Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 20 (17.5.1907)
- Date
- 1907-05-17
- Page
- Seite 234 (sequence 6)
- Language
- German
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234 auch dem überlieferten Herkommen widerstreiten, wenn religiöse Fragen, die nicht bloß theoretischer Natur sind, sondern praktische Bedeutung haben, einseitig, sei es von Laien, sei es von Rabbinern, entschieden würden. Eine Gesundung des religiösen Lebens, eine Eindämmung des umsichgreifenden Jndifferentismus ist daher nur von Periodisch wiederkehrenden gemeinsamen Beratungen theologisch gebildeter Fachmänner und im praktischen Leben stehender Männer der verschiedensten Stände zu erhoffen, und es ist dringend geboten, solche Beratungen zu erinöglichen und das liberale Judentum in Deutschland so zu organisieren, daß es aus seiner bisherigen Zersplitterung heraustritt und als ein wirklicher Machtsaktor das Gewicht seiner Autorität in die Wagschale werfen kann. Die Autonoinie der einzelnen Gemeinden braucht hierdurch nicht den geringsten Abbruch zu erleiden, jede Gemeinde behält das uneingeschränkte Recht, den Kultus und alle sonstigen religiösen Angelegenheiten so auszugestalten, wie sie es für ersprießlich hält, und wie es ihren religiösen Anschauungen und der billigen Rücksichtnahme auf die Minorität entspricht. Es wäre aber doch ein wahrer Segen, wenn allenthalben im liberalen Lager neben den lokalen Bedürfnissen auch die der jüdischen Allgemeinheit mehr zur Geltung kämen, wenn eine gewisse Einheitlichkeit, die ja nicht pedantisch bis zur Einförmigkeit ausgedehnt werden muß, in der Durchführung der liberalen Grundsätze Platz griffe. Die liberalen Vereinigungen, die sich in einigen Großgeineinden wie Berlin, Frankfurt, Breslau, Köln gebildet haben, und die eine nicht unbeträchtliche Mitgliederzahl aufweisen, auch zu Zeiten, namentlich wenn Gemeindewahlen bevorstehen, recht rührig sind, haben — das. ist gar nicht zu leugnen — für die Kräftigung und Ausbreitung der liberalen Ideen in ihren Gemeinden schon viel Gutes geleistet und arbeiten dem Jndifferentismus kräftig entgegen. Das aber genügt für die Gesamtheit der liberalen Juden keineswegs; es inüßte eine engere Verbindung zwischen diesen Vereinen existieren, die zur Bildung einer allgemeinen liberalen Vereinigung führen könnte, und es inüßte jedem liberal gesinnten Juden die Möglichkeit geboten sein, sich dieser Vereinigung auznschließen. Etwa nach dem Muster des Protestantenvereins sollte mutatis mutandis eine sich über ganz Deutschland erstreckendeliberale Vereinigung gegründet werden mit Zweigvereinen in den verschiedenen Bundesstaaten und preußisch en Provinzen, die den Mittelpunkt für alle gemeinsamen Angelegenheiten des liberalen Judentums zu bilden hätte und von einem Hanptvorstande zu leiten wäre, der in angemessenen Zwischenräumen eine an wechselnden Orten stattsindende Delegiertenversammluug oder Synode zum Meinungsaustausche sowie zur Entscheidung über wichtige prinzipielle Fragen einberuft. Die Shnodalbeschlüsse dürfen nur als Ausdruck des Gesamtwillens oder des Willens der Mehrheit betrachtet werden, ohne daß ihnen für die liberalen Gemeinden oder für die Zweigvereine eine verbindende Kraft zuerkanut ivird. ' Die Zusammensetzung der Synode wird keine Schwierigkeiten bereiten, nach der Mitgliederzahl ist die von den Zweigvereinen zu entsendende Anzahl der Delegierten zu bestimmen, und auch über die Verhältniszahl der lveltlichen und geistlichen Synodalen ist eine Vereinbarung leicht zu erzielen.! ) 1) Herr Tr. Vogelstein, der bewährte Vorkämpfer des liberalen Judentums in Deutschland, spricht da einen Gedanken aus, der uns schon lange beschäftigt hat und der sicher ein Echo bei Tausenden finden >vird, die eine solche Zusammenfassung aller Kräfte zu positiver Arbeit wie zur Abwehr längst gewünscht haben. Es wird nun die Auf diese Weise wird der liberale Gedanke eine wesentliche Stärkllng erfahren, und der Jndifferentismus voraussichtlich erfolgreich bekämpft, zum mindesten an seiner weiteren Ausbreitung gehindert werden. Manche, die jetzt dem Judentum sernstehen, es wohl gar für abgestorben halten und darum an seiner Zukunft verzweifeln, werden ihm wieder Interesse entgegenbringen, wenn sie sehen, daß in allen Gauen des deutschen Vaterlandes angesehene Männer aus allen Bevölkerungsschichten sich eifrig bemühen, einen frischen Hauch in seine Glieder dringen zu lassen, und an Stelle der Stagnation, die seit Jahrzehnten die traurige Signatur des deutschen Judentums ist, ihm kräftig Pulsierendes Leben einzuflößen. Schon nach wenigen Jahren wird sich der segensreiche Einstllß einer großen liberalen Vereinigung in der wachsenden Anteilnahme mancher gegen alles Jüdische gleichgültig Gewordener und hoffentlich auch in der Abnahme der Zahl der Abtrünnigen offenkundig zeigen. An freisinnigen Rabbinern, welche über die in den Synoden zur Verhandlung gelangenden Anträge Bericht erstatten, sie vom religionswissenschaftlichen Standpunkte aus beleuchten, auf Anfragen religiösen Inhalts gutachtliche Bescheide erteilen können, fehlt es nicht. Die Vereinigung der liberalen Rabbiner in Deutschland zählt über sechzig Mitglieder und mehrere, die sich jetzt fern halten, weil sie bei der Teilnahmlosigkeit der Laienwelt die Arbeit im Dienste des religiösen Liberalismus als eine unfruchtbare und vergebliche ansehen von der kein praktischer Erfolg zu erwarten ist, werden sich sicherlich freudig anschließeu, sobald sie wahrnehmen, daß sin liberale Bestrebungen günstigere Aussichten vorhanden sind Vorstehende Erwägungen und Vorschläge empfehle ick einer sorgfältigen Prüfung; ich wünsche lebhaft, daß uamentlick die liberalen Vereine in den Großgemeinden Stellung zu ihnei nehmen und, wenn sie ihnen richtig und praktisch durchführba erscheinen, nicht zögern mögen, die ersten Schritte zu ihre' Durchführung zu tun. Es handelt sich um nichts Geringerem als um die gedeihliche Entwicklung, will sagen, um dil Zukunft des Judentums. Sriek aus London. Von Reverend Tr. Chohner. 411 meinem vorhergehenden, in diesen Blättern abgedrucktei „Brief aus London" teilte ich die überaus günstige Meinung mit, die ein nicht-jüdischer Gelehrter (Mr. Biddle hinsichtlich des großen ethischen Einflusses, den das Juden tum auf die Vor- und Mitwelt ausgeübt, in einem de jüngsten Hefte der „Jewish Quaterly Review" ausgedrück hat. In meinem heutigen Brief möchte ich die geehrten Lese' dieser Zeitung auf eine ähnliche Meinung aufmerksam machen die einer der bedeutendsten nicht-jüdischen Schriftsteller i> England, Mr. Hume, in einem seiner jüngsten Vortrüge übe die Juden selbst, und namentlich über die, die im Mittel alter in Spanien gelebt haben, kundgegeben hat. Mr. Hum ist nämlich eine allgemein bekannte Autorität auf dem Gebiet der älteren und modernen spanischen Literatur, und als Ga der Londoner jüdisch - historischen Gesellschaft hielt er kürzla im Saale des University-College einen Vortrag, worin er da Resultat seiner literarischen Untersuchungen auf dem fragliche Gebiete mitteilte. Des knappen Raumes wegen, der mir hie Aufgabe aller sein, an der Verwirklichung dieser Idee, die greifbar Gestalt annehmen muß, nach Maßgabe ihrer Kräfte mitznarbeitei Die Rel