Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-05-17 · Heft 20 (17.5.1907) · p. Seite 238

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 20 (17.5.1907)
Date
1907-05-17
Page
Seite 238 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3224737-3228744-3228765--63528-3297431
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

288 ein Anliegen sie diesmal hat!" murmelte er dann, ihn erbrechend. Kaum hatte er ihn jedoch zu lesen begonnen, so nahm das vordem ruhige Gesicht den Ausdruck schmerzlichen Erstaunens an, der sich im Weiterlesen zu wirklichem Entsetzen steigerte. Welch eine Nachricht! Zornig zerknitterte er nach Beendigung der Lektüre den Brief in seiner Hand und begann das Zimmer zu durchwandern, heftig erregt, unter unverständlich hervorgestoßenen Lauten des Schreckens und Kummers. Herr Raben Herz, ein stattlicher Mann, stand im Herbste seines Lebens. Das dichte, schwarze Haar, noch von keinem Silberfaden durchzogen, quoll unter einein dunklen Sammetkäppchen hervor und die frische Farbe des vollen, bartlosen Gesichts, die gedrungene, etwas untersetzte und doch ebenmäßige Figur zeugten von unverminderter, gesunder Lebenskraft. Die sehr hohe Stirn, die das in der Erregung nach hinten geschobene Mützchen freigab, die leicht gebogene, feine Nase verrieten Geistesschärfe und Gedankentiefe. Von entschlossenem Willen, von Energie und Hartnäckigkeit sprach der ausdrucksvolle, wohlgeformte Mund mit seinen beweglichen, schnialen Lippen und dem kräftigen, stark entwickelten Kinn. In reizvollem Gegensätze zu dem strengen Charakter der Züge standen die sanften, dunklen Augen, die in ihrer weichen! Tiefe' unverkennbar einen großen Schatz seltener Herzensgüte I bargen. " j Er trug noch die Tracht seiner Jugend. Der schwarze Leibrvck, die kurzen bis über das Knie reichenden Beinkleider, an die sich gleichfarbene seidene Strümpfe lind Schnallen-; schuhe schlossen, ließen noch mehr die kräftige Bildung der Gestalt hervortreten. Jabot und Handmanschetten waren schön gefältet und von tadelloser Weiße. Er kam von seiner Wanderung zu dem Tische zurück, an dein er bei Empfang des Briefes gesessen, und, den Kops in beide Hände stützend, aus dem Grunde seines Herzens seufzend, j versank er in schmerzliches Grübeln. i Es konnte, es durfte nicht sein, es war undenkbar, unmöglich! Und doch stand es hier so deutlich, so unumstößlich! Sein Sohn! Bor allem er, sein Lieblingskind, der Benjamin seines Herzens! Darum hatte er so lange - geschwiegen, darum! Wenn es wirklich, wirklich so wäre! War der Samen, den er so sorgfältig gestreut in die Seelen seiner Kinder, bei ihin so schnell verweht? Lebte in ihm nicht mehr, wie in jedem wahrhaft frommen Juden, die Schutzwehr seines Glaubens, der Fels der unerschütterlichen Gottestreue? Er lvar doch ein so guter Sohn, ein so tüchtiger, braver Mensch! Wie, wemr er ihm spräche, eindringlich, beweglich, von dem gefährdeten heiligen Glauben, wenn er rührte an sein Gewissen, an seine Pflicht, an die mächtige kindliche Liebe, die innigen Familienbande, die von jeher den edlen Juden ausgezeichnet? Gewiß, sie alle im Verein mußten überzeugen; sie mußten den Sieg davontragen über sinnliche Gefühle und Leidenschaften, über die Liebe des Mannes zum Weibe, zu einem schändlichen Weibe! Und dann, als Letztes blieb ihm des Vaters Machtgebot. Mußten sich die Töchter dem Willen des Vaters beugen, ihre Neigung ihm zum Opfer bringen, warum nicht auch die Sohne? Er war entschlossen, es zu fordern als sein heilig Recht! Und lvar es denn ein Opfer, das er verlangte? Wollte er ihm nicht vielmehr einen Segen, eine Wohltat erweisen, Rettung ihm bringen, ihir befreien aus den Schlingen einer nichtswürdigen Kokette, die seine frische Schönheit, seine reine Jugend angelockt, um ihn zu verderben? Gewissensfrieden, Vater- und Geschwisterliebe, des Ewigen Huld, wogen sie nicht die Liebe eines Mädchens ans? — Danken, danken würde er ihm später, wenn der kurze Rausch verflogen, der wahre Liebe nicht sein konnte! „ Noch war es Zeit dazu. — Hastig erhob er sich, öffnete die Tür, die zu einem schmalen, dunklen, langen Korridor führte, welcher sein Zimmer von dem seiner Kinder trennte und rief: „Line! Line!" »Ja, Vater! Gleich!" tönte eine helle jugendliche Stimme zurück. Gleich darauf erschien in der Türe ein sehr hübsches junges Mädchen von kleiner, zierlicher und doch voller Gestalt, deren heitere blaue, von lichtbrauner Flechtenkrone beschatteten Augen nicht ahnen ließen die Sorgen und Lasten, die sie nach dem Tode der Mutter mutig auf sich genommen, um den frühverwaisten Geschwistern diese zu ersetzen. „Was wünschest Du, lieber Vater?" „Schließ' die Türe und komme her! Da, lies den Brief!" Er hatte seine Wanderung wieder ausgenommen und wies auf das zerknitterte, mißhandelte Schriftstück, das er auf dem Tische zurückgelassen. „Ist etwas vorgefallen, lieber Vater?" fragte sie ängstlich, sein verstörtes Wesen bemerkend. „Hast Du schlechte Nachrichten erhalten — ist Julius krank —?" „Lies!" wiederholte er kurz. „Von Tante Sarchen!" rief sie erstaunt, und der Vater, sie beobachtend, sah ein nnmerklich verächtliches Zucken ihre Mundwinkel heben. Dann las sie mit halblauter Stimme: Lieber Rüben! Wenn mich bei der ganze,: Geschichte überhaupt ein Vorwurf treffen kann, so ist es der, Dir nicht schon lange, lange die Augen geöffnet zu haben über das Treiben, das hier hinter Deinem Rücken mit Julius vor sich geht. Meine Entschuldigung ist, daß ich selbst blind gewesen, nichts gesehen und nichts gehört habe. Rosalie aber, die von Anfang an Verdacht geschöpft — Du weißt die Augen der Liebe sehen ja scharf — hat mich aufgeklärt und endlich dazr, bewogen. Dir Mitteilung zu machen. Das arme Kind ist, Gott sei's geklagt, förmlich znm Schatten äbgefallen, seitdem er sie so schändlich hintergangen, er, den sie immer noch liebt und dein sie auch zu verzeihen bereit wäre, wenn er aus den Netzen dieses Weibes zu ihr zurückkehrte — ja, Netzen, lieber Rüben: denn sie hat ihn von uns fort geangelt rnrd hält ihn ganz in ihrem Garne, so sehr, daß ich fast fürchte, sie wird ihn noch dazu bringen, seinen Glauben abzuschwören, überzutreten und sie zu heiraten; denn sie ist Christin. Wer sie ist? Ich weiß es wirklich nicht genau. Röschen sagt, es soll mit der Vergangenheit bei ihr nicht ganz richtig sein, sie habe gehört, sie sei eine Schenkmamsell oder so etwas dergleichen, ein liederliches Ding, häßlich und viel älter als er; natürlich dazu arm wie Hiob. Neulich abends haben wir ihr aufgelauert, als sie ihn vom Geschäft abhvlte und obgleich wir leider nur ihren Rücken sehen konnten, hatten wir doch schon genug. Dieser leichtfertige Gang! Dies kokette Wiegen und Schwänzeln! Die ist auf die Männer aus, sage ich Dir, und die jungen unerfahrenen Leute sind so leicht zu fangen. Trotzdem hätte ich's von Julius gerade nie geglaubt! Ich möchte nur wissen, tvo er sie eigentlich kennen gelernt, da er Lokale doch nie besucht. Du wirst Dich nun auch nicht wundern, wenn ich Dir ferner mitteile, daß Julius nicht mehr bei uns wohnt. Seit wir von seiner Liebsten Wind bekommen und ihm infolgedessen zugesetzt haben, ist er fortgezogen nach der Rosenthalerstraße 351* zu einer Frau Colberg. Das ist wohl auch so eine, die erlaubt,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.