Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 21 (24.5.1907)
- Date
- 1907-05-24
- Page
- Seite 251 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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251 feilt Lieblingskiud, das ihm heute den ersten ernsten Kummer gemacht. Sieben Kinder hatte ihin Gott gegeben. Die beiden ältesten Söhne lebten schon seit einigen Jahren fern dem Vaterhause. Es war sein Grundsatz gewesen, sie, dem Beispiel seiner eigenen Jugend folgend, frühe der väterlichen Abhängigkeit zu entreißen und in fremde Umgebung zu brittgen, auf daß sie, auf sich selbst angewiesen, Festigung des Charakters, Reife und Selbständigkeit erlangten, deren sie als Söhne eines nicht reichen Mannes benötigt waren, um sich eine eigene, sichere Existenz zu gründen. Gegen schädlichen Umgang und sonstige verderbliche Einflüsse glaubte er sie-genügend gestählt durch die Lehren ihrer Religion und eines frommen Elternhauses. Glänzend hatte sich bisher an ihnen beiden sein Prinzip bewährt. Georg, der um einige Jahre ältere, vortrefflichen Herzens, dabei kaufmännisch außerordentlich begabt, von verbindlichem, einnehmenden Wesen und hübscher, liebenswürdiger Persönlichkeit, bekleidete, nach gründlicher Lehr- und Probezeit in einem angesehenen Bankhause Berlins, eine fast selbständige, sehr gut bezahlte Stellung in dem sehr bedeutenden, gleichartigen Geschäfte seines Oheims Salomon in Wilna. Julius, der heimlich Geliebteste seines Herzens, der Schönste, Genialste von allen, sein Sonnenkind,mit den goldenen Haaren und dem Mund voll süßer, heiliger Melodien, er, der ihm zu Liebe aus ökonomischen und Glanbensgründen der ersehnten Karriere eines Artillerieoffiziers, für die ihn Aeußeres, Wissen, Energie und große Lust besonders befähigten, Valet gesagt, um sich, gegen seine Neigung, ebenfalls dem Kaufmannsstande zu widmen, war nun in demselben Bankhause angestellt, in dem sein Bruder, und er dann unter diesent noch, gelernt hatte. Zu einer einflußreichen und verantwortlichen Stellung aufgestiegen, die, obwohl nicht so hoch wie die des Bruders in Rußland dotiert, seine ganze Kraft in Anspruch nahm, berechtigte er;tt den besten Hoffnungen für die Zukunft. Beide Söhne, in so relativ guten Verhältnissen, sich ganz vollständig selbst erhaltend, brauchten in ihrer bescheidenen anspruchslosen Lebensweise nicht nur nicht mehr des Vaters Hilfe, sondern waren im Gegenteil eifrigst bemüht, ihm die Lasten der Familie zu erleichtern durch liebevolle, opferwillige, fortlaufende Unterstützung der Geschwister. Um die Herzensangelegenheiten seiner Söhne hatte sich der Vater bisher gar nicht bekümmert, bei dem ältesten sich mich nicht zu kümmern gebraucht. Georg, schnell entflammt und feurig, aber unbeständig, eine echte, leichtlebige Don Juannatur, war, so ost er auch seiner Neigung gefolgt, aus solchen Feuerproben schließlich stets heil und unversehrt an Herz und Seele hervorgegangen; für ihn war nichts zu fürchten gewesen. Julius aber, anders veranlagt, mit seiner idealen Meinung von den Frauen, hatte noch nie ein Weib geliebt, und bedenklich schien die erste Neigting bei dem seltenett Ernste seines Charakters, der ungewöhnlichen Gefühlstiefe seiner reichen und leidenschaftlichen Seele. Hierin lag Gefahr! Herz seufzte unwillkürlich, als er unter dem Geplauder seiner Kinder solches erwägend, anscheinend so heiter mit ihnen um den Tisch saß. Da waren außer Lina, dein Hausmütterchen, welche, geschäftig ihres Amtes waltend, sie alle freundlich und gewandt bediente, die brünette, schlanke Henriette, welche im nächsten Jahre auch übersiedeln sollte zu der Tante nach Berlin, um sich auf das Lehrerinnenexamen vorzubereiten, und Wilhelm, der schüchterne, stille Knabe, auf der Grenze zum Jünglingsalter und bereits in der Prima des Stettiner Gymnasiums. Er bezeigte große Lust zu studieren, sich der Medizin zu widinen, wozu ihm die beiden älteren Brüder großmütig ihre Hilfe zugesagt, da des Vaters praktischer Sinn aus pekuniären Rücksichten gegen ein so langes und kostspieliges Studium gewesen. Von den beiden Jüngsten, Riekchen und Adolf, war ttoch nicht viel zu sagen; sie waren eben muntere, lebhafte Schulkinder mit allen Fehlern und Vorzügen solcher kleinen Menschen, die ihre Umgebung amüsierten und tyrannisierten und der Schwester vor allein ost arg zu schaffen machten. Gegen Abend, nachdem die drückende Hitze des Tages sich etwas vermindert, machte sich Rüben Herz auf den Weg nach! dem Postbureau, sich einen Platz in dein zeitig morgens ab- J gehenden Wagen zu bestellen. In den Straßen, die er durch-! schreiten mußte, saßen, nach dautaliger Gewohnheit, die Leute vor ihren Türen, um frische Luft zu schöpfen und plaudernd; sich zu erhole» nach den Anstrengungen bei der erschlaffenden Hitze des Tages. Von allen Seiten trafen ihn freundliche, herzliche Zurufe; denn er war in der Stadt eine angesehene und beliebte Persönlichkeit. Jedermann fast kannte und achtete ihn, den streng rechtschaffenen, frommen ttrtb wohltätigen Kaufmann. Es herrschte in Stettin das alte, gemütliche Kleinj bürgertunr jener Zeit. Man war noch so beschränkt, die j Glanbensmeinung bei der Schätzung des Wertes seiner Mitbürger völlig außer acht zu lassen, stand ganz auf dem Standpunkt des alten Fritz, ließ jeden unbehelligt nach seiner Fassott selig werden und hielt sich einzig au die Charakteruttd Herzenseigeuschasteu der Menschen, ohne nach ihrer Religion! zu fragen. Der Bessere war ihnen auch der Liebere, gleichgültig, i ob er nun Jude oder Christ.! Unaufhörlich grüßend schritt Rüben durch die Straßen, i hier und da bei bekannteren Gruppen stehen bleibend, ein paar ' Worte zu wechseln. So aufgehalten, dauerte es geraume Zeit,! bis er den ziemlich weit heraus belegenen Posthof erreichte. Im Begriff, in den großen Torweg einzubiegeu, hörte er hinter sich laut und wiederholt seinen Nainen, und sich umwendend, gewahrte er einen dünnen, überschlanken, älteren Herrn int Sturmschritt auf sich zueilen. j Er bot eine sonderbare, fast komische Erscheinung. Die sehr eng anliegenden Beinkleider, der ebensolche, schmale Rock mit gleichen Aermeln, der dürre, lange, in dichtgeknüpftem, breitem, seidenem Tuch steckende Hals, endlich der hohe, gratte Zylinder der das Ganze krönte, machten den Eindruck einer übermäßigen, unnatürlich und drollig wirkenden Körperlänge, der noch verstärkt wurde durch ein lebhaftes Winkelt und Gestikulieren beider Arme, welches Herz veranlaßte. zurück und ihnr entgegen ztt gehen. In der Nähe gewahrte man unter der breiten Krempe des Hutes ein hageres, aber gestmdes, blühendes Gesicht, dessen weißes, inilitürisch kurz geschnittenes Haar und lang herabhängender, gleichfarbiger Schnurrbart den ehemaligen Offizier verrieten. Die buschigen, noch schwarzen Brauen waren in beständig zuckender Beweguitg und liehen dem Gesicht ettvas schroff Martialisches, wozu die kleinen, blauen, vorstehenden, hinttnd herrollendett Augen noch beitrugen. Trotz aller Lebhaftigkeit hatte doch die ganze, einem Meilenzeiger nicht unähnliche Gestalt eine gewisse ebenfalls spezifisch militärische, steife, stramme Haltung, welche im Vereiit mit einem kehlig schnarrenden Organ und pereintorisch abgerissener Sprechweise ein Charakteristikum des alten Soldaten bildeten. „Na, lieber Hauptmann!" rief Rüben erstaunt, seinen langjährigen Freund uitd Ueberivohner erkennend. „Wie kommeit Sie denn hierher?" Aber dem alten Herrn war die Luft ausgegangen, ob vor Ungeduld, innerer Aufregung oder dem' raschen Laufe, war nicht erkennbar. Pnrpurrot, sich den Hut vom Kopf reißend.