Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 21 (24.5.1907)
- Date
- 1907-05-24
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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.. . ' ■ ■ -- 71. Jahrgang. Nr. 21. Berlin, 24. Mai 1907. eitung desZudentums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Begründet von Rabbiner Dr Ludwig Philixpson. Verlags-Expedition; Berlin, Jernsalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition find an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums*', Berlin SW., Jerusalemer Straße <*6/49, zu richten. Verlag von Rudolf Mofse, Berlin. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: durch Buchhandel oder Post (in Berlin u. Vororten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährl. 3 Hfl. Redakteur: Gustav Rarxeles. Dir Wahlen in Lrltrrreich. Berlin, 22. Mai. er 14. Mai 1907 ist ein geschichtlich denkwürdiger Tag für den österreichischen Kaiserstaat. An diesem Tage wurden zum erstenmal die Wahlen für die österreichische Volksvertretung auf Grund des allgemeinen Wahlrechts vollzogen. Zwar ist dieses allgemeine Wahlrecht, wie wir bereits an dieser Stelle ausgeführt haben, noch immer nicht das gleiche, insofern bei der Einteilung der Wahlkreise auf die einzelnen Nationalitäten und auf die Steuerleistung der Wählergruppen Rücksicht genommen ist. Aber innerhalb eines jeden Wahlkreises gibt es kein Privilegium mehr, wie auch die verschiedenen Kurien beseitigt sind. Der 14. Mai hat wohl noch keine endgültige Entscheidung über die Zusammensetzung des ersten aus den allgemeinen Wahlen hervorgegangenen Reichsrats gebracht, da für einen großen Teil der Mandate Stichwahlen nötig sind. Indessen kommt es auf die genaue Zahl bei der Beurteilung des Gesamtbildes nicht mehr an. Tatsächlich steht fest, daß die bürgerliche Demokratie in Oesterreich, ganz unabhängig von der Nationalität, der sie angehört, für absehbare Zeit zu politischer Ohnmacht verurteilt ist. Das große Wort führen die extremen Parteien, in erster Reihe natürlich die Klerikalen und die Christlich-Sozialen, welche im Bunde mit den Reaktionären aller Kronländer in dem am,14. Juni zusammentretenden Parlament die Herrschaft ausüben werden. Nach der linken Seite steht unzweifelhaft der große Sieg der Sozialdemokraten fest. Beinerkenswert ist auch, daß nur die bürgerlichen Demokraten bei den Wählen dem Ansturm der Klerikalen und Christlich-Sozialen nicht widerstehen konnten; hingegen ist es den Sozialdemokraten gelungen, in vielen Kreisen die Anhänger der Reaktion zu verdrängen. Am letzten Sonntag vor den Wahlen wurde auf Anordnung der höchsten geistlichen Behörden in den katholischen Kirchen Wiens und in der Provinz eine besondere Fürbitte für „gute Wahlen" veranstaltet. Was man in diesen Kreisen als „gute Wahlen" bezeichnet, braucht nicht erst gesagt zu werden. Den Liberalen hat die Beeinflussung der Wahlen von der Kanzel aus erheblich geschadet, den Sozialdemokraten aber, die diesmal ein glänzendes Beispiel ihrer Parteidisziplin gegeben haben, zweifellos genützt. Sehen wir uns das Bild der vollzogenen Wahlen in Wien an. Von den 33 Wahlkreisen ist nur ein Mandat in erster Wahl dem Deutsch-Fortschrittlichen Hofrat Kamill Kuranda, dem Sohn des bekannten Publizisten Ignaz Kuranda, zugefallen. Er ist im sogenannten Kai-Viertel von der jüdischen Mehrheit gewählt worden. Im fünften Wahlkreis (Leopoldstadt I), wo die Juden ebenfalls über eine sichere Mehrheit verfügen, kommt es wegen der Zersplitterung der jüdischen Stimmen zu einer Stichwahl, wobei indessen auf den Sieg des jüdischen Demokraten Dr. Ofner mit Bestimmtheit gerechnet werden kann. Außerdem scheint nur noch ein einziger freisinniger Kandidat durch eine Stichwahl in Wien einen Sitz im Parlament zu erhalten. Dieses klägliche Verhältnis entspricht leider auch dem Verhältnis der Stimmenzahl am Wahltage. Von netto 330000 abgegebenen Stimmen entfielen nicht viel über 30000 auf die liberalen Kandidaten. Man muß sagen, daß eigentlich nur die Juden in Wien dem Liberalismus treu geblieben sind, während die christlichen Wähler, soweit sie sich nicht der sozialdemokratischen Partei angeschlossen haben, in ihrer übergroßen Mehrheit ins Lager der Christlich- Sozialen übergegangen sind. Als eine tröstliche Erscheinung kann man es vielleicht bezeichnen, daß es den Sozialdemokraten gelungen ist, den alldeutschen Antisemiten, also Schönerer und Genossen, eine vernichtende Niederlage zu bereiten. Wohl die wenigsten von ihnen werden in den neuen Reichsrat zurückkehren, und dieses nur, wenn ihnen die deutschen Liberalen in den Stichwahlen zum Sieg verhelfen werden. Wie es auch in Deutschland der Fall war, wird nran im Kamps um die Mandate bei den Stichwahlen die sonderbarsten Kompromisse erleben. Der Führer der christlich-sozialen Partei hat den deutschen Freisinnigen ein Wahlbündnis gegen die Sozialdemokraten zur gegenseitigen Unterstützung angeboten mit der Motivierung, die Parole dürste nicht „klerikal" und nicht „liberal" lauten, sondern „religiös und politisch tolerant". Hierzu bemerkt die „Neue Fr. Pr.": „Es sei ein starkes Stück, daß der Führer der Christlich-Sozialen religiöse Toleranz predige, um Stimmen für konfessionelle Fanatiker wie Ernst Schneider zu erwerben." Wenn es auch heißt, daß die Parteiführer der Liberalen ein solches Wahlbündnis ablehnen wollen, so ist es doch wahrscheinlich, daß die Wähler in den meisten Wahlkreisen sich um die von der Parteileitung ausgegebene Parole nicht viel kümmern werden. Dem sei übrigens wie ihm wolle, die künftige Mehrheit im österreichischen Reichsrat werden die reaktionären Parteien bilden. Gerade der glänzende Sieg der Sozialdemokraten, die etwa über 80 Sitze in der Volksvertretung verfügen werden, muß auch die etwas gemäßigteren Elemente in das Lager der Reaktion drängen. Bereits vor einem Jahre, als dieses Ergebnis der allgemeinen Wahlen in Oesterreich von allen weiterblickenden Politikern als zweifellos bezeichnet wurde, hieß es, daß es zu einem klerikal-antisemitischen Ministerium kommen würde. Man nannte damals den bekannten Führer der Antisemiten in Wien, Dr. Geßmann, als den künftigen Unterrichtsminister