Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 21 (24.5.1907)
- Date
- 1907-05-24
- Page
- Seite 242 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228744-3228766--63537-3297441- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
242 und Dr. Pattai als den nächsten Justizminister. Wie die Dinge jetzt liegen, darf man dies als sehr wahrscheinlich betrachten. Zwar hat Dr. Lueger eben erklärt, er würde es niemals dulden, daß Führer der christlich-sozialen Parteien in das Ministerium treten. Aber Dr. Lueger ist ein kranker Mann, und seine Tage scheinen gezählt. Was vielleicht augenblicklich nicht geschehen kann, wird wohl in einem oder in zwei Jahren geschehen müssen. Uebrigens kommt es auf die Person gar nicht an; es mag in Oesterreich regieren, wer will, er wird doch nur der Vollstrecker des von den Klerikalen und Antisemiten geäußerten Willens sein. In Oesterreich gibt es jetzt noch kaum höhere Beamte, welche dieser reaktionären Flut sich zu widersetzen wagen, und sollte es noch solche geben, so werden sie wohl ehestens von dieser Flut hinweggeschwemmt werden, oder sie werden sich in ihrem eigenen Interesse rechtzeitig ..eines Besseren" besinnen. Man wird sich erinnern, daß Graf Kielmannsegg, der Statthalter von Nieder-Oesterreich, zu Anfang der antisemitischen Aera in Wien sich den Lurus einer eigenen Meinung leisten wollte und sich gegen Herrn Lueger unbotmäßig zeigte. Es dauerte aber nicht lange, und er mußte einsehen, daß llicht er mit den Antisemiten, sondern vielmehr die Antisemiten mit ihm fertig werden können. Da zog er es vor, mit Herrn Lueger und seinen Kumpanen Frieden zu machen. Das hat nicht er allein getan, viele „erprobte" Vorkämpfer des Liberalismus, die jahrelang im Brustton der vollsten Ueberzeugung den Antisemitismus als eine Schmach und ein Unglück für Oesterreich befehdet hatten, gingen später durch das kaudinische Joch und wurden von Dr. Lueger, der sie von ihrer früheren Sünde absolvierte, in Gnaden ausgenommen. Jetzt, nachdem die bürgerliche Deinokratie im Wahlkampf deziiniert wurde, wo man nur noch die Wahl zwischen Klerikalismus und Sozialismus zu haben scheint, wird inan eine noch häßlichere Fahnenflucht erleben. Nur die Juden werden diesem Zuge der Zeit nicht folgen können, und wenn sie in beträchtlicher Zahl Anschluß an die sozialdeinokratische Partei suchen' sollten, so werden die frommen Streiter für Thron und Altar gewiß nicht unterlassen, auf die „zersetzende Kraft des Judentums" hinznweisen. Wenn die jüdischen Wähler vor die Wahl zwischen einem Antisemiten von der Sorte eines Mechanikers Schneider und einem Sozialisten gestellt werden, so müßten sie nach der Anschauung der gottesfürchtigen Vaterlandsretter für ihren Todfeind eintreten. Auch iu Deutschland fehlt es nicht an politischen Heuchlern, die solche Selbstaufopferung von den Juden verlangen. Und was in Berlin gesagt wird, wird doch der antisemitische Trottel in Wien nachsprechen dürfen. Es läßt sich leider nicht verhehlen, daß die Zukunft der Juden in Oesterreich recht trüb anssieht. In dem Kronland Galizien sind nun auch leider die Wahlen noch schlimmer ausgefallen. Schuld daran trägt nur die Uneinigkeit der Juden daselbst, die sich in drei Parteien spalteten, anstatt gesammelt vorzugehen, und die deshalb um einige Mandate einen harten und erbitterten Kampf führten. Was die Polen in Galizien an Wahlterrorismus gegen jüdische Wähler leisten, die sich nicht herdenmäßig zur Wahlurne nach dem Wunsch der Schlacht« führen lassen, läßt sich für Leser in einem geordneten Rechtsstaat gar nicht schildern. Wenn man nicht bestimmt wüßte, daß die Klagen über brutale Rechtsverletzung und Vergewaltigung auf Tatsachen beruhen, man müßte sie als eine Ausgeburt der Phantasie bezeichnen. Wir haben die Wahlkämpfe in Rußland mit Aufmerksamkeit verfolgt, und wir müssen sagen, daß solches dort selbst nach dem Sieg der Reaktion nicht vorgekoinmen ist. Es handelt sich nicht etwa um Wahlbeeinflussungen, wie sie in manchen Ländern vorzukommen pflegen, sondern mn die einfache Suspendierung aller bürgerlichen Rechte, um die Aechtung der Wähler, die für einen von der polnischen Zentralleitung nicht gebilligten Kandidaten einzutreten wagen. Man wirft Wähler ohne den geringsten Schein der Berechtigung einfach ins Gefängnis, wo man sie wohl bis über den Wahltag hinaus festhalten will. Die Spalten der Wiener liberalen Zeitungen sind voll von Zuschriften an die Redaktionen, in denen flehentlich um Hilfe gegen diesen Terrorismus gebeten wird. Aber diese Hilferufe verhallen ungehört. Man darf nicht vergessen, daß die Klerikalen und Antisemiten von Galizien aus Sukkurs erwarten. Zu der künftigen klerikal-antisemitischen Koalition im österreichischen Parlament wird die polnisch« Schlachta wohl auch ihren Anteil stellen. Auf dieses Hilfskorps kann die Reaktion in Wien nicht verzichten. So hat sich das allgemeine Wahlrecht in Oesterreich bewährt. Es ist dahin gekommen, daß leider nur noch von einer Seite aus die Befreiung erfolgen kann. Die bürgerlichen Parteien aller Nationalitäten sind im Kampfe unterlegen und schicken ein winziges Häuflein von Vertretern in den neuen Reichsrat. Auch diese kleine Schar dürfte nicht lange standhalten. Ain allerwenigsten können die Juden auf sie rechnen, daß sie sich ihrer annimmt und die letzten Reste des Rechtsstaates gegen den Ansturm der Reaktion verteidigt. Muß man sich doch in Erinnerung rufen, daß die liberale Partei nach dieser Richtung ihrer Pflicht sehr lau nachkam, selbst als sie noch di« Macht besaß und in Ansehen stand. Sollte sie jetzt ihr leck gewordenes Schiff weiter zu steuern versuchen, die Juden wirft sie unter allen Umständen als lästig über Bord. Was bleibt also der letzte Rettungsanker für die Juden? Die sozial demokratische Partei, in deren Arme sie durch Unverstand nnk Niedertracht geradezu getrieben werden, wie man iu Rußland die Inden auf die Bahn der Revolution gedrängt hat. Oester reich liegt wahrhaftig nicht nur räumlich nahe an Rußland Sir Woche. Berlin, 22. Mai. ie Ferien der Parlamente geben uns wieder einmal willkommene Gelegenheit zu einer fleiueri Nachlese cur diesem Felde. Zu einer regelrechten Jndendebatte ist es in diesem Sessionsabschnitt Gott sei Dank nicht gekommen, ob wohl sich die Gegner verschiedentlich Mühe gaben, eine solche hervorznrnsen. Auch sonst bot sich fein Anlaß zur Besprechung der Fragen dar, die uns speziell angehen. Nur gelegentlich streifte der Abgeordnete Müller-Meiningen beim Justizetat die Zurücksetzung der Juden in der Justizverwaltung. Er führte u. a. aus: ,,Alle Parteien sind darüber einig, daß Stand und Konfession ohne Einfluß aus die Heranziehung der Schöffen und Geschworener bleiben müssen. Jüdische Kreise klagen über starke Zurücksetzung Aber nur die Intelligenz und die moralische Integrität dürfte hier entscheiden." Eine Antwort darauf gab es nicht. Bei der Lesung des Etats für das südafrikanisch- Schutzgebiet war ein kleines Rededuell zwischen dem Anti semiten Lattmann und dem Sozialdemokraten Ledebour rech interessant. Wir lassen es hier folgen: Abg. Lattmann lWirtsch. Agg.): Der Abg. Ledebour ha bestritten, daß in der Denkschrift der Regierung von „russische! Juden", die von der Kapkolonie her in unser Schutzgebiet eindringen als „verbrecherischem Gesindel" gesprochen wurde. Tatsächlich is das aber der Fall.