Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 21 (24.5.1907)
- Date
- 1907-05-24
- Page
- Seite 248 (sequence 8)
- Language
- German
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248 daß man sogar dieKantilene desThoravorlesens dem betreffenden Niggun anpaßte. Es soll keine Lanze sür den alten Gesang eingelegt werden. Unsere Zeit ist reicher an musikalischer Ausdrucksweise und wir halten das Schönste und Beste zu jeder Zeit für gerade gut genug, um unseren Gottesdienst Weihe zu geben, auch wenn es schon in vergangener Zeit vorhanden war. Zum Schönsten und Besten gehört sicherlich Einheitlichkeit und Harmonie. Statt des zerflatternden stimmreichen Vielerlei ein stimmungsvolles Ganzes, statt Virtuosenstücklein und Kunststückchen, an denen doch nur der ästhetisch ganz Ungebildete Gefallen findet, Kunst. Vielleicht gelingt es dann den Künstlern, uns so zu beeinflussen, daß wir uns in den ehemaligen Tempel zu Jerusalem versetzt wähnen und daß wir Levitenchöre zu hören glauben werden. „Dir Apologetik als Grgenltsnd des Leligionsunterrichts." Von Dr. M. Gilde mann. 3N Nummer 17 dieses Blattes vom 26. April d. I. hat Herr Rabbiner Dr. Eckstein unter obigem Titel, den ich von ihin entlehne und deswegen mit Gänsefüßchen versehe, die Aufnahme der Apologetik in den Religionsunterricht mit überzeugenden Argumenten befürwortet. Der Artikel bietet mir den Anlaß, einige Gedanken auszusprechen, die ich seit Jahrzehnten mit mir herumtrage und die auch wohl ausgesprochen zu werden verdienen. Ich kann sie nicht besser einleiten, als iirdem ich an die Mitteilung des Herrn Dr. Eckstein anknüpfe, daß der selige Geheimrat Lazarus und auch ein nicht genanntes Mitglied des Ausschusses der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums gesagt haben, Apologie sei keine Wissenschaft. Dieser Satz hat nur dann Geltung, wenn nian unter Apologie Beschönigung versteht, was ja häufig geschieht, aber ein Mißbrauch ist. Faßt man Apologie in der eigentlichen Bedeutung des Wortes als Verteidigung, Schutzrede gegen eine, Anklage, so wie im Griechischen die der y-x-r^Ax gegenübersteht, so ist absolut nicht einzusehen, weshalb nicht jene so gut wie diese den Charakter der Wissenschaftlichkeit besitzen sollte. Die ganze forensische Beredsamkeit wäre ja sonst aus dem Gebiete der Wissenschaft ausgeschaltet. Hierüber ist also weiter kein Wort zp verlieren: die Apologie ist eine Wissenschaft, vorausgesetzt, daß sie sich an die Gesetze der Wissenschaft hält, und deshalb ist in der christlichen Theologie von jeher die Apologetik ein integrierendes Lehrfach der theologischen Wissenschaft gewesen. Leider aber ist innerhalb der Wissenschaft des Judentums bis vor wenigen Jahren die Apologie nicht für vollwichtig angesehen worden. Die Begründer und vorzüglichsten Bearbeiter dieser Wissenschaft sind der eigentlichen Religion meilenweit aus dem Wege gegangen und haben sich aus die Literatursorschung beschränkt. So hat sich die merkwürdige Erscheinung ausgebildet, daß, während die jüdische Literatur zum größten Teile mit der Apologie in der Religion sich befaßt, die moderne jüdische Wissenschaft davon nichts wissen will und also ihren Ursprung oder wenigstens ihren Familienbesitz verleugnet. Das ist unter den mannigfachen Seltsamkeiten, die wir aufzuweisen haben und auf die ich hier nicht näher eingehen will, die allerseltsamste. Nichts, was jüdisch ist, erachtete man wiffenschaftlicher Bearbeitung für unwürdig, nur die jüdische Religion war davon ausgeschlossen. Es ist gerade so, wie wenn ein moderner Jude seinen Vater deshalb verleugnet, weil er vielleicht den Kaftan trägt oder jüdelt. Ist es auch keine wirkliche Verleugnung, deren der Sohn sich gegen den Vater schuldig macht, so gibt er ihm doch, um mit Heine zu reden, zu verstehen: „Grüß mich nicht unter den Linden!" Genau dasselbe Verhalten hat die jüdische Wissenschaft gegenüber der jüdischen Religion betätigt. Im stillen war das Verhältnis ganz gut, aber „Unter den Linden", in der Oeffentlichkeit, kannten sich die beiden nicht. Schrieb einer schon über und für die jüdische Religion, so wurde die Schrift als „apologetisch" und demnach unwissenschaftlich verurteilt. Sogar die jüdische Geschichtschreibung, wenn sie nicht gänzlich blutleer war, konnte sich dieser Verurteilung nicht entziehen. Aus übergroßer wissenschaftlicher Skrupulosität war man immer der Meinung der anderen. Daß diese selbst dafür sorgten, ihre Meinung zu verlautbaren, und daß wir selbst unsere Meinung haben und durchsetzen sollten, das siel nieinand ein. „Ich sage nicht so und sage nicht so, damit man nicht sage, ich hätte so oder so gesagt!" Diese Devise des alten Komikers Nestroy war sür unsere Wissenschaft in ihrein Verhalten gegen unsere Religion maßgebend, deshalb ist unsere Religion leer ausgegangen und von der Ergiebigkeit der jüdisch-wissenschaftlichen Tätigkeit ist ihr auch nicht der geringste Anteil, wenn wir ein gelegentlich hier und da zu ihren Gunsten gesprochenes Wort ansnehmen, zugefallen. Daß diese Schilderung der Wahrheit entspricht, wird derjenige, der die Entwicklung der jüdischen Wissenschaft während der letzten fünfzig Jahre beobachtet hat und vielleicht auch mit dabei gewesen ist, zugeben. Ist es etwa unter den Bekenn'ern des Christentums ebenso? Was haben wir Chateaubriands „Le gcnie du Christianisme“, den Werken Schleiermachers und anderer an die Seite zu setzen? Gar nichts. Dabei bildet in allen diesen Werken das Judentum die Folie, um den Glanz des Christentums zu erhöhen. Hat man aber christlicherseits jene Werke als bloß apologetische bezeichnet und wissenschaftlich diskreditiert? Dabei haben es die christlichen Theologen sehr bequem. Sie schreiben einfach über das ältere Judentum vorgeblich so objektiv wie über eine andere historische Materie, aber sie betreiben unter diesem Decknainen die Apologie des Christentums, ohne daß sie sich dieses Titels bedienen, obwohl selbstverständlich auch Schriften mit diesem oder einem ähnlichen Titel auf den Büchermarkt kommen. Es ist aber noch keinem christlichen Gelehrten eingefallen, diese unter dem Titel der Darstellung des älteren Judentums oder des neutestamentlichen Zeitalters umlaufenden Krhpto-Apologien des Christentums als unwissenschaftlich zu bezeichnen. Wir Juden können ja dieses Verfahren nicht nachahmen und etwa unter dein Decknamen einer Entstehungsgeschichte des Christentums das Judentum, ich will nicht sagen: herausstreichen, sondern nur wahrheitsgemäß darstellen. Direkt ist es bisher auch nicht geschehen, so mußte sich das Judentum seine unwidersprochene Darstellung von seiten christlicher Theologen gefallen lassen, während es allerdings jetzt aus dieser passiven Rolle herauszutreten anfängt. Aber die bisherige Schweigsamkeit des Judentums macht den Unmut begreiflich, mit dem Bousset in der Einleitung zur zweiten Auflage seines großenWerkes „Die Religion des Judentums im neutestamentlichen Zeitalter" S. 59 sagt: „Hier sei endlich auch noch auf einige Titel aus der in den letzten Jahren sich mehrenden, zum größten Teil unerquicklichen und höchst einseitigen apologetisch-polemischen Streitliteratur des Judentums hingewiesen usw.". Es wäre wohl richtiger gewesen, wenn Bousset von einer für ihn unerquicklichen Streitliteratur des Judentums gesprochen hätte. Mein Gott, zu seiner Erquickung