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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-05-24 · Heft 21 (24.5.1907) · p. Seite 252

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 21 (24.5.1907)
Date
1907-05-24
Page
Seite 252 (sequence 12)
Language
German
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262 wischte er mit dem Taschentuche das glühende Gesicht, Rüben Zeichen machend, zu warten, bis er wieder etwas zu sich gekommen. Nachdem er, an den nächsten besten Baum gelehnt, Atem geschöpft hatte, sprudelte der leicht erregbare, cholerische alte Herr unaufhaltsam, so flott es seine noch pustenden Lungen erlaubten, alles hervor, was ihn bedrückte und ärgerte. „So zu rennen — Schnellläufer, Herz, sind Sie — trabe schon lange hinter Ihnen her — nicht einzuholen — unmöglich — wie die jüngsten Beine —" „Ich bin doch ganz gemächlich gegangen; ich hätte Sie doch hören müssen!" „Komm' erst eben von Hause — bin den ganzen Tag umhergejagt — mußte Sie sprechen — nicht angetroffen — Mamsell Linchen mir gesagt, daß Sie eben hier hinaus — wollen reisen — ich nachgestürmt — endlich Sie gesehen — gerufen —" „Ja, ich muß morgen nach Berlin in dringenden Geschäften." „Ich auch, ich auch!" fiel der Hauptmann hastig ein. „Das heißt — hm — das heißt, noch weiß ich nicht, ob- Herz, kommen Sie mal her — hören Sie zu — will's Ihnen kurz sagen" — er hatte einen von Rubens Rockknöpfen ergriffen, und ihn unaufhörlich mit nervöser Hand haltend und drehend, blickte er dem Eigentümer durchbohrend und doch mit geheimer Angst ins Auge. „Einfach verdammte Geschichte — hat Pech gehabt, mein Schlingel von Neffe — sich hinreißen lassen, Wechsel zu machen, zur Deckung von Schulden — Ehrenschulden sagt er — verfluchte Spielschulden — sag' ich — der Wisch kursiert — Zahlung kommt — soll präsentiert werden in drei Tagen! Nun aber das Schlimmste, Herz —" und er erhob in seiner Erregung die Stimme so laut, daß Herz erschrocken ihn zu beschwichtigen suchte, jedoch vergeblich; er wehrte ihm ungeduldig ab und zerrte und riß in der Aufregung an dein armen Knopf, den er noch immer festhielt, daß Nnben dadurch selbst in schwankende Bewegung kam — „das Schlimmste! Geld ist nicht da — kein Pfennig — Schlingel hat's nicht — ich auch nicht — bare 200 Taler! Solche Summe soll beschafft werden in drei Tagen! Kommt heute — der Brief — Hilfsgeschrei — soll helfen — Versprechungen — Bitten — Verzeihung — doch noch einmal sehen — sonst Dienst quittieren — Amerika — oder totschießen!" „Der arme Kerl!" sagte Herz unwillkürlich mitleidig. „Der leichtsinnige Halunke!" schrie der Hauptmann grimmig. „Soll er's verlieren, sein Leutnantspatent — wenn er's nicht zu tragen weiß — in Ehren! Sollen sie ihn einstecken ins Schuldgefängnis — ist nicht besser als andere!" „Das ist Ihnen ja doch nicht Ernst damit, lieber Hauptmann," sagte Herz, ihm begütigend die Hand auf den Arm legend. „Ist doch Ihr Fleisch und Blut!" „Habe zu oft schon geholfen — kann's nicht mehr — bin selbst nun ohne Mittel — das weiß er und doch — keine Liebe, Herz, keine Rücksicht auf alten Mann." — Das klang nicht mehr zornig, sondern recht traurig. Er zog wieder das Schnupftuch heraus und fuhr sich, angeblich den Schweiß abwischcnd, verstohlen über die jetzt roten Augen. Herz fühlte tiefes Mitleid; wußte er doch, wie sehr trotzdem des Alten Herz an dem Neffen, dem Vermächtnis eines einzigen, früh verstorbenen Bruders, hing, wie viele Opfer er ihm schon gebracht, er und seine Frau. „Lassen Sie sich's nicht so nahe gehen, lieber Hauptmann," tröstete er. „Schulden machen ist tadelnswert und verderblich und — nun ja, auch nicht ganz ehrenhaft; sie sind ein Zeichen des Leichtsinns, aber doch nicht immer auch der Lieblosigkeit. Er wird schon zur Vernunft kommen! Es gibt Schlimmeres, was man an Kindern erleben kann und was sich nicht so leicht »WWMMWWWWWWWNWWWWWWMWW wieder gut machen läßt!" Und nun seufzte auch er. „Lassen Sie uns zusammen beraten, was zu tun." „Nichts! Nichts!" sagte der Hauptmann bekümmert. „Bin heut deshalb hermngelaufen den ganzen Tag — in der Not kein Freund, alte Geschichte — in Geldsachen hört Gemütlichkeit auf — habe schließlich Pension erhoben — vorausgezahlt erhalten 100 Taler — weiß nicht, wovon nun leben — wie das je wieder gut machen — ist doch noch nicht genug — kauin die Hälfte." „Nicht Mut llnd Hoffnung sinken lassen, lieber Hauptmann. Wird auch schon wieder besser werden; in jeder Familie kommt mal etwas vor. Jugend ist eben Jugend." „Ach, Herz," sagte der Alte fast wehmütig, „Sie haben gut reden. Sie, die Sie nur Freude haben an Ihren Söhnen. Da ist der Georg, so tüchtig schon, trotz seiner Jugend — Stütze seines Vaters — opferfreudig. — Da ist Julius, "der hochbegabte, ritterliche Knabe mit dem zärtlichen Herzen voller Selbstüberwindung — und doch so tapfer — sehe ihn noch, den mutigen Verteidiger der Schwestern -- kühn im Kampfe gegen Ileberinacht — aus dein Platze unten — oft mich daran erbaut — schade, daß der des Königs Rock nicht angezogen —" Rüben nickte nur. Er gedachte der Kämpfe, die seiner geharrt haben tvürden, des Juden, unter den kleinen Ansichten der damals in Berlin herrschenden orthodoxen, streng kirchlichen Richtung, die sich auch auf inilitärische Kreise erstreckte, der Wunden, die seinem edlen Herzen, seinem stolzen, freien Geiste durch die Vorurteile, die anerzogene Befangenheit der Kameraden stündlich, täglich geschlagen worden wären. Er dachte dazu der jetzigen Verirrung seines Lieblingskindes, und ihm wurde weh und traurig. Gewaltsam suchte er sich den Gedanken zu entreißen; es war nicht Zeit, hier ihnen nachzuhängen, Trost spenden wollte er doch, selbst nicht Trauer zeigen, seinen Kummer sorgfältig verschließen. „Und da ist Harry Fritze," sagte er daher, freundlich zu lächeln versuchend, „der frohe, sorglose lebenslustige junge Mann, der muntere, ehemalige Gespiele meiner Knaben, wenn er aus Besuch znm Onkel Fritze kam, der stattliche, galante Kadett. Ein guter Kern steckt in ihm, lieber Freund, trotz allen Leichtsinns, das bezeugen schon die Reue, die Gewissensbisse. Sie sind ein Schritt zur Besserung, und darum wollen wir sehen, wie wir ihm helfen können. Sie haben mich aufgesucht zu diesem Zweck, haben darauf gerechnet, daß Herz Rat schafft, nicht wahr? Nun da ist er kurz und klar: Vorstreckung der anderen Hälfte, 100 Taler; Abzahlung in Raten nach Belieben." (Fortsetzung folgt) Literarische Mittrilungen. Das Braunschweigische Magazin, herausgegeben von Dr. Paul Zimmermann in Wolfenbüttel, bringt im Märzhest (Nr. 3) einen sehr interessanten Vortrag, den Herr Landrabbiner Dr. G. Rülf am 18. Februar d. I. im Geschichtsverein zu Braunschweig über „Alexander David, braunschlveigischer Kammeragent von 1707 bis 1765" gehalten hat. Dieser David ist als der Begründer der jüdischen Gemeinde zu Braunschweig zu betrachten und schon dadurch eine interessante Persönlichkeit. Er hat sich aber außerdem auch um Stadt und Land wohlverdient gemacht. Rüls schildert an der Hand der Quellen sein Lebensbild in eingehender und sehr interessanter Weise. Auch sein wirkliches Bild ist dem Aufsatz beigegeben, der als wertvoller Beitrag zur Geschichte der Juden in Deutschland begrüßt werden darf. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauch Witz in Berlin.

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