Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 20 (17.5.1907)
- Date
- 1907-05-17
- Page
- Seite 230 (sequence 2)
- Language
- German
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Heinrich Ewald, wonach das große Wunder nicht in dem überlieferten Ereignis am Berg Sinai zu erblicken sei. Das könne sich jeder Mensch nach seiner Auffassung zu erklären versuchen. Das größte weltgeschichtliche Wunder liege darin, daß ein kleines, armes, in der Kultur eigentlich kaum fortgeschrittenes Volk im Reiche der Idee eine solche Umwälzung herbeigeführt hat. Nicht der in lodernder Flamme stehende Berg Sinai und nicht der mächtige, lufterschütternde Donner sind das große Wunder, sondern die zündende Kraft der geläuterten Erkenntnis und die mahnende Stimme des Gewissens im Menschen, die seitdem niemals verstummte. Gewiß, die moderne Wissenschaft hat den Gedanken einer plötzlichen inneren Erleuchtung, von der große jüdische Religionsphilosophen des Mittelalters sprechen, ebenfalls aufgeben müssen. Das Jndentum ist eine Entwicklung, wie es in geschichtlichen Dingen nicht anders nwglich ist. Aber auch dadurch verliert es nichts an seiner universellen Bedeutung. Es ist iinmer eine billige Weisheit, wenn gesagt wird, zu den Wahrheiten, welche das Judentum früher als alle anderen Religionen gelehrt hat, hätte die gesittete Menschheit früher oder später auch sonst gelangen können. Tatsächlich ist doch das jüdische Volk in den höchsten Idealen des Menschentums Lehrmeister geworden. Und in der Bewertung des Judentums ist es doch einerlei, ob es mit einem Male seine höchste Vollkommenheit erlangt hat, oder dazu erst nach verschiedenen Entwicklungsphasen gelangt ist. Wir gehen sogar von der Ueberzeugung aus, daß das Judentmn auch jetzt noch nicht abgeschlossen ist, daß es niemals abgeschlossen sein kann; die Offenbarungslehre fassen wir nicht so aus, als ob sich Gott den Menschen vor mehr als drei Jahrtausenden einmal offenbart habe, sondern daß er sich ihnen durch die Macht der Wahrheit zu jeder Zeit offenbart. In dieser Auffassung begegnen wir uns mit den besten und anerkanntesten. Lehrern des Judentums. Selbst die streng orthodoxen Rabbiner, die nie den Versuch gemacht haben, das Judentum mit der Wissenschaft und mit der philosophischen Erkenntnis in Einklang zu bringen, haben stets betont, daß alles, was sie aus der Lehre herausfindeu und herauserklüren, ebenso göttlich sei, wie die auf dem Sinai verkündeten Grundsätze des Judentums. Die jüdischen Feste und fast alle Gebräuche in unserer Religion sind im Laufe der Zeit zu historischen Erinnerungen geworden. Das Judentum hat ja in gewissem Sinne den Charakter einer fortlaufenden geschichtlichen Entwicklung erhalten. Alles in ihm ist im Werden begriffen. Die Geschichte findet ihre Fortsetzung, und den Glauben an die Zukunft des jüdischen Volkes und des Judentums kann man als den einzigen Glaubenssatz unserer Religion bezeichnen. Eine geschichtliche Zukunft kann man aber nicht im bloßen Erhalten des Judentums erblicken, sondern in deffen Fortleben. Auch die Offenbarungslehre, die wir so verstehen, daß das Judentum zu jeder Zeit immer neue Offenbarungen erhalten, immer neue innere Kraft gewonnen hat, verknüpfen wir mit dem Glauben an die Zukunft. Wir feiern nicht bloß den sechsten Siwan als den Tag, an dem uns die Lehre vor Jahrtausenden verkündet wurde, sondern als den Wunsch, daß diese Lehre in uns sortlebe und lins immer zu neuer Erkenntnis führe. Es gibt >vohl im Reiche der Ethik feststehende Wahrheiten, >vie sie auch das Judentuin umfaßt und lehrt. Die höchsten Gebote der Menschenliebe und der Sittlichkeit im Verhältnis von Mensch zu Mensch, wie wir sie beispielsweise im 19. Kapitel des 3. Buches Moses finden und wie sie die Propheten in ihrer idealen Begeisterung gelehrt haben, erfahren wohl keine Wandlung mehr. Mit seinem prophetischen Geist ist das jüdische Volk gerade nach dieser > Richtung der ganzen Menschheit um Jahrtausende vorangeeilt, j Aber eben diese Sittlichkeitslehre hat zu jeder Zeit und überall j der religiösen Form bedurft, und selbst der denksähigste Mensch; sehnt sich nach einer Gemeinschaft, in der diese Ideale betätigt i werden können. Die religiöse Form ist dem Wandel der Zeit : unterworfen. Und darin erblicken wir den großen Vorzug des Judentums, daß es nie stehen geblieben ist. Die Offenbarung l ist für uns nie ein Akt der Vergangenheit geworden, sondern > sie erneute sich von Zeit zu Zeit. Der Talinud nennt einige i große Persönlichkeiten unserer Geschichte, von denen er sagt, ' auch durch sie hätte Gott seinem Volke die Lehre offenbart,; wenn dies nicht bereits durch Mose geschehen wäre. In der : Tat hat das Judeirtum zu allen Zeiten große Männer aufzul weisen, die in das Judentum neue Ideen hineingetragen! haben, um es so mit dem Leben in Verbindung zu erhalten. Solche Männer muß unsere Glaubensgemeinschaft auch in der Zukunft Hervorbringen, damit die geoffeirbarte Lehre stets das bleibe, was sic uns nach der Meinung unserer alten Weisen ist: eine Lehre der Wahrheit und des ewigen Lebens, d. h. des eü'igen Lebens des jüdischen Volkes in der Geschichte. Bit Wochr. Berlin, 14. Mai. er „Fall Cohn" kann in gewissen Kreisen — vor allem in der antisemitischen Presse, noch immer nicht zur Ruhe kommen. Nun veröffentlicht der Charlottenburger Gymnasialdirektor Dr. Przygode zur Aufklärung folgendes: „Nachdem ich heute die Broschüre des Herrn Tr. Emil Cohn gelesen und gleichzeitig aus den Bemerkungen der „Post" zu meiner ihr eingesandten Berichtigung (Nr. 203 vom 2. Mai, Morgenausgabe) ersehen habe, daß meine Stellung in dieser Angelegenheit noch nicht hinreichend geklärt ist, stelle ich hiermit folgendes fest: 1. Ich habe es natürlich nicht gebilligt, wenn sich ein Jude ohne Ueberzeugung taufen läßt, vielmehr habe ich erklärt, daß ich es mir wohl vorstellen könnte, wie ein liberaler Jude dazu komme, ohne das Opfer einer Ueberzeugung zum liberalen Christentum überzutreten. 2. Ich habe niemals christliche Propaganda unter meinen jüdischen Schülern getrieben. Wiederholt habe ich jüdischen Eltern bei der Aufnahme ihrer Söhne auf die Frage, ob diese nicht lieber am evangelischen Religionsunterricht teilnehmen sollten, die Antwort gegeben, das müßte ich ganz ihnen überlassen, nur sei es völlig gleichgültig. Als positive Tatsachen zur Widerlegung der Behauptung des Dr. Cohn (Seite 5), „ich freute mich über jeden jüdischen Vater, der seine Kinder in den christlichen Religionsunterricht schicke, und sei stolz, daß dies auch an meiner Schule nicht wenige seien", führe ich außerdem folgende zwei Fälle an, die nach Namen und Tatuni in meinem Sprechstunden-Tagebuch; fixiert sind. a) Ein jüdischer Herr äußerte bei einem Besuche, den er mir aus! anderem Anlasse machte, er lasse seine Söhne zwar am evangelischen! Religionsunterricht teilnehmen, wolle sie aber doch nicht taufen lassen; j durch meine Vorstellungen veranlaßte ich ihn, seine Söhne aus dem i evangelischen Religionsunterricht fortzunehmen und sie in den! jüdischen Religionsunterricht zu überweisen.! b) Ein anderer jüdischer Herr hatte wiederholt die Absicht! geäußert, seine Söhne taufen zu lassen, sobald ihn Familienrücksichten l nicht mehr daran hinderten. Als diese Rücksichten für ihn > geschwunden waren, fragte er mich nur Rat, ob er seine Söhne! taufen lassen solle. Ich lehnte es rundweg ab, hier einen Rat 311 | erteilen, mit den Worten: „Das hängt einzig und allein von Ihnen j und Ihrer Frau Gemahlin ab, in dieser Hinsicht kann und darf ich j Ihnen keinen Rat geben." 3. Ich habe allerdings nach dem Gespräch mit Herrn Dr. Cohn eine „schlaflose Nacht" gehabt, aber nicht deshalb, weil Herrn