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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-05-17 · Heft 20 (17.5.1907) · p. Seite 236

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 20 (17.5.1907)
Date
1907-05-17
Page
Seite 236 (sequence 8)
Language
German
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nommen hatte. Als er nach weiteren sieben Tagen eine Taube ausschickte und diese nicht zurückkam, merkte er, daß es wieder trocken auf Erden sei, und er verließ die Arche mit den Seinen und allem Getiere. — So der biblische Bericht vom Aufhören der Sintflut. Eine Sintflut ihres eigenen Blutes droht die ganze, bis an die Zähne mit den kunstvollsten Mordwaffen ausgerüstete Menschheit zu ertränken. — Der Kainsmord ist zum allgemeinen Völkermord ausgeartet. Wohin die Kultur schreitet, da lehrt sie auch mit den Künsten des Friedens die Künste des Krieges. So hat sie in merkwürdig kurzer Zeit einen mongolischen Volksstamm, die Japaner, befähigt, die größte und gefürchtetste Großmacht niederznwerfen. Erstarrt steht die sich bisher für unüberwindlich gehaltene kaukasische Rasse dieser über Nacht gewordenen asiatischen Großmacht gegenüber, und das Gespenst der gelben Gefahr lastet wie Alpdrücken auf ihr. Nach Japan kommt das an Menschenmaterial so schwer reiche China, das schon wiederholt seine grimmigen Zähne gezeigt und zu der bekannten Kaisermahnung Anlaß gegeben: „Rettet die Güter der christlichen Kultur!" Dann folgen Persien, die inohammedanischen Länder und alle die tutli quanti Gebiete in Asien und Afrika, deren Zivilisierung wir unternommen und die sich als mehr oder weniger lernbegierige Nacheiferer des modernen Kriegshandwerks erweisen. Mit dem Erwachen des Geistes und der Menschenwürde wird auch das Nationalgefühl und die Erbitterung gegen die fremden Usurpatoren geweckt, und so bereitet sich ein allgemeiner Weltbrand langsam aber sicher vor. Dieser glimmt auch und wird genährt durch den in unserer eigenen Mitte herrschenden und immer mehr um sich greifenden Geist der sozialen Unzufriedenheit, des Nihilismus und Anarchismus. Er äußert sich vor unfern Augen in dem durch gräßliche Mißwirtschaft verrotteten russischen Nachbarreiche, das nach Krnschewans Prophezeiung noch „durch Ströme von Blut waten wird". Himmel! Was steht da noch unseren armen Brüdern bevor, die schon seit einem Vierteljahrhundert knietief im Blut waten? Entsetzen erfaßt uns bei der drohenden Perspektive . . . Was hilft da Jammern und Klagen, wenn die ganze Kulturwelt schweigt und nichts zur Abstellung der Blut-Sintflut geschieht! Nichts? — Hat denn nicht der friedensbedürstige Zar Nikolaus II., wie weiland der gerecht gefundene Noah, eine Arche erbaut, um dieser blutigen Sintflut zu begegnen — den Friedenskongreß im Haag, für den der amerikanische Multimillionär Carnegie einen ungeheuren Bau aufrichtet? Zum zweitenmal soll dieser Kongreß nun tagen. Während es im Zarenreiche blutig hin- und herflutet, bereist der russische Friedensemissär die europäischen Höfe und klopft auf den Busch. Ist es der Rabe oder die Taube, die endlich das Abdämmen der Sintflut verkünden soll? Es ist der Rabe oder die zweite Taube nicht, denn wir vermissen das Oelblatt inr Munde. Dieses Oelblatt wäre die Botschaft, daß ihr Herr und Meister zunächst Friede mit seinen eigenen Völkern geschlossen, daß Frieden und Ruhe im eigenen Lande herrscht, daß vor allen Dingen unsere unglücklichen Brüder vor Blutbädern geschützt sind und im Trocknen sitzen. Es ist ja inzwischen da etwas stiller geworden. Die Wogen des Blutmeers haben sich gelegt. Das Osterfest ist unblutig verlausen und kein jüdisches Opferlamm ist auf dem Altar des Zarismus dargebracht worden. Bedeutet dies endlich das Aufhören der Flut? Erscheint nun der Friedensbogen am Himmel? Wird der Haag das neue Ararat sein, der den Völkern Frieden gibt und Sem ruhig in den Hütten Japhets wohnen läßt? MM" Mndhrjtserjnnermlgen? Won Regina Neisser. s ist ein gar liebes und herziges Buch, mit dem Julius Rodenberg am Abende seines Lebens seine zahlreichen Freunde und Verehrer beschenkt. „Das Kind ist der Vater des Mannes." Die Keime aller trefflichen Eigenschaften, die wir an dieser feinsinnigen vornehmen Persönlichkeit lieben, schätzen und bewundern, zeigen sich schon bei dem Heranwachsenden Knaben; Liebe und Pietät für die heimatliche Scholle, wie für seine Familie und Lehrer, Treue gegen die Jugendgenossen, tiefes Naturempfinden gepaart mit religiösem Sinn, reger Eifer und warme Hingebung für Kunst und Wissenschaft, insbesondere für die Musik, die „Lust zu fabulieren", Patriotismus und ein reiches, goldtreues Gemüt. Wir begleiten den prächtigen Knaben mit inniger Anteilnahme durch das Paradies der Kindheit. Wir vermeinen das kleine Heimatstädtchen, das elterliche und großelterliche Haus deutlich vor uns zu haben, lebenswahr und lebensrvarm treten die teuren Gestalten des tüchtigen Vaters, der feingebildeten Mutter, der ehrwürdigen Großeltern, der fröhlichen Geschwisterschar, der Lehrer wie der Honoratioren des Städtchens und markanter Typen, zum Beispiel der des Gemeindedieners, vor unser geistiges Auge. Wir folgen dem liebenswürdigen Knaben gleich gern durch alle Räume der trauten Stätten des elterlichen und großelterlichen Besitztums, iu die „Betstube" sowohl als in den Garten, durch Feld und Wald und Flur, wie auf die ersten kleinen Ausflüge und die ersten Reisen nach Hannover und Braunschweig! Wir fühlen die welke milde Hand der ehrwürdigen Großmutter segnend auf dem geliebten Haupte des ersten Enkels ruhen und wir hören ihre blassen Lippen murmeln: „Gott lasse Dich werden wie Ephraim und Manasse." Wohin unser Blick fällt, überall fühlen wir uns sympathisch angemutet! Es ist ein Buch, das die Herzen erwärmt und weitet, die Augen feuchtet! Kanu es ein schöneres, höheres und besseres Lob für ein Buch geben? Und noch eins. Es ist besonders in erster Reihe ein Buch, das jedes jüdische Herz rühren und ergreifen wird, ein Buch für die Jungen wie für die Alten, und darum sei es allen gleich warm empfohlen. Julius Rodenberg bat, vielleicht ja gewiß sogar, angefeuert und ermutigt durch die Aufzeichnungen seiner alten Freundin, der Meisterin der Erzählungskunst, Marie von Ebner- Eschenbach: „Meine Kinderjahre", dieser das liebenswürdige Büchlein zugeeignet. Mit der Flagge ihres gefeierten Namens bewimpelt segelt es nun hinaus in die Flut. Wünschen wir ihm glückliche Fahrt!" Julius Rodenberg vollendet demnächst sein 76. Lebensjahr. Sein letztes Buch verrät nichts von diesem Alter. Es ist so frisch und geistvoll wie sein erstes. Mögen seine Augen noch lange jugendfroh leuchten, seine Feder noch lange arbeitssroh schaffen. Das walte Gott! *) „Aus der Kindheit". Erinnerungsblätter von Julius Robenberg. Berlin. Verlag von Gebrüder Paetel. 1907.

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