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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-05-17 · Heft 20 (17.5.1907) · p. Seite 240

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 20 (17.5.1907)
Date
1907-05-17
Page
Seite 240 (sequence 12)
Language
German
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240 und in seinen sonst so sanften Augen glühte etwas von dem Fanatismus seiner Väter. „Wir wollen nicht rechten mit Unmöglichkeiten, Line," fuhr er, sich gewaltsam beherrschend, fort. „Dies alles sind unbegründete Annahmen, leere Phantasien, die, auf gute oder schlechte Art uns täuschend, vor der nüchternen Wirklichkeit verschwinden werden. Ich muß vor allem selbst sehen und Horen." „Ja, ja. lieber Vater," fiel sie eifrig ein, „reise, reise so bald als möglich! Deine Anwesenheit wird all die Jntriguen Taute Sarchens leicht zerstreuen und Klarheit in die Sache bringen; das hoffe ich von ganzem Herzen. Jede Minute ist kostbar; die Ungewißheit und die Angst sind schrecklich. Und wenn Du mir eine große Bitte erfüllen willst, lieber Vater, so gehe nach Deiner Ankunft nicht erst zu der Tante, geh' gleich zu Deinem Sohne. Er ist die Wahrheit, die Offenheit selbst, jede Lüge ihm fremd; er wird Dir nichts vorenthalten, und nur was er Dir sagt, das darfst Du glauben." „Und Du wirst indessen schweigen gegen jedermann?" „Ja, mein Vater." „Werde ich Dich aber so lange allein lassen können, Kind?" fragte er, von neuer Sorge erfüllt. „Warum nicht, lieber Vater?" erwiderte sie ruhig. „Die Kinder folgen mir; unsere Mine ist treu und zuverlässig. Und brauche ich einen Rat, so habe ich oben die gute Madame Fritze, die ihn für mich stets bereit hat." „Ich will Pinkus noch ganz besonders Wachsamkeit und Vorsicht einschärfen. Er soll noch extra morgens und abends bei Dir anfragen, ob auch alles gesund und in Ordnung ist. Bei allen Vorkommnissen darfst Du Dich vertrauensvoll au ihn wenden; er ist Dir sehr ergeben, ein so treuer Freund!" „Ich weiß es," sagte sie errötend und wandte das Gesicht zur Seite, es zu verbergen. Ter Vater sah es und lächelte. Aus dein plötzlich heraufgezogenen Gewölke des Kummers fiel doch ein kleiner Lichtblick; hier war eine Wahl, die seinem Herzen Freude machte. Nachdem er die Angelegenheiten seiner Häuslichkeit mit seiner Tochter geordnet, die wenigen Sachen, die er mitznnehmen gedachte, in ein Kofferchen gepackt hatte, ging er gleich hinüber in den Hof zu Pinkus, ihm die Sorgen für die Seinen ans Herz zu legen. Pinkus war ein entfernter, elternloser Verwandter, den Herz vor Jahren in sein Geschäft gcnonunen, und der ihm durch Tüchtigkeit, Fleiß und Umsicht die menschenfreundliche Hilfe reichlich vergolten hatte, so daß, seit er Teilhaber geworden, der Lederhandel, den er iin Großen betrieb, durch die junge Kraft einen ungeahnten Aufschwung erreicht hatte. Er wohnte jetzt hinter dem Kontor in eigenen kleinen, sauber und nett ausgestatteten Räumen, speiste jedoch mit der Familie und wurde ganz und gar zu einem Mitgliede derselben gerechnet. Von weiten: schon, durch Hof und Flur, drang aus dem Hinterhanse jedem Näherkommenden der strenge, intensive, aber nicht unangenehme Geruch der gegerbten Häute entgegen. Alle hier Beschäftigten, auch Pinkus' Person, hatten ihn angenommen und waren von ihm durchzogen. Das erhöhte noch seine Popularität bei den Kindern seines Wohltäters, die er, wie alle gutmütigen Menschen, sehr liebte, und deren kleinen zahllosen Anliegen und Quälereien er mit unendlicher Geduld und Nachsicht stets sich unterzog, wohl der ältesten Schwester wegen, die er mit stiller aber tiefer Neigung schon seit langem liebte. Ihr trefflicher Charakter, ihre uneigennützige, fast mütterliche Fürsorge, die sie, alle die Ihren umsaffend, in ihrer Herzensgüte auch auf ihn, den ganz verwaisten jungen Mann, ausdehnte, besonders aber ihr unverwüstlich heitrer Mut und Frohsinn, der sie auch all die unvermeidlichen Unannehmlichkeiten und düsteren Stunden als Unabweisbares hinnehmen und geschickt und tapfer überwinden ließ, hatten ihn^ den im Gegensatz dazu von Natur aus zur Melancholie neitzenden, trübsinnigen Menschen, der, ehe er sie gesehen, weder Glück noch Liebe, nur bittere Erfahrungen und-Entbehrungen gekannt, ganz besonders angezogen. In ihrer Nähe, deuchte ihm, könne Trauer gar nicht aufkvmmen. (Fortsetzung folgt; Änd als die Lrde in Blüten lag. . . (Dem Heimgang einer Betagten.) Von Max Mayer-Lechenich. nd als die Erde in Blüten lag, Da klopfte der Tod an dein Gemach. Ein Maitag goß blühende Träume aus jedes Grab — — Da senkten schweigend wir dich hinab, Und beteten still in andächtigem Fleh'n: „O Herr! Nun las; sie vor dir bestehin, In Friede und Gnaden vor dich kommen, Der Herr hat's gegeben; der Herr hat's genommen, Der Name des Ewigen sei benedeit Von nun an bis in Ewigkeit!"-— Und jeder schwieg und blickte mit ernstem Sinn Betrübt noch lange so vor sich hin.- Doch länger und fester noch hielt mich der Hinnnel gebannt. Der war wie schimmernde Seide gespannt, Wie hingemalt, als hielten die Wolken im Fluge an, So ruhig lag alles in lauschendem Bann.- So stand ich sinnend, ein stummer Späher, Mir ward es, als tarne jetzt näher und näher Von oben ganz leise in flüsterndem Wehen Ein gläubiges Lied vom Auferstehen! Sprechlaal. Sehr geehrter Herr Redakteur! ^n Nr. 17 (vom 26. April d. I.), S. 198, Ihrer geschätzten „Allgemeinen Zeitung des Judentums" meldet „Jwri" in seinem „Briefe aus Oesterreich" von der Trauerfeier, die zu Ehren des Verfassers des halachischen Werkes „Machazith - Haschekel", des Samuel Kollin (Kelin) oder Löw anläßlich der 100. Wiederkehr seines Sterbetages im März d. I. abgehalten wurde. Jener Gelehrte starb jedoch nicht, wie „Jwri" berichtet, im Jahre 1807, sondern bereits 1806, und zwar am 20. Mai (Vgl. G. Deutsch in seinem „Jüdische Gedenktage", S. 129, in „Die Deborah", Neue Folge, l.Jahrg., 1901, Heft 5), ferner in feinen „Memorable Dates“; im Hebrew Union College Annual, 1904, S. 338, sowie im „Year Book of the Central Conference of American Rabbis“, Vol. X, 1900, S. 154, und schließlich The Jewish Encyclop. VIII, 193 s. v. Löw, Samuel). Hildes he im, 8. Mai. Ergebenst Dr. A. Lewinsky. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz tu Berlin.

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