Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 21 (24.5.1907)
- Date
- 1907-05-24
- Page
- Seite 249 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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249 ist ja seine Darstellung des Judentums nicht bestritten worden, das glauben wir gern, er muß sich das gefallen lassen, aber diese Streitschriften als schlechthin unerquicklich und höchst einseitig zu bezeichnen, dazu hat gerade er kein Recht. Immerhin ist sein Unmut, wie bemerkt, erklärlich. Das Judentum war bisher die Domäne der christlichen Theologie; wenn jetzt die Juden gegen die Insinuationen und Entstellungen sich zu wehren, selbst in aller Höflichkeit sich zn wehren anfangen, so muß diese Abwehrden christlichen Theologen allerdings befremdlich, oder, um mit Bousset zu reden, unerquicklich und höchst einseitig erscheinen. Ich möchte in diesem Zusammenhänge auch noch einmal kurz auf Nöldekes Besprechung von Jroiners Pamphlet und ans seinen den Juden erteilten Rat, sich taufen zu lassen, zurnckkommen. Es ist dem berühmten Orientalisten bereits in würdiger Weise in diesen Blättern entgegengetreten worden, aber nach meinem Gefühle ist dabei eine ihm vorzulegende Frage übergangen. Die Frage ist, was der Jude mit der ihm angeratenen Taufe zu glauben auf sich zu nehmen habe? Ob er an die Trinität glauben muß, ob er glauben muß, daß Jesus der Sohn Gottes und der Jungfrau Maria war und daß er vom Tode auferstanden ist? Wenn Herr Professor Nöldeke sich über diese Kardinalpunkte des Christentums in bestimmter Weise aussprechen wollte, dann konnte man ja, je nach dem Ausfall seiner Antwort und der Darlegung seiner eigenen Ueberzeugung. über seinen den Juden erteilten Rat, sich taufen zu lassen, weiter reden. Soviel getraue ich mich aber schon jetzt znsagcn, daß, wenn Abraham Geiger noch leben würde, Nöldeke schwerlich mit seinem Rat hervorgetreten wäre, denn er war ein fleißiger Korrespondent von Geigers „Jüdische Zeitschrift", aber er hat darin, so viel ich sehe, seinen Taufvorschlag nie gemacht, was ich begreiflich finde, denn mit Abraham Geiger war in diesem Punkte nicht gut Kirschen essen. Andererseits aber begreife ich, daß Nöldeke jetzt mit diesem Vorschlag hervorgetreten ist. Das liberale Judentum hat in keiner bemerkenswerten und verbreiteten Schrift die Religion wissenschaftlich mit Wärme und Ueberzeugungstreue vertreten, es konnte blutleer und glaubenslos erscheinen; nun wurde Nöldeke mit dem Fromerschen Pasquill und dem Schicksal seines Berfassers bekannt, was Wunder, wenn er dem scheinbar in artieulo mortis befindlichen Judentum den von ihm gewiß ganz gut gemeinten Rat der Taufe nahelegte. Wir haben es also uns selbst zuzuschreiben, wenn wir so zu sagen verspottet werden, was sich weniger auf den Ratgeber, als die Beratenen bezieht; warum haben wir nicht für die Verbreitung von Schriften gesorgt, die auch der: außerhalb Stehenden davon überzeugen, daß wir es mit unserer Religion ernst meinen? Durch die Tat beweisen wir das allerdings täglich und stündlich; jeder Jude, der alle die Quälereien und Zurücksetzungen hinnimmt und sich nicht taufen läßt — die es tun, sind ja gering an Zahl — ist eine lebendige Apologie des Judentums, aber sie mußten es doch auch schwarz auf weiß haben. Und auch wir selbst müßten es so haben. Der Mangel an apologetischen Schriften macht sich auch im Gemeindeleben fühlbar. Vor mehreren Jahren kam ein sehr angesehener, sehr gebildeter Mann aus unserer Gemeinde mit der Eröffnung zu mir, sein Sohn, ein Gymnasiast, dränge darauf, sich taufen zu lassen. Ob ich ihm nicht eine Schrift über das Judentum empfehlen könnte, die er dein jungen Mann mit der Aussicht, daß sie ihn von seinem Vorhaben abbringen würde, in die Hände spielen könnte? Da war guter Rat teuer. Mendelssohns „Jerusalem", Formstechers „Religion des Geistes", Steinheims „Offenbarung" sind alt und keine Schriften für einen Gymnasiasten. Zuletzt gab ich dem Vater „Herzbergs Familienpapiere". Ob das Buch seine Wirkung getan, weiß ich nicht. Das ist nun jetzt besser geworden. Die trefflichen Schriften von Bäck und Eschelbach er sind wohl geeignet, die Gebildeteil über das Judentum aufzuklären und die Inden selbst dafür zu erwärmen. Sie verdanken ihr Erscheinen der „Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Jlldentmns", die sich damit ein nicht geringes Verdienst erworben hat. Freilich hat auch ein anderer Umstand hierbei mitgewirkt: der mächtige Einfluß und die große Verbreitung von Harnacks „Wesen des Christentums" und der Babel-Bibel-Vvrträge von Friedrich Delitzsch. Man konnte sich doch die in diesen Schriften vorgebrachten Jrrtümer über unsere Religion nicht länger gefallen lassen. Dazu schweigen, wäre dem Zugeständnis gleichgekommen. Aber der durch die lange geübte Unterlassungssünde bereits angerichtete Schaden läßt sich nicht im Handumdrehen wieder gut machen. Davon rede ich nicht, daß die christlichen Theologen von unserer Abwehr „unerquicklich" berührt werden. Sie werden sich daran gewöhnen. Auch das Totschweigen solcher Schriften in den Kreisen der christlichen Theologie, wovon ebenfalls Anzeichen vorliegen, wird nicht lange anhaltcn. Man wird hier nach und nach zur Einsicht konrmen, daß die jüdischen Theologen doch nicht bloß dazu da sind, durch bequeme Darbietung des talmudischen lind haggadischen Materials unbeabsichtigte Handlangerdienste zier Verherrlichung des Christentums aus Kosten des Judentlnns zu leisten. Im Gegenteil wird die wirkliche Erkenntnis des Christenturns, geschweige des Judentums, die Mitwirkung von jüdischen Gelehrten nicht bloß zulasseu, sondern sogar fordern. Wichtiger aber ist, daß unsere eigenen Glaubensgenossen erst wieder daran gewöhnt werden müssen, Schriften über und für die jüdische Religion zu kaufen und zu lesen. Das erstere ist fast noch wichtiger als das letztere, denn nur jenes, worarr sich dieses von selbst anreihen wird, kann eine belebtere Tätigkeit auf diesem Gebiete Hervorrufen und sie ist von äußerster Notwendigkeit zur Erwärmung unserer Jugend, besonders des weiblichen Geschlechts, für unsere Religion. Mit Rücksicht ans diesen Zweck kann ailch die Aufnahme der Apologetik in den Religionsunterricht nur mit allein Nachdruck empfohlen werden. Wenn nun Herr Dr. Eckstein hierbei meine „Jüdische Apologetik" für dienlich erachtet, so widerstrebt es naturgenlüß mir als Autor, auf diesen Punkt näher einzugehen. Ich bitte aber um Erlaubnis, auf eine Anmerkung zurückzukvmmen, in der Herr Dr. Eckstein meine universalistische Auffassung der Sehemone-Essre (S. 72 ff.) mit den Worten ablehnt: „Hier handelt es sich um eine Gemeindeandacht, welche ihrer Bestimmung nach nicht überall die ganze Menschheit umfassend sein kann und zu sein braucht." Ich habe den Artikel des Herrn Dr. Eckstein ain Sabbat Achare-Kedosclrim (27. April) vormittags gelesen. Nachmittags besuchte ich den Jugendgottesdienst und kam gerade dazu, wie ein jüngerer Kollege, Herr Dr. Bauer, in seiner Rede über die Vorschrift „Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst" seinen Zuhörern erzählte, daß ein Rabbiner einst von seinem Schüler befragt worden sei, warum cs in der ersten Benediktion der Schemone-Essre von Gott heiße: „Er gedenkt der Frömmigkeit der Väter," und nicht „unserer" Väter?" Worauf der Rabbiner geantwortet habe, es sei mehr Ehre für die Väter, sie als Väter aller Menschen, denn nur als unsere Väter zu bezeichnen. Als ich dies hörte, tat es mir leid, vor: dieser universalistischen Auslegung einer Stelle der 8eliemone-Essre bei Abfassung meiner Apologetik keine Kenntnis gehabt zu haben. Ich fragte dann Dr. Bauer: „Woher haben Sie die Notiz?", und er antwortete mir: „Aus dem