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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-05-17 · Heft 20 (17.5.1907) · p. Seite 237

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 20 (17.5.1907)
Date
1907-05-17
Page
Seite 237 (sequence 9)
Language
German
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237 Der Weg der Jugend?' Von Herma»ii Merkes. ^n drei Büchern will der junge Dichter, dessen Heimat im Osten liegt und der Menschen schildert, die auch unter uns wandeln, den kurzen Lebenslauf eines jungen Mannes geben. Das Buch, das uns vor liegt, ist David Segenreichs Kindheitstagen gewidmet. „Der Weg der Jugend" gehört der jetzt wieder so beliebten Gattung der autobiographischen Romane. Der Verfasser, der als ein Poet anzusprechen ist, ist peinlichst bemüht, uns ein menschliches Dokument zu bieten, und hart aneinander sind die kleinsten Erlebnisse gereiht, oft schnuicklos, zuletzt mit einem starken Durchbruch poetischer Phantasie. Da spricht einer, der die wundersame Fähigkeit besitzt, in die Seele eines Kindes zu dringen und ihr mit einem tiefen und reinen Verständnis zu lauschen. Blumenthal geht von dem schönen Worte des russischen Dichters Lermontoff aus, das; die Geschichte der unbedeutendsten Seele oft interessanter und lehrreicher ist, als die Geschichte eines ganzen Volkes. Diese kleinen, aber tiefen Vorgänge, die sich vielleicht in dem Dichter selbst abspielten, sind ohne Distanz gesehen und es ist, als ob ein Kindermund Worte gefunden für sein Weh und seine Lust. Der Schauplatz ist ein kleines galizisches Städtchen, das der Autor Palechow nennt. Man kennt diese armseligen Orte mit ihrem Elend und ihren Einsamkeiten. Doppelt eng und dürftig ist hier das Leben in den niedrigen Hänschen, die man nur gebückt betreten kann. So sind auch die Menschen. Sie gehen mit geneigtem Haupt herum, mit kleinen Alltagssorgen, dürftigen Hoffnungen. Sie leben ohne Frühling und ihre wenigen Gefühle sind ängstlich behütet und scheu, die Gefühle passiver Naturen, die krankhaft zärtlich oder ungenüldert rauh sind, voll einer ewigen Angst vor all den Gespenstern, von denen sie das Leben umgeben sehen. Da »nächst in jungen Seelen die Sehnsucht um so krankhafter in dieser Atinosphäre, die von kranken Menschen geschaffen wird. Sie werden früh klug, diese Kinder, voll einer herben Reife, ängstlich und einpfindsam und das Leben »nächst vor ihnen empor voll Schauer, voll von Schrecken, »vie eine Dichtung, in die die leuchtenden Gestalten der Bibel hineinragen. Das sind die blassen Judenkinder, die i»üt glühenden Augen und »vie von Angst und Leidenschaft verzehrt einhergehen. Kleine Grübler, die von schweren Rätsel»» umgeben sind. Es liegt viel Traurigkeit in ihrem Spiel, in de»»» ein Kurnuier, Neid oder viele Tücken, die sie den Eltern oder Erwachsenen abgelauscht, mit- »virken. Die Gassen sind kü»»»n»erlich und völlig verarmt an Schönheit. Aber die Synagoge, die vor» alten Zeiten her stumm und mit der Düsternis des Greisenhaften emporragt, sie ist von Legenden und grauenhaften Sagen umtvoben. Menschen, deren Leben verhalten ist, spi»»nen sie, und Schicksale Vergessener leben in einer Kette von Märchen, die ein Geschlecht dem andern reicht. In diesen Gassen ist kein Baun» »nd nirgends blüht eine Blume. Aber inniger wird der Wald geliebt, der in das Städtchen hinein ragt, die kleine Heide oder das Getreidefeld. Die Knaben werden früh zu unbewußten Pantheisten und sie bevölkern die Einsainkeiten mit grauen oder strahlenden Gestalten ihrer Phantasie. Wie heilig st die Frau in» Leben eines ostjüdischen Knaben! Zuerst wendet sich eine kranke Liebe der Mutter zu und dann scheu, schamhaft und mit einer verschwiegene»» und jäh emporh Der Weg der Jugend. Rom»» von Her»»»»» Blumen- »hal. Berlin 1807. Julius Ward. lodernden Leidenschaftlichkeit dem ersten Mädchen, das ihm auf den» freudearmen Lebensweg begegnet. Das sind die Heiligtüiner der jungen Seelen, die genährt sind von der schwülen Poesie der Bibel, von all den Hochgesüngen der Liebe. Und doppelt rauh und vernichtend trifft sie das Leben mit den ersten Unglückssällen in ihrer Familie, mit der ersten Not und den ersten Kämpfen, die sie zu bestehen haben. Ein derartiges Leben wird uns in den ersten Entwicklungen des kleinen David Segenreich geschildert. Es ist voll von Süßigkeiten und Bitternissen. Der Vater ein passiver Mensch, halb Gelehrter und halb Kaufinann, der, ohninächtig und ratlos wie er ist, von Wohlstand zu tiefer »»nd verschäinter Armut hinabgleitct. Die Mutter spröd in ihren Gefühlen, voll von einer airgelesenen und früh enttäuschten Romantik, innerlich verküminert und ausgehöhlt von diesen Enttäuschungen. Das Kind, vereinsa»»»t früh i»n Elternhause, wird in seinen Gefühlen ver»v»mdet und lernt alle Grausamkeiten früh kennen bei Sch»»lkan»eraden und Lehrern. Eine stille Knabcntragödie mit unterdrückten Tränen spinnt sich fort, aber es fehlt nicht an Holdseligkeiten, an keuscher und tiefer Schönheit, an all den Märchen, an denen kein Kinderleben ariri ist. Wie eine süße kleine Melodie schlingt sich in die Düsternis eine anfkeimende Liebe und verklingt schmerzlich »rnd zart. Das Knabenleben Davids ist beendet, wie die Not ins Elternhaus einbricht, und ein Marchenreich versiirkt ihm, wie er das Städtchen verläßt, un» in die große Stadt zu ziehen. „Alle Wünsche u»»d Träinue der letzten Jahre erwachten plötzlich in de»»» Knaben. Er war voll Zuversicht. War er doch auf den» Wege, „etwas Großes" zu werden. Noch hatte er seinen Kinderglauben." So schließt der erste Teil dieser Erzählung, die »ms mit der ganzen Macht des Lebens packt und die uns bei» Beweis eines echte»» Talents erbringt. Versöhnung. Von Bl. Herzberg. Motto: „Es eifre jeder seiner unbestochcneic Von Vorurteile» freie» Liebe noch!' Lossiug. €in ungewöhnlich heißer Junitag des Jahres 1846. Schon jetzt an» Morgen brannte die Sonne mit solcher Macht aus das holprige Straßenpflaster in Stettin, daß der alte Briefträger Schramm dicht an den Häusern entlang schlich, un» nur ein wenig Schatten zu erlangen. Da hielt er an den» offer» stehenden Parterresenster eines hübschen, sauberen Hauses der Franenstraße. „Ein »»»»frankierter Brief, Herr Herz," sagte er und reichte ihn hinein. „Acht gute Groschen!" „Unfrankiert?" meinte der Empfänger, unangenehm überrascht. „Laßt doch einmal sehen! Ans Berlii» — von der — na ja, das dachte ich mir! — Hier ist das Geld." Er zog die Börse und zählte die einzelnen Silberstücke bedächtig auf das äußere, schinale Fensterbrett. „Schön' guten Morgen, Herr Herz!" „Guten Morgen, lieber Schrainm!" Rüben Herz betrachtete die n»it »»ngeübter Hand geschriebene Adresse sinnend. „Ein Brief, der einer»» unfrankiert ins Haus koinmt, ist sicher kein freudiger; ich bin neugierig, »vas für

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