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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-05-24 · Heft 21 (24.5.1907) · p. Seite 250

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 21 (24.5.1907)
Date
1907-05-24
Page
Seite 250 (sequence 10)
Language
German
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250 dritten Bande Ihres „Erzichnngswesens". In der Tat habe ich daselbst Seite 52' die Notiz, die mir seitdem aus dem Gedächtnis entschwunden war, mitgeteilt. Der Rabbiner war kein geringerer als Israel Jsserlein aus Wien - Neustadt, und sein Schüler der Verfasser des Leket joseher, der seht in einer sehr guten, durch Herrn Rabbiner Dr. Freimann besorgten Ausgabe vorliegt. Anderntags erzählte ich von diesem Zusammentreffen im Rabbinate, worauf Herr Rabbiner Kramer mir sagte, er beschäftige sich jetzt mit dem Taktat Rosch-haschana und habe gerade vorgehabt, mich ans eine Stelle daselbst, Fol. 32 b, aufmerksam zu machen. Dort erklärt R. Jehuda den Vers Ps. 47,7: „Lobsingt unserm König, lvbsingt", zur Aufnahme in die Gruppe der Malchijot- Vcrse für ungeeignet, irnd Raschi begründet diesen Ausspruch mit der Bemerkung, daß der erwähnte Vers Gott nur als König einer Nation verherrliche. Ich erzähle den Vorgang, wie er sich zugetragen hat- Innerhalb vierundzwanzig Stunden, erhielt ich für meine universalistische Anffassung der Scbemone-Essre Snkknrs durch zwei Autoritäten, die wohl jeder anerkennen wird. Der Ausspruch Raschis, eigentlich R. Jehudas, bezieht sich wohl auf die Nenjahrs-Sebemone-Essre, wo allerdings der Universalismns deutlich erkennbar ist. Aber welcher Grund konnte bestimmend gewesen sein, denselben in der täglichen Schemone-Essre zu verschweigen? Herr Dr. Eckstein hat recht: cs lag keine Nötigung vor, ihn zu verlantbaren. Aber doch auch nicht, ihn zu unterdrücken. Die Bemerkung Jsserleins, der den Universalismus schon in der ersten Benediktion ausgedrückt findet, scheint mir wohl geeignet, als Zeugnis dafür zu gelten, daß ich ans dem richtigen Wege >var, wenn ich ihn auch in anderen Benediktionen nachgewiesen habe. Herr Rabbiner Dr. Kahan in Znaim macht mich aufmerksam, daß dieser Universalismus auch in der dreizehnten Benediktion vorkommt, was ich übersehen habe. Zuerst heißt es allgemein: O'P'NLN bv CTEnn *?ri — der Talmud redet ja von den „Frommen der Völker" — und dann erst SoiT' N'2 "JI2J? Ich bin überzeugt, daß andere noch andere Beweise finden werden. Ta ich nicht weiß, ob unb wann eine zweite Auflage meiner Apologetik erscheint, so wollte ich die Gelegenheit nicht unbenutzt vorübergchen lassen, um obige Ergänzung zu meiner Auffassung der Sehcmone-Essre hier vorznbringen. Versühnung. Von M. Hcrzbcrg. II. mit Befriedigung hatte der Vater die keimende Neigung der jungen Leute bemerkt. Pinkns bescheidener, aber sicherer Anteil am Geschäft, seine unermüdliche Tätigkeit und Strebsainkeit bürgten der Tochter eine sorgenfreie Existenz in seiner Nähe, das schätzte er vor allem, und dazu boten die Charakteranlage und Eigenschaften des jungen Mannes solide Gewähr auch für ihr Lebensglück. Herr Herz fand Piukus mit Notizbuch und Bleistift vor dem Lagerkeller stehend, gerade eine Aufladung von Häuten überwachend, die an Meister Rollmanu, den Schuhmacherineister und Lieferanten der Familie, verkauft wareil. In seinem groben Arbeitsanzug, die Mütze im Eiser des Geschäfts schief auf dem Ohr, bot er durchaus keinen sehr vorteilhaften Anblick. Er war ein hagerer, langer Mensch von eckigen, unschönen Formen, mit sehr großen Händen und Füßen. Das blasse, sommersprossige, von schlichtem, dunklen Haar umgebene Gesicht zeigte eine intelligente Stirn und eine große, starke Nase, deren Häßlichkeit jedoch völlig wett gemacht wurde und verschwand vor den ehrlichen, offenen braunen Augen, die darüber schimmerten und einem mit schönen regelmäßigen, weißen Zähnen geschmückten, weichen, vollen Mund, den ein schmaler, dunkler Backenbart ganz freiließ. „Guten Morgen, Herr Vetter!" rief er, Herrn Herz gewahrend, ohne sich jedoch in seiner Arbeit stören zu lassen. Rüben kam heran und blieb einen Augenblick znschauend bei ihm stehen. „Wenn Sie fertig sind, Piukus, möchte ich mit Ihnen etwas besprechen," sagte er dann, ins Kontor tretend. Bald vereinigte sich dieser mit ihm. Herz teilte ihm mit, daß ihn notwendige Angelegenheiten nach Berlin riefen nud bat ihn, in seiner Abwesenheit ein besonders scharfes Auge auf das Hans zu haben, namentlich aber seiner Tochter mit Rat lind Tat zur Seite zu stehen, überhaupt ihn in jeder Weise zu vertreten. Er gehe mit schwerem Herzen, aber die Sache, um die es sich handelte, vertrüge keinen Aufschub, auch hoffe er, sobald als möglich wieder zurück zu sein. Pinkns, der gar zu gern gewußt hätte, was diese Sache sei, denn Herz pflegte nie ohne besonders wichtigen Grund zu reisen, weswegen auch seine Reisen zu den größten Seltenheiten gehörten, schwieg jedoch, Fragen vermeidend, aus angeborenem Zartgefühl, obwohl er ahnte, daß es Familienangelegenheiten bedeutendster Art sein mußten, die einen so plötzlichen, unvorhergesehenen Aufbruch veranlaßten, und die vielleicht nicht ohne Wirkung blieben auf ihn selbst. Denn in geheimer, obwohl unbegründeter Eifersucht, fürchtete er immer, daß die Geliebte ihm entrissen werden könnte, nicht ahnend, daß sie Kenntnis habe von seiner stillen Neigung, die er bis jetzt zu schüchtern war, ihr zu gestehen. — So begnügte er sich denn, Herrn Herz mit Mund und Hand seiner vollen Ergebenheit zu versichern, und jener, der wußte, wie ganz er sich auf ihn verlassen konnte, war um vieles beruhigter, sein Haus in solchem Schutz zu wissen. Diesen letzten Tag vor seiner Abreise widmete er sich ganz den Seinen, und es war ein hübscher Anblick, ihn am Nachmittag, seine Pfeife rauchend, mitten im Kreise seiner Familie im Eßzimmer an: rlinden, umfangreichen Tische zu sehen, auf dem die große, braune, dickbäuchige Kaffeekanne trotz der draußen herrschenden Junihitze ihren rauchenden braunen Trank verschenkte zu den appetitlich duftenden Mürbekuchchen, welche Mine zur Abschiedsfeier gebacken. Ein Bild altpatriarchalischen, tränten Familienglückes! Pinkns hatte sich dazu gesellt. Lustig und geräuschvoll ging es zu. Unter heiteren Gesprächen, die nicht ahnen ließen, »vie schwer des Vaters und der Schwester Herz, verfloß so angenehm die Zeit. Die Kleinen erschöpften sich in den gewagtesten Vermutungen über die Ursache der Reise des Vaters, die ihnen ein großes, wichtiges Ereignis war, ihrem Gespräche immer neue Nahrung gab und schließlich darin gipfelte, ihn mit unzähligen kleinen Aufträgen für den Bruder in Berlin, dem Eldorado ihrer kindlichen Phantasie, zu überhäufen, in Gewährung dessen er ihnen Gehorsam gegen die Schwester und Verträglichkeit untereinander zur Pflicht machte. Hier in der Mitte der Seinen erhob sich Rubens Herz in Dank gegen den Ewigen, der ihn so gesegnet in gedeihenden, guten Kindern. Nur schmerzlich zuckte es in Gedanken an

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