Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-05-31 · Heft 22 (31.5.1907) · page 1

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 22 (31.5.1907)
Date
1907-05-31
Page
– (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3228744-3228767--63553-3297458
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

71. Jahrgang. Nr. 22. Berlin, 31. Mai 1907. eitung desZudentums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abo nne men ts-Pr eis: durch Buchhandel oder Post (in Berlin u. Vororten durch unsere Vertriebsstellen) bezogen Vierteljahr!. 3 M. Redakteur: Gustav Rarzreles. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson. Verlags-Expedition; Berlin, Jernsalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße H6/49, zu richten. Verlag von Rudolf rNofse, Berlin. Srligionshygirnr. Berlin, 29. Mai. er Arzt als Berater in religiösen Dingen! Obwohl sich der Verfasser der soeben erschienenen Schrift „Re lig i o n shygiene", Oberarzt Dr. I. Bresler, der auch eine ganz neue „Zeitschrift für Religionspsychologie" herausgibt, ein hervorragender Mediziner, ausdrücklich auf das biblische Judentum beruft, in dem den Priestern sowohl die leibliche wie die seelische Volkshygiene anvertraut war, lassen sich vorerst leise Zweifel an dem Erfolg der neuen wissenschaftlichen Disziplin und namentlich an ihrer Anwendbarkeit auf das Judentum nicht unterdrücken. Immerhin aber dürfen auch >vir an der anregenden Schrift eines Mannes, der sich ernstlich mit der Erforschung des religiösen Lebens aller Zeiten beschäftigt hat, nicht achtlos vorüber gehen. Ja, es wird gerade in unseren religiösen Kreisen, die ja nach Staatshilfe nicht schielen und von dort ans nicht als „Staatsreligion" gestützt werden, der Mut Anerkennung finden, mit dem hier der ärztliche Leiter einer Staatsanstalt im Interesse der allgemeinen Bolksgesundheit seinen Schluß- und Leitsatz ausspricht: „Nicht in allen Ländern sind die äußeren Bedingungen für die freie Entwicklung' einer modernen Religionspflege gegenwärtig so günstig wie in Frankreich, das durch die großartig ruhige Haltung, mit welcher es sich zu der gegenwärtig stattfindenden Trennung von Staat und Kirche stellt, sich wieder als „grande nation" bewiesen hat. Denn das ist nicht die Ruhe religiöser Indifferenz, sondern die Gewißheit, daß ein neues, höheres Geistesleben beginnt." Das Judentum kennt aber kein Dogma, keine Wunderkuren, es lehrt nicht, daß der Glaube selig macht; es befolgt von jeher seine religiös-hygienischen Vorschriften hauptsächlich innerhalb der Familie, und so werden wir in dem neuen Aufsehen erregenden Appell.zur Religionshygiene eigentlich nur einmal da erwähnt, wo es sich um die Entstehung der Tochterreligion handelt, und an einer anderen Stelle ruft der Verfasser uns als Zeugen auf: „Ist nicht z. B. die Beschneidung der Juden, das Fasten eine priester-medizinische Vorschrift?" Hier liegt dem Begründer dieser neuen wissenschaftlichen Disziplin natürlich jeder Gedanke an einen Eingriff fern, er will als Arzt nur die Ausartungen jener dem Judentum ganz fremde» Lehre vom „irdischen Jammertal" bekämpfen, wobei sich sein tiefes religiöses Empfinden und seine als Irrenarzt bei der heute immer mehr sich ausbreitenden Zunahme derGeisteskrankheiten gesammelte Erfahrung in dem folgenden berechtigten Schmerzensschrei Luft macht: „Nach der rapiden Umgestaltung des Weltbildes in den letzten 100 Jahren drängt, ja sehnt sich der menschliche Geist zurück nach Verinnerlichung, nach dem Ruhepunkt, den die Väter einst im Glauben gefunden. . . Vor ihm liegt als einziges Beständige in der Erscheinungen Flucht, mahnend, drohend, die Vergänglichkeit der Dinge und treibt ihn zu jenem religiösen Pessimismus, jener religiösen Schwarzseherei, welche den Geist irre führt, die Lebensfreude vergällt und die Pflege des religiösen Lebens von neuem in Selbstverdammung, Selbstpeinigung und Klagelieder ausarten, den Bedrängten an der Trübsal kleben läßt, statt daß der Körper sich aufrichte und die Seele, alle Kümmernisse des Lebens vergessend, sich zu den lichten Höhen glückseligen Empfindens emporschwinge und in der Gewißheit, nicht bloß im Glauben schwelge, durch die Harmonie des Weltalls, die Gottes Ruhm verkündet, als ewiger Akkord initzuklingen." Ganz frei von Anklängen der Mystik scheint mir allerdings der Verfasser der „Religionshygiene" auch nicht zu sein, denn welchen praktischen Zweck sollen die von ihm, in der Vorrede erwähnten Studien an Betern in den Katakomben, im Dom zu St. Peter, in der Notredame, der Westminsterabtei, der St. Paulskathedrale, den Stefansdom, dem Kölner Dom für die Gesundung haben. Ob er diese Studien an Betern zur „Religionsseelenkunde" auch an betenden Juden gemacht habe, sagt der Verfasser nicht. Immerhin, so lange es eine mania religiosa, die fast immer unheilbare Geisteskrankheit des religiösen Wahnsinns, gibt, dürste die „Religionshygiene" im allgemeinen gut und notwendig sein. Gewiß hat es auch in der jüdischen Geschichte Zeiten gegeben, wo der furchtbare äußere Druck der verfolgenden herrschenden Kirche schwache Gemüter auf mystische Abwege brachte, wo „falsche Messiasse" den unter der Not des Lebens seufzenden Massen trügerische Hoffnungen vorspiegelten, wo mystische Ausläufer in einzelnen chassidischen Sekten und aus der Vertiefung in die Kabbala austauchten, aber sie sind niemals innerhalb des Judentums anerkannt worden und sehr bald als vorübergehende Volkskrankheiten der Gesundung gewichen. So kann von unserer Seite der Autor nur auf prinzipielle Zustimmung rechnen, da die Einzelheiten anderer Konfessionen nicht hierher gehören, wir auch gar nicht wissen, was er bei seiner Religion im einzelnen meint, wenn er schreibt: „Jene Entartung des religiösen Lebens gibt sich seit geraumer Zeit in ganz auffallender Weise kund durch das Emporschießen und Gedeihen verschiedener, vom religiösen, wie vom ärztlichen Standpunkte aus sehr bedenklich erscheinender Sekten und Sonderbestrebungen, durch das Hineinwachsen religiöser Elemente in Lebenssphären, in welche sie ihrer Natur nach nicht hineingehören und in welchen sie, wie einst im Mittelalter, Störung und Verwicklung erzeugen, und es ist höchste Zeit,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.