Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 21 (24.5.1907)
- Date
- 1907-05-24
- Page
- Seite 247 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Steht die Frage auch nicht auf dein Programm der Haager Friedenskonferenz, vielleicht ließen sich Mittel finden, um Albernheiten aus der Welt zu schaffen, durch die ein Volk, eine Glanbensgenofsenschaft immer und immer wieder in die Gefahr gerät, Opfer eines Pogroms zu werden. Hier sollte die „Allianz" die Hebel ansetzen. Es wäre ihre Sache, unnachsichtlich die Urheber der verlogenen Verhetzungen vor die Schranken des Gerichts zu fordern. Ich denke, wir haben an einem Polna über genug. Aber das ist unser Unglück, wir stecken zuviel in Kleinlichkeiten, hören Redensarten an, die in Synagogen und Wählerversammlungen vorgebracht werden, und es bleibt alles beim alten. — Ein Mann, an dessen Freisinn wohl niemand zweifelt, der zu einer gewissen Volkstümlichkeit in Wien, ja in Oesterreich gelangt ist, der Kämpfer für die „freie Schule", Baron Hock, warf den Juden vor, daß sie sich separieren, er zweifle an ihrer demokratischen Gesinnung und beschuldigte sie, daß sie Zwietracht säen innerhalb der freisinnigen Wählerschaft. Wir sind darin der Meinung des Herrn Barons nicht. Er kennt eben die besonderen Leiden der Juden nicht. Ihm ist leicht reden. Wir müssen Vertreter haben, die laut ihre Stimme erheben, wenn das Judentum verunglimpft wird. Es ist kein Zweifel, wir gehen schweren Zeiten entgegen. Das Judentum wird in Oesterreich eine Feuerprobe zu bestehen haben. Wie kann man es ihm verargen, wenn es energische Vertreter verlangt? Was dem Herrn Baron auf dem Herzen liegt, kümmert uns wenig. Meint er, der Klerikalismns sei der ärgste Feind Oesterreichs, so nimmt ihm diese Meinung niemand wir wissen jedoch, daß uns der Schuh noch anderwärts drückt. Die Allerweltsverbesserer haben merkwürdigerweise die Juden vergessen, darum kommen >vir diesen Herren mit einem gewissen Mißtrauen entgegen. Und wenn sich jemand den Satz leistete: „den Talmud brauchen wir im Parlament nicht", so sind wir ganz der Anschauung dieses Weisen, aber wir geben diesem Ueberklngen zu bedenken, daß, wenn vom Talmud im Parlament oder anderswo geredet wird, man eigentlich die Juden meint, aus die man weidlich lvsschlagen dürfe. Wir glauben doch, daß zwischen den rumänischen Judenhetzen und gewissen Verbrüderuugsfesten, die in Wien gefeiert wurden und bei denen sich Lueger den Magen verdorben hat, irgend ein Zusammenhang bestehe; darum gilt es, aus der Hut zil sein. „Eherechtsreform und freie Schule" mögen sehr schöne Dinge sein, aber mit allen diesen demokratischen Strebungen werden es Baron Hock und sein getreuer Mitkämpfer, der Jude Dr. Ofner, nicht verhindern, daß man von Zeit zu Zeit von Ritnalmord und ähnlichen Hetzen im „Deutschen Volksblatt" liest. Bevor wir aber vor diesen Gefahren nicht gesichert sind, wird man es uns nicht übel nehmen, wenn wir bekennen: Der Rock der Allerweltsbeglücker ist uns zwar nahe, aber das Hemd des Judentums viel näher. Iwri. Ä liier Gottesdienst. Von Pros. Dr. S. Stern. wei Sünden, die wir bei der Modernisierung des Gottesdienstes begangen haben, sind gutzumachen: Richtig war es, die von den allermeisten unverstandenen Pijutim zu streichen, da sie gleichsam die Aufforderung bildeten, mit dem Sitznachbar zu plaudern. Ein Fehler aber war es, keinen Ersatz für sie zu schaffen, um das, was die Poütanim bezweckten, in moderner Weise wieder aufzunehmen. Die Dichter der Pijutim verarbeiteten fast den ganzen Haggadahschatz, und der Leser sollte dadurch gemütvolle Anregungen zum tieferen Verständnis der Feste, der biblischen Gestalten und einzelner Episoden der jüdischen Geschichte erhalten. Es liegt auf der Hand, daß die Predigt, die sich doch mit der Gegenwart zu beschäftigen hat, keinen Ersatz für die mit Recht gestrichenen Pijutim gewähren kann. Wir müßten ins Gebetbuch für die Festtage wieder Stücke in Versen oder in poetischer Prosa hineinbringen, die heute in der Landessprache und in moderner Ausdrucksweise demBetendeu das sagen, was die Pijutim in hebräischer Sprache unseren Vorfahren sagten. Das lväre für die Männer und Frauen in Israel eine nicht aufdringliche, gute — sehr oft notwendige — Belehrung über Religion und religiöse Dinge. Von hier aus könnten sich Fäden ziehen, die die Herzen mit dem Judentum etwas inniger verknüpften. Eine zweite Sünde haben wir au den Ohasaairn begangen. Nicht darin besteht die Sünde, daß man neue, schöne Melodien für die Gebete komponierte, der Fehler liegt darin, daß man sich damit begnügt und nicht beim Gottesdienst, trotz Orgel und Chöre, künstlerisch vorgeht. Der Säuger, der uns mit süßem Gesänge berauscht, macht aus dem Gottesdienst noch kein Kunstwerk. Zum Kunstwerk gehört neben der Stimme des Künstlers noch Seele des Künstlers, und diese besaßen die alten Chasanim, die Schöpfer der Niggunim, obwohl sie viel ärnier an Ausdrncksweise waren als die modernen Kantoren, besaß übrigens auch der moderne Sulzer. So ein altes Schacharith oder Mussaph oder Maariw war von einem Motiv getragen und zusanunengehalten, ein anderes Motiv am Sabbat, ein anderes am Pessach, ein anderes am Neujahrsfest. Unser Gottesdienst ist in der Regel ein Quodlibet oder ein Potpourri. Ich ging am Sabbat in eine Synagoge, Pardon! Tempel. An der Pforte hing eine Tafel mit dem Programm des zu hörenden Konzertes, Pardon! Gottesdienstes: „En komachu", von Lewandowski. „Wajehi binsoa", von Sulzer. „Schema" von Kirschner usw. Wie dies erheben kann, weiß ich nicht, mich hat es nicht erhoben, vielmehr ans der Stimmung gerissen, ich empfand die Sehnsucht nach Einheitlichkeit iliid Harmonie trotz der vielen Harmonien. Es sollte die Ehre wahrhaft künstlerischer Kantoren sein, nicht eine Keduscbah oder ein Uwcnuelia jomar zu komponieren, sondern einheitliche Gottesdienste, Oratorien, in denen die Gedanken des Gebets musikalischen Ausdruck finden, da ja die Gebete eines Gottesdienstes ein zusammenhängendes Ganzes bilden. Darüber sollten unsere zukünftigen Kantoren in den Kantorenschulen so belehrt werden, wie über andere in ihr Fach einschlagendc Dinge. Ich bin wohl kein Fachmann, es kommt mir aber immer vor, als hätten die Kantoren nicht genug über die alten Niggunim nachgedacht, sonst hätten sie doch finden müssen, daß früher Einheitlichkeit herrschte und zwar in solchem Maße,