Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 20 (17.5.1907)
- Date
- 1907-05-17
- Page
- Seite 231 (sequence 3)
- Language
- German
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231 Dr. Cohns Darlegungen „meine Hoffnung auf Lösung der Judenfrage erstört hätten", denn das bekümmert mich durchaus nicht, und meine lnsicht über ein allmähliches Aufgehen der kleinen Zahl deutscher z-uden in den mehr als 50 Millionen Deutschen habe ich als die mturgemäße, historische Entwicklung bezeichnet, die — gleichviel, ob rwünscht oder nicht — diese Frage voraussichtlich nehmen würde.!ach jenem Gespräch quälte mich vielmehr der Gedanke, >b, wenn die extrem jüdisch-nationalen Anschauungen des >errn Dr. Cohn im Judentum wirklich so weit verbreitet eien, wie er behauptete, eine deutsche Schule, die wie die neine rund 40 v. H. jüdische Schüler hat, dann überhaupt?och demjenigen Teil ihrer Aufgabe gerecht werden könne, er ihr die Pflicht auferlegt, deutsche Jungen in deutschnationalem Sinne zu erziehen; also nicht als „enttäuschter llsilosemit", sondern als deutscher Gymnasialdirektor und Lehrer fand ich in jener Nacht keinen Schlaf". 4. Auf Grund von Dr. Cohns Darstellung ist gegen mich seitens er Presse, die sich bisher mit dieser Angelegenheit beschäftigt hat, inirekt der Vorwurf erhoben worden, ich hätte einen Vertrauensbruch egangen und Herrn Dr. Cohn denunziert. Beides muß ich entchieden bestreiten. Was mir Dr. Cohn über seine Anschauungen litgeteilt hatte, war nicht vertraulich gesprochen worden; er behauptete i selbst, Anschauungen weiter Kreise des Judentums zu vertreten, darüber aber, inwieweit diese Behauptung zutreffe, mir Klarheit zu erschaffen, hielt ich aus dem unter 3 angeführten Grunde geradezu ür meine Pflicht, und ich hätte geglaubt, es tun zu müssen, auch nmn es sich um ein Privatgespräch und nicht — wie ich bereits in er „Post" betonte — um ein amtliches Gespräch gehandelt hätte. Naturgemäß wandte ich mich zunächst an den von mir sehr geschätzten .ndischen Oberlehrer meiner Schule mit der Bitte um Auskunft. Dieser sprach mir spater den Wunsch eines ihm näherstehenden und mch mir oberflächlich bekannten jüdischen Oberlehrers einer anderen 'lnstalt aus. genauere Kenntnis von dem Inhalt meiner Unterredung nit Dr. Cohn zu erhalten. Da es in ganz unversänglicher Form geschah, trug ich kein Bedenken, ihm zu gestatten, sich zu diesem strecke aus Grund der Aufzeichnungen in meinem Sprechstundeu- ^agebuch Notizen darüber zu machen. Ich konnte nicht voraussehen, ste davon weiter Gebrauch gemacht werden würde, und muß es jetzt -edauern, daß ich meine Auskunft nicht ausdrücklich unter Vorbehalt gegeben habe. 5. Dr. Cohn behauptet (Seite 7), die Aeußerung „jeder Jude, er Ihnen etwas anderes (als die von mir dargelegten t nschauun gen) sagt, lügt mit dem Bewußtsein, daß er ügt, oder ohne dies Bewußtsein" sei nie „über seinen stund gekommen". Darauf erwidere ich folgendes. Ueber jedes untliche Gespräch in meiner Sprechstunde mache ich mir, seitdem ich -rein Amt führe, kurze Notizen unmittelbar danach; daher habe ich >'.ir auch über die Unterredung mit Herrn Dr. Cohn unmittelbar aitQdf) und unter ihrem frischen Eindrücke die nötigen Aufzeichnungen emacht. Was ist nun wahrscheinlicher, daß Dr. Cohn die oben rwähnten, in ihrer krassen Form geradezu verblüffenden Worte so icsprocheu hat, oder daß ich mir diese Worte aus den Fingerspitzen gesogen habe? Unser Gespräch, das in meinem Amtszimmer während ureiner Sprechstunde aus amtlichem Anlaß stattfand und das nur llsotge unserer früheren Bekanntschaft auf einen persönlichen Ton stimmt und daher auch sehr ausführlich war, ist unter vier Augen geführt worden, und keiner von uns kann einen Dritten als Zeugen irr die Richtigkeit seiner Angaben Leibringen. Beide erheben wir ^en Anspruch auf Glaubwürdigkeit. Wenn ich nun oben unter 2 a und b Herrn Dr. Cohn in zwei Fällen die Unrichtigkeit seiner 2ehauptungen unzweifelhaft Nachweisen konnte, wenn ich ferner seiner Behauptung (Seite 6), ich hätte später den privaten Charakter unseres Gesprächs in gewissen Grenzen selbst zugegeben, die gerade ntgegengesetzte Aufzeichnung in meinem Sprechstunden-Journal vom Februar entgegenhalten kann, so darf ich es getrost auch in den lbrigen Punkten, wo unsere Aussagen sich widersprechen, den unbefangenen Benrteilern überlassen, wem sie Glauben schenken wollen. Tr. Alfred Przygode. Wie berechtigt die Klage war, die wir gegen die Manier des „Wolffschen Telegraphenbureaus" erhoben, bei den Mitteilungen über verhaftete Sozialisten deren religiöses Bekenntnis hinzuzufügen, mögen die beiden folgenden Notizen beweisen, die an jene Depeschen anknüpfen. Die „Germania" schreibt: „Paris, 2. Mai. Siebzehn Ausländer, die gestern verhaftet worden waren, wurden heute verhört und sechs davon in Haft behalten, die sämtlich israelitischer Abstammung sind; zwei sind rmnünische und vier russische Untertanen. Sie haben sich Ausschreitungen gegen Polizeibeamte, Landstreicherei und Vergehen gegen das Fremdengeseh zuschulden kommen lassen. Bekanntlich sind in Paris gestern 700 Verhaftungen vorgenommen, aber nur eine geringe Zahl aufrechterhalten worden. Sehr bezeichnend für den in der jüdischen Nasse begründeten Geist der Aufsässigkeit ist es, daß die wenigen Schuldigen, deren Verhaftung aufrechterhalten werden muhte, weil sie sich grober Vergehen schuldig gemacht hatten, lauter Juden sind. Diese haben das ihnen gewährte Gastrecht schnöde mißbraucht, indem sie Krawalle anstifteten. Auzunehmen ist wohl, daß sie per Schub bald als lästige Ausländer nach der Grenze befördert werden." Auf den Inhalt dieser Notiz einzugehen, hieße die Leser beleidigen. Nur den einen Irrtum wollen wir korrigieren, der dem frommen Blatte in der Hitze des Gefechts passiert ist, daß es sämtliche siebzehn Allsländer für Jlldeil hielt, während das gefällige „Wolffsche Telegraphenbureau" nur sechs als solche charakterisierte. Noch interessanter ist die folgende Notiz der „Staatsbürgerzeitung" : „Ein charakteristisches Beispiel, wie die Juden stets ihre Glaubensgenossen decken, zeigt der Bericht der Zeitungen über einen Pariser Zwischenfall vorn 1. Mai. In Paris hat ein junger Mann namens Jakob Laub vom Omnibus herunter auf das Militär geschossen, wofür die Menge ihn ohne Zögern zunächst vom Magen hinuntergestoßen und dann totgeschlagen hat. Von diesem Jakob Laub meldet nun die Presse, „daß er naturalisierter Amerikaner russischer Herkunft" sei. Um das Publikum zu belügen, werden hier gleich zwei fremde Nationen vorgeritten, um nur den Verdacht unter allen Nnistäuden von Israel abzuwenden. Dagegen ist mit einer an Gewißheit grenzenden Wahrscheinlichkeit anzunehmen, daß Jakob Laub (wahrscheinlich Löb oder Leib) weder Amerikaner noch Nüsse, sondern Jude ist. Jedermann weiß das. Aber aussprechen darf marr's nicht." Man beachte wohl: „Mit einer an Gewißheit grenzenden Wahrscheinlichkeit." Man weiß, was das im antisemitischen Jargon zu bedeuten hat. Im übrigen ist es anlüsant, daß dem antisemitischen Blatte das jüdische Bekenntnis bei Anarchisten und Verbrechern auch jetzt noch immer nicht oft unb nicht deutlich genug hervorgehoben wird. $ Ueber den Ereignissen in Westeuropa hat man in der letzten Zeit den Vorgängen in Rußland welliger Beachtung geschenkt, zumal lnan sich ja daran gewöhnt hat, daß dort noch immer alles drunter und drüber geht; Nachrichten voll Bombenattentaten, Metzeleien, räuberischen Ueberfällen auf Eisenbahnzüge, Banken, Fabrikkassen usw. haben nichts Sensationelles mehr; fürwahr ein trauriges Zeichen, wie weit es iul Zarenreiche gekommen ist. Gegen Revolutionäre und solche, die man dafür hält — ein derartiger Verdacht gegen eine mißliebige Person kann bei den russischen Zuständen sehr leicht verbreitet werden — wüten nach wie vor die Feldgerichte, selten hört man aber etwas davon, daß Anhänger der Partei der „wahrhaft russischen Leute" wegell ihrer Mordtaten gehängt werden; wenn sie überhaupt gefaßt werden, kommen sie mit glimpflichen Strafen davon. Ist es doch schon so weit, daß diese Gesell-