Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 20 (17.5.1907)
- Date
- 1907-05-17
- Page
- Seite 239 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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239 daß er ungehindert seiner Neigung folgen kann, woran ihn bei uns sein Schamgefühl und Röschens wachsame Augen hinderten. Es sollte mich nicht wundernehmen, wenn sie nun schon zusammen wohnten; solche Mädchen sind zu allem fähig. Ich hatte auf Röschens Bitte vorher versucht, mit ihm zu reden, ihn abznhalten von dem schlechten Wege. Da kam ich aber schön an! Was meinst Du, was ich dafür geerntet? Undank und Grobheit! Mir stände kein Urteil zu, er verbäte sich meine Einmischung in seine Angelegenheiten sowie Beleidigungen des Mädchens, er sei Herr seiner Handlungen, mir vor allem keine Rechenschaft schuldig usw. usw. Nun siehst Du, wie weit ich mit ihm gekommen — er i st einfach fortgelanfen. Vielleicht gelingt es Dir, dein Vater, ihn zur Vernunft zu bringen. Je eher Du einschreitest, um so besser, es könnte sonst leicht zu spät sein; er schien fest entschlossen. Solltest Du hierher reisen, um persönlich zu wirken, was ich für das Beste halten möchte, so bitte ich Dich, bevor Du Julius aufsuchst, zu mir zn kommen, da ich in der Angelegenheit noch manches, was sich schriftlich nicht sagen läßt, mit Dir besprechen möchte. Dich in so betrübenden Umstünden von Herzen bedauernd, verbleibe ich Deine treue Schwester Sarah. Nachschrift: Entschuldige, daß ich deir Brief nicht frei mache, aber durch Julius' Abzug ist der kleine notige Verdienst mir entzogen und Geld bei uns sehr knapp geworden; wir empfehlen uns Deiner so oft bewährten Großmut. „In diesen! Briefe ist die eine Hälfte mindestens erlogen und die andere auf das abscheulichste übertrieben und verdreht!" rief Karoline entrüstet, nachdem sie geendet. „Dahinter steckt die Rosalic init ihrer lächerlichen Eifersucht. Julius sollte sich in ein verlorenes Mädchen verliebt haben, mein stolzer, braver, rechtschaffener Bruder! Er sollte für seinen Glauben fürchten lassen? Das ist einfach Wahnsinn! Nun und nimmer glaube ich es!" „Du siehst doch, sie schreibt es," sagte er tonlos. „Wer?" rief das Mädchen verächtlich. „Deine Stiefschwester, die stets auf uns neidische, mißgünstige, welche ihn selbst sangen möchte für ihre Rvfalie! Die kann es ihm nicht vergeben, daß er das Mädchen so auffällig, so entschieden zurückgewiesen. Merkst Du denn nicht an dem ganzen Ton des Briefes, wie voller Gift und Neid sie ist?" „Sei gerecht, Line! Des armen Mädchens verschmähte, gekränkte Liebe. . ." „Rosaliens Liebe, Vater!" fiel sie geringschätzig ein. „Jeder junge Mann, den sie sieht, besitzt sie! Dieselbe hatte sie vordem für Georg, der nun in Wilna bei dem Onkel glücklich ihrer Zärtlichkeit entrückt ist und dieselbe hätte sie nach Julius auch für Wilhelm, wenn er nach Berlin und zu ihnen zöge! Ich kann's den Brüdern nicht verdenken, daß sie sie nicht mögen, die häßliche, böse kleine Xanthippe!" „Damit schaffst Du doch das andere nicht aus der Welt, liebe Line! Er selbst, sich verteidigend, hat's Sarah gegenüber zugegeben," sagte der Vater seufzend. „Es wird, es muß ein Mißverständnis sein!" erwiderte sie zuversichtlich. „Ja, >venn Julius wäre wie die meisten anderen jungen Leute: leichtlebig, genußsüchtig und oberflächlich!. Aber er, so ernst, so treu, so liebevoll, er, der stets nur uns, nur seiner Pflicht gelebt, der die wenige freie Zeit, die ihm vergönnt, Erholung und Geselligkeit verschmähend, nur dazu benutzt, sich selbst zu fördern und zu bilden in strenger, entsagungsvoller Abgeschiedenheit! Er. der sich selber nie genug getan, kein anderes Glück gekannt als seinen Gott, die Pflicht und unbefleckte Ehre, er sollte eine Handlung begehen, die ihn in Konflikt brächte mit diesen und feiner Kindesliebe? Er sollte abtrünnig werden wollen um einer Dirne willen? Ich glaube es nicht, ich glaub' es nicht, bis daß er selbst mir's sagt!" Rubens Herz sog unwillkürlich Trost aus der überzeugenden Wärme, mit der die Schwester für den Bruder eintrat. Er schämte sich fast, gezweifelt zu haben, wo sie festhielt diesen schönen Glauben an den geliebten Bruder. Er wünschte, daß sie ihn ferner widerlegen möchte in der kindlich gläubigen Zuversicht eines reinen Herzens, aus daß ihre frohe Hoffnung einen Schein mit werfe in sein bekümmertes Gemüt. „Du kennst in Deiner Unerfahrenheit und Herzensreinheit nicht die Verführungen der großen Stadt, inein Kind," sagte er ruhiger. „Du weißt nicht, welchen Versuchungen ein junger Mann dort ausgesetzt ist, und mein Julius, so brav er ist,! hat auch ein einpfänglich Herz und Sinne wie andere. Ja, gerade die Abgeschiedenheit, in der er lebte, die Unkenntnis der Frauen erhöht für ihn die Gefahr, sich leicht zn verstricken in eine ernste Leidenschaft. In seinen Jahren, bei seinem j Temperament ist Liebe oft allmächtig." „Die Liebe, Vater, wenn sie die echte ist, wird ihn nicht in Zwiespalt bringen mit seiner Pflicht — die »vahre Liebe fordert keine Opfer." „Was weißt Du, meine Tochter, von dem Egoismus, von der rücksichtslosen Gewalt der Leidenschaft, dem zwingenden Verlangen zu besitzen? Nicht jede Frau in ihrer Liebe denkt wie Tn, die Jüdin. Auch sprichst Du ans unbewegtein, unerprobtem Herzen, das noch nicht zu wühlen hatte zwischen i kindlichen Gehorsam und einer geliebten Persönlichkeit. Gesetzt j aber auch, Du siegtest über Dich — die Fremde versteht vielleicht! ein solches Fühlen, eine so ergebungsvolle Resignation gar 1 nicht, und wir dürfen sie, die anders erzogene, anders geartete, j nicht verurteilen. Ich fürchte, harte, schwere Kämpfe für meinen Sohn — für mich —" schloß er verdüstert. „Wenn Julius sie liebt, Vater, wirklich liebt, so ist sie seiner Liebe wert, so ist sie keine Unwürdige, das sagt mir doch mein weibliches Gefühl, so jung und weltunkundig ich auch bin. Ihn zieht nicht das Gemeine an. Das Edle, Schöne. Gute, es war von jeher nur sein Ideal! Sv rasch wandelt sich eine Seele wie die seine nicht. — Und ist daS Mädchen dementsprechend, so wird sie gern ihm Opfer bringen, wird ihn frei geben zu seinem Glücke — edle Liebe hat Kraft auch zum Entsagen."! „Gut, meine Tochter, ich will einmal annehmen, es sei so, j wie Du sprichst, sie sei der Besten eine. Wie nun, wenn j gerade deshalb sie seine Liebe ganz besitzend, er von ihr nicht! lassen mag? Wenn er sie liebt mit tiefer, wahrer Liebe, mit j solcher Liebe, wie ich Deine Mutter liebte, die so früh dahin gegangen. Wenn er mit seinen Lebensfasern an ihr hängt — der Christin — und ich kenne solche Fülle — rvie dann Line, wie daun?" Er tat die Frage mit finsterer, lauernder Entschlossenheit, die dem Mädchen sagte, daß er die Antwort schon erwogen und bereit hatte. Einen Augenblick schwieg sie betroffen und die Farbe wich aus ihren Wangen. Dann hob sie voll und stumm, und doch, ach, so beredt, die blauen Augen zu ihni ans. Ein milder, weicher Schein verklärte sie, die ihm von Opfern sprachen, welche auch die Vaterliebe zn bringen imstande ist — und er verstand sie. „Ich säh' ihn lieber tot! Niemals, niemals, so lange ich lebe und atme!" Er hatte mit erhobener Stimme gesprochen