß die religiöse Emotion der Seele Festigkeit verleiht und den gewöhnlichsten Dingen Wert, Reiz und neuen Glanz gibt. In. einem besonderen Schlußwort sagt Bresler, der sich jetzt mit Vorbrodt zur Begründung der „Religionshygiene" verbunden hat: „So werrig die körperliche Hygiene statt Häuser, Kleidung und Nahrung etwas anderes, neues geboten oder geschaffen hat, so wenig wird die Religionshygiene Gotteshäuser stürzen oder den historischen Glauben durch einen anderen ersetzen wollen. Das Ziel ist die Beseitigung der Religionspfuscherei. Ruhmsucht, Gewinnsucht und das Verlangen nach der Gewalt über die Volksmaffen sind die Triebfedern der Religionspfuscherei. Gemeinsam mit den Theologen, nicht im Gegensatz zll ihnen, müssen die strittigen Punkte erörtert, die Vorschläge geprüft werden." Hier können wir in Hinblick auf die Auswüchse des Chassidismus im Osten nur freudig zustimmen. Dir Woche. U Berlin, 28. Mai. in die Frage zu beantworten: „Wer provoziert den Antisemitismus?" zitiert das LeiborganStöckers die mehr als törichte Aeußerung eines Juden, daß „die liberalen Inden, die ihre ungewünschten und verwünschten Dienste dem deutschen Volke mit Gewalt aufdrängen wollen", die eigentlichen Erreger des Antisemitismus seien. Das Stöckerblatt bemerkt dazu : „Vielleicht schreiben sich dieses Urteil aus jüdischen: Munde einmal unsere Mosseleute und ihr Anhang hinter die. Ohren; schaden kann's jedenfalls nichts." Dazu ist zu bemerken, daß man genau mit demselben oder vielleicht ürit noch größerem Recht die These aufstellen könnte, daß die nichtliberalen Juden den Antisemitismus provozieren — und auch für diese Behauptung ließen sich zahlreiche Beweise anführen. Aber wir meinen, daß beide Behauptungen gleich kernlos sind. Wir wollten nur an einem eklatanten Beispiel Nachweisen, wohin die häßlichen und zwecklosen Fehden von Juden linier- und gegeneinander, die nicht den geringsten substantiellen Hintergrund haben, am Ende führen rnüssen. Sie sind nur Futter für die antisemitische Krippe. Mit wahren: Heißhunger stürzen sich jene Blätter auf einen solchen fetten Bissen; dabei reißen sie die einzelnen Stellen ohne Bedenken aus dem Zusammenhang; sie geben auch nicht an, in welchem Sinne eine Aeußerung gefallen sei und aus welchen: Anlaß, sie zitieren einfach den Satz, der ihnen in ihren Kram paßt und der ihren Anhängern zeigen soll, was diese Juden doch tatsächlich für schlechte Kerle seien, wie jetzt jüdische Blätter selbst zngeben inüßten. Otiod erat demonstrandum. Zufällig finden wir heitte in einem „christlichen" Blatte den folgenden Satz in einer Rede des Pfarrers Battenberg auf den: evangelisch-sozialen Kongreß in Straßburg: „Stöcker ist der Mann, der wir kein anderer in Deutschland den unglückseligen Hader in das kirchliche Leben hineingetragen hat." Was würde nun das Stöckerorgan dazt: sagen, wenn ein liberales „Judenblatt" diesen Satz aus dem Zusammenhang reißen und einen Artikel schreiben wollte mit der Ueberschrift: „Wer provoziert den kirchlichen Hader in Deutschland?" Und das wäre doch nur genau nach dem antisemitischen Rezept gearbeitet! * „Gott schütze mich vor meinen Freunden, vor meinen Feinden will ich mich schon selbst schützen!" Das ist augenblicklich der Stoßseufzer nicht bloß der russischen, sondern sogar auch der detttschen Regierung. Jener bereitet die aus dem Bunde der Schwarzen Hundert, der reichstreuen Monarchisten, zusammengesetzte Rechte (Kruschewan e tutti quanti) durch ihr reaktionäres und rüpelhaftes Vorgehen ungeheure Verlegenheit, während hier, wie die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung" in ihrer letzten Wochenschau hervorhebt, der antisemitische Abgeordnete Raab durch seine jüngsten tadelnden Auslassungen gegen die d e u t s ch e R e e d e r e i ihr Ansehen im In- und Auslande geschädigt hat. Ja, ja, dahin muß es kommen. Herrn Raab ist naiürlich der Jude Ballin ein Dorn im Auge. Auf die Reederei schlägt man — den Juden meint man. * Die Ehe russischer Juden, die in Deutschland wohnen, kann hier nicht geschieden werden. Diesen Grundsatz hat das Preußische Kammergericht in einer vom Reichsgericht gebilligten Entscheidung ausgesprochen, die in der „Rechtsprechung der Oberlandesgerichte" mitgeteilt wird. Aus