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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-05-17 · Heft 20 (17.5.1907) · p. Seite 233

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 20 (17.5.1907)
Date
1907-05-17
Page
Seite 233 (sequence 5)
Language
German
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233 Die Wenigen, die wirklich liberal und nicht indifferent sind, denen die Religion etwas bedeutet, und die ihr wahrhaft ergeben sind, begnügen sich zumeist damit, für ihre Person den liberalen Gedanken hoch zu halten, allenfalls ihn in ihrem Hause zu betätigen, aber die Verpflichtung, ihm zum Siege zu verhelfen und, soweit ihr Einfluß reicht, die Gleichgültigen und Gedankenlosen um die Fahne des liberalen Judentums zu scharen, erkennen sie nicht an oder entziehen sich ihr aus Mangel an Mut und Selbstvertrauen. Sie scheuen eben den Kampf, fürchten wohl auch, nicht die erforderliche Anzahl von Gesinnungs- und Kampfgenossen zu finden, die ihnen den Sieg verbürgt, fürchten vor allem die Kampfesweise ihrer Gegner, die ja gemeiniglich eine recht gehässige und widerwärtige ist. Mit der schönen Phrase, den inneren Frieden, der uns so not tut, nicht stören zu wollen, die Einigkeit, deren wir in dem uns von außen aufgezwungenen Kampfe so sehr bedürfen, um jeden Preis zu wahren, glauben sie ihre Untätigkeit rechtfertigen zu können mtb sehen nicht ein, daß sie dadurch die Zukunft des Judentums gefährden und lediglich den Jndifferentismus und die Abtrünnigkeit fördern. Ist es denn die Schuld des Liberalismus, daß seine Bestrebungen von der Orthodoxie so leidenschaftlich bekämpft werden? Will er etwa die Orthodoxen zu sich herüberziehen oder gar sie ar: der Ausübung der Religion nach ihren orthodoxen Anschauungen und Grundsätzen hindern? Dem wird kein wahrhaft Liberaler das Wort reden. Die Gewissensfreiheit soll und muß unangetastet bleiben; auch da, wo die Liberalen in der überwiegenden Mehrheit sind, soll der konservativen Minderheit die Möglichkeit gewahrt werden, die überlieferten Bräuche zu beobachten. Aber die gleiche Gewissensfreiheit soll das liberale Judentum auch für sich selbst in Anspruch nehmen, es soll sich nicht aus schwächlicher Nachgiebigkeit zur Verleugnung seiner Grundsätze bestimmen, sich nicht aus falscher Friedensliebe in seiner fortschreitenden Entwicklung hemmen lassen. Es ist nun einmal eine leidige Tatsache, daß die Orthodoxie nicht nur an jedem Schritt vorwärts, den die Liberalen tun, Kritik, strenge Kritik übt — das ist ihr gutes Recht — sondern daß sie in leidenschaftlichster Weise und gar häufig durch persönliche Verdächtigungen und Verunglimpfungen die Bestrebungen der Liberalen zu durchkreuzen sich bemüht. Es ^raucht nur an die maßlosen Angriffe erinnert zu werde::, die vor einem Jahrzehnt gegen das westfälische Gebetbuch gerichtet wurden und die sich jetzt gegen das badische Gebetbuch wiederholen, obwohl weder hier noch dort irgend einer Gemeinde ne Einführung des betreffenden Gebetbuches aufgedrängt, diese vielmehr der freien Entschließung der Gemeindemitglieder überlassen worden ist. Auch was sich in Köln in den letzten fahren wegen der Orgelfrage zugeiragen hat, soll nicht vergessen werden- Meminisse juvat. Denn es erhellt daraus, daß nicht die Liberalen, die, ohne auf Andersdenkende einen Geoissensdruck auszuüben, für sich und ihre Gesinnungsgenossen Kultusänderungen beschließen, welche sie für Verbesserungen halten, die Störenfriede sind, und daß alle religiöse Entwickung im Judentum unmöglich wird, wenn aus Furcht vor dem Kampfe mit der Orthodoxie die vitalsten Interessen des Kberalismus hintangesetzt werden. In allen gemeinsamen Angelegenheiten, besonders wenn s gilt, die Rechte der Juden wahrzunehmen, Angriffe von außen abzuwehren, Akte der Mildtätigkeit und der sozialen Fürsorge zu üben, werde der Orthodoxie jede ohne Schädigung der Gesamtheit zulässige Konzession gemacht. Wo 's sich aber um die inneren Angelegenheiten des liberalen Judentums handelt, da darf die Geltendmachung seiner Prinzipien nicht von der Billigung oder Mißbilligung der Orthodoxie abhängig gemacht werden. Der Kerngehalt des Judentums, seine Grundlehren, die für die Ewigkeit bestimmt sind, sollen nicht angetastet werden, sie sind heilig und unwandelbar; der Form aber, die schon so oft gewechselt, sich den Zeitbedürfnissen und dem ästhetischen Empfinden angepaßt hat, den Bräuchen, die ans bestimmten, d::rch die Zeitverhältnisse hervorgerufenen, nunmehr aber hinfällig gewordenen Gründen eingeführt worden, die wohl auch heilsam gewirkt, nunmehr jedoch inhaltlos, ja zu einem Hemmschuh für das religiöse Leben geworden sind, kann und darf der Anspruch auf Unveränderlichkeit nicht zuerkannt werden; das stände im direkten Widerspruche mit den besten Traditionen des Judentums, würde zu seiner Verknöcherung führen, würde ihm die Jugend völlig entfremden. „Die Wahrheit und denFrieden sollt ihr lieben" mahnt ein beherzigenswertes Prophetenwort. Bezeichnenderweise wird die Wahrheit dem Frieden vorangestellt, weil ohne Wahrheit auch kein Friede bestehen kann, allenfalls würde es eine Grabesstille oder eine Ruhe vor dem Sturm, aber nicht der beseligende Zustand sein, der den Namen „Friede" verdient. Das sollten sich alle gesagt sein lassen, die da glauben, auch auf Kosten der inneren Wahrhaftigkeit solle man um des lieben Friedens willen an bestehenden Einrichtungen nicht rütteln, auch auf die Gefahr hin, daß das religiöse Empfinden vieler dauernd verletzt werde, müsse an einem alten Brauche, eben weil er alt und von den Vätern überliefert sei, festgehalten werden, damit nur kein Zwiespalt in Israel entstehe, damit nur die Kampfeslust der Orthodoxie nicht von neuem wachgerufen werde. Was ist denn das Weser: des Judentums? Worin liegt seine Kraft und seine Bedeutung? Der Verfasser des mehrerwähnten Artikels sagt: „Das Judentum ist weder ein Glaube, noch ein Gesetz, es ist eine Lehre." Aber so richtig die in den beiden Verneinungen ausgesprochenen Behauptungen sind, so unvollkommen ist das Positive zum Ausdruck gebracht. Es muß nämlich heißen: Das Judentum ist Lehre und Leben, oder es ist eine Lehre, die durch das Leben zu betätigen ist. In der llebereinstimmung des Lebens mit der Lehre ist das Weserr, ist die Bedeutung und die Kraft des Judentums zu suchen. Daraus folgt, daß die praktische Durchführung der Lehre nicht behindert, nicht unmöglich gemacht werden darf durch Einrichtungen, Bestimmungen, Formeln rmd Brauche, die mit den in unseren: Bewußtsein lebenden Anschauungen r:nd Begriffen im Widerspruch stehen, und daß man eben aus Liebe zur Religion an solcher: religiösen Bräuchen und Bestimmungen eine Umgestaltung vorzunehmen verpflichtet ist. Damit ist natürlich nicht gesagt, daß die religiösen Institutionen sich nach der wechselnden Tagesrneinung richten, daß sie jeder auftauchenden Zeitströmung gemäß rungemodelt werden sollen. Nein, alles was mit der Religion in: Zusammenhänge steht, muh eine gewisse Stabilität, nurß Zeit haben, sich einzuleben, um zu einem Bestandteile des frommer: Gefühles zu werden. Darum ist auch nur rnit größter Schonung und Vorsicht, unter pietätsvoller Berücksichtigung aller in Betracht konnnenden Umstände, unter Kenntnisnahme von dem Werdegange und der Geschichte irgend einer überlieferten religiösen Bestimmung an deren Aenderung oder Aufhebung heranzutreten, damit nichts beseitigt werde, was noch lebenskräftig ist oder wieder lebenskräftig gemacht werden kann. Daß eine Entscheidung hierüber naturgemäß r:ur unter Mitwirkung von Rabbinern und Laier: getroffen werden kann, liegt auf der Hand. Es würde den: Wesen der Sache und

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