Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 21 (24.5.1907)
- Date
- 1907-05-24
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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I. Jahrgang. Nr. 21. Berlin, 24. Mai 1907. Der Gemeindebote. Beilage zur „Allgemeinen Leitung deK Judentums. korrkhwn-rn?en und Kachrichtm. Deutschland. ‘ s. Berlin, 21. Mai. Das Kuratorium des hiesigen Rabbiner- Seminars versendet den Rechenschaftsbericht über das Studienjahr 1905/06. In einem einleitenden Wort äußert sich über die innere Entwicklung der Rektor Dr. Hoffmann: Bedauerlicherweise haben sich die finanziellen Verhältnisse der Anstalt weniger erfreulich gestaltet. In dem Bericht des Kuratoriums heißt es darüber: „Wohl konstatieren wir mit ausrichtiger Dankbarkeit, daß die verständnisvolle Gabenwilligkeit weitester Kreise auch im letzten Jahre sich für das Rabbiner-Seminar betätigt, daß den früheren Wohltätern desselben eine stattliche Anzahl neuer Freunde sich beigesellt hat; andererseits aber hat wiederum der Tod tiefe Lücken gerissen und haben die Verschiebung der wirtschaftlichen Verhältnisse, in nicht geringem Grade auch die Anforderungen, welche das russische Hilfswerk und andere Kalamitäten an den Opfersinn stellten, in einer empfindlichen Verulinderung der Einnahmen auch unseres Instituts sich fühlbar gemacht. Die betrübliche Folge ist, daß wir zwar eine Erhöhung des Gesamtvermögens um 7617,71 Mark verzeichnen können, daß aber nach Abzug der Legate und Spenden zum Stipendienfonds, sowie der Zinsen für den Witwen- und Waisenfonds in Höhe von 11050,84Mark die Jahresrechnung tatsächlich mit einem Fehlbeträge von 3433,09 Mark abschließt." Aus der Chronik der Anstalt sei hervorgehoben, daß dieselbe im Berichtsjahre von 44 Hörern (29 aus Deutschland, zwölf aus Oesterreich-Ungarn, zwei aus England, einer aus Rurnänien) besucht wurde. Von ehemaligen Hörern sind berufen worden : Dr. Edm. Weil zum Rabbiner in Fegersheim (Elsaß), Dr. Arthur Marmorstein zum Prediger in Jamnitz (Mähren), Armin Blau zum Lehrer an der Talmud-Thoraschute in Hamburg, Dr. Aron Nurock, bisher Prediger in Mitau, zum Rabbiner in Libau (Rußland), Israel Nobel zum Prediger und Schuldirigenten in Filehne, Dr. Marcus Lange zum Lehrer an der Talmud-Thoraschule in Hamburg, Dr. Siegm. Hanover zum Religionslehrer der Israelitischen Synagogengemeinde in Köln a. Rh., Heinr. Dreifuß zum Religionslehrer in Frankfurt a. M., Dr. Leop. Neuhaus zum Prediger in Lauenberg, Dr. M. Mainzer zum Neligionslehrer in Frankfurt a. M. Dem Bericht ist eine wissenschaftliche Beilage von Pros. Dr. I. Barth: „Sprachwissenschaftliche Untersuchungen zum Semitischen" beigegeben. s. Berlin, 21. Mai. Vor kurzem ist hier eine Jugendfreundin und Mitschülerin Fritz Reuters, die Witwe Eva Löwenthal, geb. Meyer, im 98. Lebensjahre gestorben und aus dem Friedhofe in! Weißensee beerdigt worden. Sie war ein Jahr älter als ihr berühmter Landsmann, von dem sie gern erzählte. Die greise Dame war allen Stavenhägern als „Tante Löwenthal" wohlbekannt. Seit etwa zehn Jahren wohnte sie in Berlin am Halleschen Ufer bei ihrem jüngeren Bruder, dem Rentier Moritz Meyer, der auch schon hoch in den Achtzigern ist. Die nun Verstorbene berichtete gern, daß sie einst — vor etwa 90 Jahren — gemeinschaftlich mit Fritz Reuter unterrichtet worden sei. Der Dichter erzählt in „Schurr-Murr" (Meine Vaterstadt Stavenhagen), daß sein Vater alle Leute, die irgend etwas wußten, mit seiner und seiner Vettern Belehrung bemühte. Unter den Personen, die er bei dieser Gelegenheit als seine Hauslehrer erwähnt, befand sich auch der „Handlungsbeflissene" Rutenick. Es war das der junge Stavenhagener, der ihn und die kleine Meyer mit Elementen der „Wissenschaft" vertraut machte. Die einstige Mitschülerin Fritz Reuters widersprach jedoch der Angabe des Dichters und behauptete entschieden, jener Rutenick wäre nicht Handlungsbeflissener, sondern Kandidat gewesen. In den letzten Jahren war die hochbetagte Greisin geistig nicht mehr so rege; doch hat sie noch für die Anmerkungen der Reuter-Ausgabe des Bibliographischen Instituts ein paar Angaben machen können. Es ist bekannt, daß Fritz Reuter in Stavenhagen und Neubrandenburg viel mit Inden• und Jüdinnen verkehrt hat. Der Vater der Verstorbenen betrieb in Stavenhagen ein Warengeschäft. Als sie sich verlobte, sagte der alte Bürgermeister Reuter scherzend zu ihr, er hätte gedacht, sie würde mal seinen Fritz heiraten. Diesen Scherz pflegte die uralte Frau gern zum Besten zu geben. 8. Berlin, 17. Mai. Die Enthüllung einer Gedenktafel für den Leiter und Mitbegründer der Hirsch-Dunckerschen Gewerkvereine, Dr. Max Hirsch, fand im Hofe des Verbandshauses, Greifswalderstraße Nr. 221/223, feierlich unter Beteiligung zahlreicher Abordnungen aus allen Teilen des Reiches statt. Nach einem Quartettgesang nahm der Vorsitzende des Verbandes deutscher Gewerkvereine, Hartmann, das Wort. Er führte in seiner Rede aus, daß das Andenken des verstorbenen Führers unvergeßlich sein werde. Welche Verehrung er genieße, gehe daraus hervor, daß es bei seiner vor zwei Jahren erfolgten Bestattung sich verschiedene hochgestellte Persönlichkeiten nicht hätten nehmen lassen, den Verblichenen auf seinem letzten Gange zu begleiten. Eines äußeren Zeichens der Liebe und Achtung, die man ihm entgegenbringe, hätte es nicht bedurft. Dennoch habe man ihm auf seiner letzten Ruhestätte in Weißensee ein Denkmal errichtet. Die Beiträge dazu wären aus allen Gauen Deutschlands so reichlich geflossen, daß man beschlossen habe, deur Entschlafenen auch auf dem Hofe des Verbandshauses eine Gedenktafel zu setzen. Einfach und schlicht, wie er immer war, sei auch das Reliefbild aus Bronze ausgesührt. Aus dem Hose eingemauert, jedem, der diesen betritt, sofort in die Augen fallend, habe man die Tafel aufgestellt. Auf ein Zeichen des Redners enthüllte man das Bild. Rach einem Quartettgesang sprach der Sohn von Dr. Max Hirsch, der praktische Arzt Dr. Hirsch, im Namen der Familie seinen besten Dank für die Ehrung, die man seinem Vater erwiesen habe, aus. Die Tafel trägt das Bildnis von Dr. Max Hirsch, darunter seinen Namen. e. Königsberg i. Pr., 16. Mai. Der Bericht der Koschschen Waisen-Erziehungsanstalt, der die Zeit vom Juni 1904 bis jetzt umfaßt, ist erschienen. Nach fast dreijähriger Erfahrung im Betriebe einer eigenen Anstalt zeigt es sich, daß die Hoffnungen, die das Kuratorium aus die Errichtung einer eigenen Anstalt gesetzt hat, sich unter der gewissenhaften und erfolgreichen Tätigkeit der Vorsteherin, Fräulein Necha Loevy, voll und ganz erfüllt haben. Die Leistungen der Zöglinge in den Schulen sind gute, der Gesundheitszustand ist durch die günstige örtliche Lage der Anstalt ein dauernd guter gewesen, da die Zöglinge sich viel im Freien bewegen können. Der regelmäßige Sonntagsbesuch früherer Zöglinge beweist, daß das eigene Heim ihnen einen Ersatz für das Elternhaus bietet und bei den Zöglingen auch nach der Entlassung das Gefühl der Zusammengehörigkeit erweckt wird. Die für zwanzig Zöglinge eingerichtete Anstalt hat seit der Eröffnung einen dauernden Bestand von elf Zöglingen aufzuweisen. Während im ersten Jahre des Bestehens der eigenen Anstalt sich die Gesamtkosten pro Kind auf 935 Mark stellten, ergibt der Bericht des Jahres 1906 die durchschnittlichen Gesamtkosten von 831 Mark pro Kind. Im Jahre 1906 wurden elf Zöglinge im Alter von drei bis vierzehn Jahren unterhalten und zwar fünf Mädchen und sechs Knaben. Das Kuratorium der Anstalt bestand aus den Herren: Stadtrat Dr. ^Magnus, Dr. med. R. Samuelsou, Ludwig Aron, Rentier Josef Simonsohn, Apothekenbesitzer G. Guttmann, Professor Dr. Cohn, Rabbiner Dr. H. Vogelstein. In: Ehrendienst der Anstalt waren tätig die Damen: Frau Elise Neumann, Frau Sophie Hiller, Frau Klara Lepehne. Als Vorsitzender fungierte Apothekeubesitzer Guttmann, als Schriftführer Dr. Vogelstein, als Kassierer Juwelier Ludwig Aron. Vorsteherin der Anstalt ist Fräulein Recha Loevy seit der Eröffnung im Juni 1904. Am 3. Oktober 1906 wurde ein Verein ehemaliger Zöglinge der Dr. Koschs Waisenerziehungsanstalt begründet, der unter Aufsicht des Kuratoriums der Anstalt steht und den Zweck hat, bei den ehemaligen Zöglingen der Anstalt Förderung und gegenseitige Unterstützung der ordentlichen Mitglieder herbeizusühren, sowie die Beziehungen zur Anstalt zu