Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 21 (24.5.1907)
- Date
- 1907-05-24
- Page
- Seite 246 (sequence 6)
- Language
- German
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246 Armen des Ostens; aber das ist nicht so sehr das Resultat der Eintvanderung, als der wirtschaftlichen, kapitalistischen Entwicklung. Dasselbe gilt von den 150 jüdischen Millionären in Newyork. Die jüdische Bevölkerung hat uns eine verhältnismäßig größere Anzahl von Gelehrten und Sozialpolitikern geliefert, als alle Einwanderer zusammen. Die Juden sind auch im Trade Unionismus und der sozialpolitischen Propaganda tätig gewesen. Die jüdischen Kinder gehören zu den aufgewecktesten und intelligentesten der Volksschulen Newhorks. Die jungen Männer sind ehrgeizig, nicht nur um Erfolg in ihren geschäftlichen Unternehmungen, sondern auch, um sich in den gelehrten Berufen auszuzeichnen. (Hier wird in einer Jußnote auf den Bericht der Gewerbeinspektion Bezug genommen-) Das städtische Kolleg in Newhork hat hauptsächlich jüdische Studenten und auch in den Universitäten findet man viele. Dieser Zustand der Dinge ist unter den obwaltenden wirtschaftlichen Verhältnissen sicherlich ermutigend. Es ist kein Grund für Antisemitismus vorhanden und dieser wäre nur auf Vorurteile, Neid und Geschmacklosigkeit zurückzuführen, nicht aber aus eine rationelle Ansicht von der Sachlage. Wenn das jüdische Element ohne Ideale, ohne Ehrgeiz wäre, wenn es korrumpierend auf unsere Politik wirkte, könnte man anderer Ansicht sein; aber derartiges ließe sich eher von anderen sagen, als von den Juden. Hoffentlich beherzigt auch die neue Einwanderungsbehörde in Newyork diese Anschauungen, mit denen Professor Stangeland durchaus nicht vereinzelt in Amerika dasteht. Die Zusauunensetzung dieser Behörde läßt übrigens, wie aus Newyork berichtet wird, ein gerechtes und objektives Vorgehen derselben gegen die jüdischen Einwanderer aus dem Osten erwarten. Lriek aus Leltrrrrich. Ende April. amit nufere Bäume nicht in den Himmel wachsen, wir vielmehr daran gemahnt werden, daß Oesterreich nahe an der rumänischen Grenze liegt und des Verbrüdernngsfestes nicht vergessen, das zwischen den edlen Rumänen und den Edlen Wiens nicht lange vor dem Ausbruche der Unruhen in der Wallachei geschlvssen wurde, ging die Partei des „Deutschen Volksblatt", dieses Organs für Lüge und Ritualmordhetzen, daran, aus Anlaß des Passahfestes wieder einmal die Schaudermür des „Blutaberglaubens" zu Nutz und Frommen aller Antisemiten Wiens und Oesterreichs anfzuwärmen. Die christlich-soziale Partei fühlt sich jetzt sehr stark, sie wird umschmeichelt ititb verhätschelt, und selbst liberale Blätter »vollen es mit ihr nicht ganz verderben, sie kann sich also etwas leisten, und so tauchte denn der alte Schwindel wieder auf; inan sprach von jüdischen Elementen, die noch am Blutaberglauben festhälten, ja von historisch nachweisbaren Tatsachen wurde geredet, welche von der „Judenpresse abgelengnet werden". „Die historisch nachweisbare Tatsache" des Blutaberglänbens zeitigte diesmal folgende Frucht. Eine Magd, die bei einem Wiener Kaufmann bedienstet gewesen und ihren Dienstplatz verlassen hatte, verbreitete das Gerücht, man habe ihr in der Wohnung ihres Dienstgebers vor den jüdischen Ostern Blut abzapfen wollen, es seien ihr Schnitt- und Stichverletzungen an den Füßen beigebracht worden. Die Polizeiärzte untersuchten die Dienstmagd und fanden keine Spur der geschilderten Verletzungen. Dagegen bestätigten die Aerzte, sie sei psychisch gestört und eine Prüfung ihres Geisteszustandes nötig. Das „Deutsche Volksblatt" allerdings weiß es besser als die Polizeiärzte und meint, die Magd sei „sicher normal". Wer da nicht davon überzeugt ist, daß die ganze Beschuldigung ans eine ganz gewöhnliche Hetze gegen eine Religivnsgenossenschaft abzielt, dem ist schwer mit Gründen beizukommen; wir denken aber doch, es wäre nötig, die gewissenlosen Hetzer im Gerichtssaale etwas näher zu beleuchten. Noch schmachtet der unschuldige Hilsner, das Opfer der Blnthetzer von Polna, im Gefängnisse, und schon wieder wagen es Menschen ohne Gewissen, unsägliches Unheil über Unschuldige heraufzubeschwören. Wann wird sich endlich die ganze Judenschäft aufraffen, um diesen Lügnern das Handwerk zu legen? Freilich müssen wir hier eines konstatieren: Es ist jetzt nicht an der Zeit und sehr unklug von den Inden, besonders in Wien, gehandelt, >venn sie sich an der Agitation für die Eherechtsreform und für die sogenannte „freie Schule" beteiligen. Wir Juden haben wahrlich der Sorgey genug, wozu mengen wir uns in Angelegenheiten, die uns absolut nichts kümmern? Die Eherechtsreform in Oesterreich mag ja vom demokratischen Standpunkte aus sehr wünschenswert sein, vergessen wir aber nicht, daß sie ein katholisches Dogma berührt, und wenn wir Autonomie in unseren religiösen Fragen verlangen, dann gebietet es auch der Takt, uns nicht in fremde religiöse Angelegenheiten zu mengen. Wozu das Odium gegen das Judentum noch steigern? Warum sollen wir uns sagen lassen, das Judentum unterstütze alle christenfeindlichen Bestrebungen? Gerade so verhält es sich mit der Agitation für die „freie Schule". Diese ist besonders gegen die religiösen Uebungen an rinsereir Schulen gerichtet. Wir denken, es werde den Herreir Schülern gar nicht schaden, wenn sie an solchen gottesdienstlichen Uebungen teilnehmen, und nran muß deshalb nicht gleich über den klerikalen Einfluß du Zetergeschrei erheben. Wir haben doch in der Tat keinen Klerikalisnrus, werrn marr auch in Wiener Wahlversammlungen vom jüdischen Klerikalismus reden. Niemals ist wohl ein lächerlicheres Wort gesprochen worden. Der Klerikalisnms iß eine politische Macht, und das Judentum eine solche nicht Darmn ist es unser kluger Rat: hüten wir uns, auch nur das Geringste zu tun, wodurch wir den Verdacht erregen könnten, als verletzten wir irgend jemandes religiöses Gefühl. Die Eherechtsreform wird wohl auch in Oesterreich durchgesetzt werden, wenn sie notwendig ist, aber wir fühlen durchaus nicht bett Beruf in uns, anderen die Kastanien aus dein Feuer zu holen. Wir haben dies oft genug getan, und der Dank dafür sind — die Ritualmordhetzen. Doch seien wir nicht undankbar. Angesichts der schauderhaften Vorgänge in Rumänien, die wir soeben miterlebten, erhebt sich gar manche mächtige Stimme, die verlangt, daß die Frage der „Rassenentrechtung" zur Sprache gebracht werde. Mit diesem Gegenstände beschäftigt sich ein Artikel der Baronin Berta von Suttner, der im „Neuen Wiener Tagblatt" erschien. Die bevorstehende Haager Konferenz, meint die Suttner, sei das Forum, vor welches die Judenfrage gebracht werden müsse. Immer, wenn die Judenhetzen uns daran mahnen, daß wir ein unglückliches Volk sind, bedauern wir es, keine starken Beschützer zu besitzen, die sich unser kräftig annehmen. Wisehr muß es uns freuen, daß es noch vorurteilslose Geiste gibt, die einsehen, es könne so nicht weitergehen. Gewissenlos Hetzer sind imstande, durch ein Wort einen furchtbaren Brauzu erregen, dem die Schutzlosen wehrlos preisgegeben sind Goldene Worte sagt die große Friedensbefliffene: „In Rumäniei hat die Judenfrage mitgespielt, und will man Wandel schaffen so muß sie mit aller Offenheit angepackt und gelöst werden wie es gesitteten, gerechten und humanen Menschen geziemt das heißt durch Herstellung gesetzlich gewährleisteter Gleich stellung — und daraus folgender Gleichachtung — de jüdischen Bevölkerung überall." Und wir sollten um durch diese Worte, die nicht aus jüdischem Mund-