Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 20 (17.5.1907)
- Date
- 1907-05-17
- Page
- Seite 232 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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232 schaft dem Zaren droht, ein großes Blutvergießen zu veranstalten, wenn er nicht die Duma auflöse und das autokratische Regiment wieder einführe. Ja, gegenüber dem Erlaß Stolypins an die Gouverneure wegen Verhütung der Pogrome hat sogar der Verband der „echt-russischen" ein Gegenzirkular versandt, worin erklärt wird, daß die Verfügung des bestochenen „jüdischen" Ministeriums den gerechten Zorn des Volkes nicht anfhalten dürfe. Das russische Osterfest ist nun vorübergegangen, und, so weit man bis jetzt hört, ohne schwere Ausschreitungen, deren Opfer zumeist, namentlich in Südrußland, die jüdische Bevölkerung wird. Daß man jetzt in Regierungskreisen selber von den „echt russischen Leuten" weit abrücken möchte, beweist eine Auslassung der offiziösen „Rossija", die die Presse der extremen Rechte davor warnt, weitere Hetzartikel zn veröffentlichen. Und jetzt ist das notwendiger als je, denn in Odessa begannen die Garden der „schwarzen Hundert" wiederum ihre Tätigkeit und überfielen viele Vorübergehende, auch Frauen, die sie mit Messerstichen verwundeten. Viele Jude»; wurden auf der Straße mißhandelt. Und in Moskau wurde am 10. d. M. ein Kongreß der reaktionären Parteien eröffnet, an dem 3000 Personen teilnehmen. Der Kongreß forderte Diktatur und volle Rechtlosigkeit der Inden. Das genügt! * ES ist schon oft bemerkt worden, daß die Pest des Antisemitismus, die in Rumänien von Zeit zu Zeit so verheerend wütet, in den anderen Balkanstaaten nicht so leicht hat Eingang finden können. Serbien ist so ziemlich frei, davon und Bulgarien hat sich wenigstens bis heute ebenfalls ziemlich intakt zu erhalten gewußt. Zwar fehlt es auch hier nicht an systematisch betriebenen Judenhetzen, es fehlt auch nicht an antisemitischen Blättern und gelegentlich an kleinen Neckereien oder Prügeleien. Aber offiziell ist der Antisemitismus in Bulgarien Gott sei Dank noch nicht anerkannt worden. Zündstoff hat sich auch in diesem kleinen Ländchen angesammelt, und die dortigen Antisemiten sind erst vor kurzein wieder mit der üblichen Oster-Ritualmordlüge förmlich hausieren gegangen, in der Absicht, einen Pogrom hervorzurufen. Glücklicherweise ist es mißlungen. Ja, während man in Rumänien die Juden beraubt, mißhandelt und vertrieben, hat das benachbarte Bulgarien die Fliehenden gastfreundlich aufgenvnunen und ihnen eine Zuflucht gewährt. Das liegt an der Regierung, die eben eine andere ist als in dem Lande der Bojaren. Als kürzlich aus Philippvpel, der einzigen Stadt in Bulgarien, die einen großen Ansteckungsherd nach dieser Richtung hin besitzt, die Nachricht kam, das; dort nach berühmtem Muster von Mazedoniern und Zigeunern ein Pogrom vorbereitet werde, erließ der Premierminister Gndeff sofort ein Rundschreiben an alle Präfekten des Landes, in dem er energische Maßregeln zur Unterdrückung jeder Judenhetze anordnete. In diesem Rundschreiben heißt es: „Alit Rücksicht aus des Possahfest und den Ausbruch der Agrarrevolution ini benachbarten Rumänien, die antisemitischen Charakter trägt, ist es unbedingt notwendig, daß Sie jenen Vorgängen <den antisemitischen Hetzereien) ihre ganze Aufmerksamkeit zuwenden, um Grausamkeiten gegen die Juden zu verhindern. Ich ersuche daher alle Gouverneure des Landes, keine, wenn auch noch so unbedeutende, antisemitische Bewegung znzulassen." Man ersieht aus diesem Beispiel, daß jede Regierung in der Lage ist, antisemitische Ausschreitungen zu verhindern, wenn sie nur tvill. Wenn sie nur will! Das liberale Judentum. Von Rabbiner Dr. Vogelstein-Stettin. nter obigem Titel erschien vor Wochen in diesen Blätterns ein Leitartikel, der sehr beherzigenswerte Gedanken enthält, aber in mehrfacher Hinsicht eine Ergänzung und Berichtigung erheischt. Zu berichtigen oder doch zu modifizieren ist zunächst der Satz, „daß es sich als praktisch undurchführbar erwiesen habe, durch Beschlüsse von Rabbinerversammlungen oder von Synoden Bräuche imJudentum aufzuheben oder umzugestalten". Das ist niemals beabsichtigt, niemals versucht worden. Die beiden Synoden von Leipzig und Augsburg — andere haben nicht stattgefnnden — haben sich nur mit der Aufhebung oder Umgestaltung solcher Bräuche und religiösen Bestimmungen beschäftigt, die inhaltlos geworden und bereits vielfach außer Uebung gekommen, resp. die in ihrer bisherigen Form als abstoßend wirkend längst erkannt waren. Auch in den Rabbinerversammlungen ist, abgesehen von theoretisch-wissenschaftlichen Erörterungen, immer nur über Fragen verhandelt worden, die in der religiösen Praxis akut geworden sind, und zu denen die Rabbiner Stellung nehmen müssen, wenn sie nicht mit verbundenen Augen an den tatsächlichen Verhältnissen vorübergehen wollen. Reformbestrebungen künstlich anzuregen, betrachten die liberalen Rabbiner nicht als ihre Aufgabe, es sei denn, daß es sich um direkt abergläubische, die wahre Frömmigkeit beeinträchtigende Bräuche handelt, über deren Schädlichkeit das Volk aufzuklären sie sich verpflichtet fühlen. Aber nur auf sehr wenigen Gebieten, wie z. B. dem der Ehegesetzgebung können die Rabbiner allein praktisch durchführbare Beschlüsse faffeu, und auch da müssen sie wissen, daß das liberale Judentum hinter ihnen steht und ihre Verhandlungen mit Interesse verfolgt. Auf allen anderen Gebieten haben die rabbinischen Beschlüsse nur theoretischen Wert oder dienen nur dazu, das nachträglich zu sanktionieren, was im Volke bereits in Uebung, resp. außer Uebung ist. Gewiß haben die Rabbiner die hohe Aufgabe, das Volk durch Wort und Schrift zu belehren und auf das Volksbewußtsein aufklürend einzuwirken. Aber dadurch wird das liberale Judentum aus seiner Lethargie nicht aufgerüttelt, dadurch wird die religiöse Praxis nur in sehr geringem Maße beeinflußt. Gemeinsame Beratungen von freisinnigen Rabbinern und freisinnigen Gemeindemitgliedern — mag man sie nun Synoden nennen oder mit einem anderen Namen bezeichnen — sind unentbehrlich, um dem liberalen Gedanken den ihm gebührenden Einfluß auf das religiöse Leben zu verschaffen. In das Volksbewußtsem muß die Erkenntnis dringen, daß das „liberale Judentum" nicht in dem Sichlossagen vom Ritualgesetze besteht, daß nicht in der Negation sein Kern und sein Wesen ruht, sondern daß eine freisinnige religiöse Weltanschauung, eine positive Betätigung des religiösen Lebens seinen eigentlichen Inhalt ausmacht. Eine bloße Verneinung kann wohl ein Programmpunkt, doch niemals das Programm selbst sein; wer einreißt, muß auch aufbauen, wer ausjätet, muß auch pflanzen, wie es so schön in der Prophetenweihe Jeremias angedeutet ist, sonst entsteht ein horror -vacni, wie er ja in der Tat in vielen sich liberal nennenden Kreisern vorhanden ist. Das Alte befriedigt nicht, darum verwirft man es, aber man setzt nichts Neues an seine Stelle, ja, man unterläßt es vielfach zu untersuchen, ob nicht vielleicht in dem Alten ein guter, lebensfähiger und lebenskräftiger Kern enthalten ist, dem bloß eine andere Hülle gegeben werden müßte, um seinen hohen Wert erkennbar werden zu lassen. *) Siehe Nr. 8 vom 22. Februar d. I.