Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 20 (17.5.1907)
- Date
- 1907-05-17
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Berlin, 17. MaiJ1907. 71. Jahrgang. Nr. 20. ellung desIudenlums. Ein unparteiisches Grgan für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abo n ne men ts-pr eis: durch Buchhandel oder Post (in Berlin u. Vororten durch unsere Vertriebsstellen) bezogen Vierteljahr!. 3 M. Uebafteuv: Gustav Trarxeles. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson. Verlags-LxpeMoll: Berlin, Jerusalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums", Berlin SW., Jerusalemer Straße H6/49, zu richten. Verlag vsn Rudolf rnoffe, Berlin. Das Fett der Nlkenbarung. Berlin, 16. Mai. in lehrreiches Kapitel von der Entwicklungsfähigkeit des Judentums, das sich von seiner beschränkten Oertlichkeit znm Universalismus emporgeschwungen hat, finden wir in der Wandlung, welche die Bedeutung des Wochensestes im Laufe der Jahrtausende erfuhr. Die Anfänge dieses Festes reichen bis in die vorgeschichtliche Zeit zurück, als das israelitische Volk noch auf seiner Scholle lebte und seine Feste an die Vorgänge in der Natur knüpfte. Sieben Wochen nach dem Fest des Frühlings, mit dem Beginn der Ernte, feierte Israel den Ernteanfang. Noch in biblischer Zeit hat das Frühlingssest seine nationale und geschichtliche Bedeutung erhalten, das Wochenfest hingegen behielt viele Jahrhunderte hindurch seinen ursprünglichen Sinn. Das biblische Schrifttum weif; nichts von der Verknüpfung der Offenbarung am Sinai mit diesen Festen. Der geschichtliche Vorgang am Sinai selbst wird ja in der Bibel häufig genug erwähnt; schon im „Deborahlied", einem der ältesten schriftlichen Denkmäler der hebräischen Sprache, wird auf dieses Ereignis angespielt. Wir wissen auch aus der Darstellung im zweiten Buch Moses, daß sich dieser Vorgang am Sinai kurz nach dem Auszug aus Aegypten abgespielt hat. Aber die Festlegung des Tages der Offenbarung auf den sechsten Siwan beruht auf einer Berechnung aus der nachbiblischen Zeit. Seitdem ging das Bestreben dahin, das Wochenfest nicht mehr als ein solches der Natur feiern zu lassen, sondern als Erinnerung an die Verkündung der Lehre in Geltung zu bringen. Damit war auch die sopherische Tendenz verknüpft, Schabuoth durchwegs am 6. Siwan zu feiern und nicht wie früher sieben Wochen nach dem ersten Sonntag in der Passahwoche. Es war das bekanntlich Jahrhunderte hindurch der Gegenstand einer lebhaften Kontroverse zwischen Sadduzäery und Pharisäern. Mit dem Sieg der Pharisäer erhielt nun das Wochenfest seine jetzige Bedeutung; es ist der Tag der Verkündung der Lehre, wie in unserer Liturgie hecvorgehoben wird. Damit hört es auf, auf die engen Grenzen Palästinas beschränkt zu bleiben; es erhielt seine weltgeschichtliche Bedeutung. Alle positiven Religionen haben den Glauben an die göttliche Offenbarung zur Grundlage; es ist etwas ganz Neues, das mit diesem Moment in die Religionsgeschichte eintritt. Das Merkwürdige ist nur dabei, daß gerade das Judentum, weil es sich dogmatisch niemals einengen lassen konnte, auch den Offenbarungsglauben entwickelte und mit dem modernen Bewnßtsein in Einklang zu bringen suchte. Im Judentuni galt von jeher der Grundsatz, daß Wunder nichts beweisen. Würde damit die am Sinai verkündete Lehre in ihrer Wahrheit und in ihrem ethischen Gehalt nur dadurch bezeugt, daß an jenem Tage, wie in der Bibel erzählt wird, die Naturgesetze aufgehoben wurden, so Hütte sie für uns keine große Wichtigkeit. Die Lehre Israels galt in unserem Volk als eine Lehre der Wahrheit und des Lebens bloß wegen ihrer Vorzüglichkeit und wegen ihres erzieherischen Wertes. Mag sie vom Himmel kommen, so gehört sie doch nur den Menschen, und den Menschen ist es gegeben, sie zu erläutern und dem Leben anzupassen. Sie ist eben göttlich in ihrer inneren Vollkommenheit und Entwicklungsfähigkeit; sie ist kein Glaubensdogma, das dem menschlichen Verstand aufgezwungeu wird, an welches er zu glauben verpflichtet wäre, mag sich die Vernunft noch so sehr dagegen sträuben. Und da man frühzeitig im jüdischen Volk zu dieser Erkenntnis gelangt ist, so gewöhnte man sich bald daran, den Vorgang am Sinai seines wunderbaren Beiwerks zu entkleiden. In der biblischen Erzählung erblickte nian die poetische Ausschmückung eines kulturgeschichtlichen Ereignisses, wie sie schöner und ergreifender nicht sein kann. Nicht nur die Religionsphilosophen des Mittelalters befreundeten sich mit diesem Gedanken, .wir begegnen ihm bereits im älteren talmudischen Schrifttum. Rabbi Jose meinte, niemals sei Gott zum Berg Sinai hinabgestiegen, um die Lehre zu verkünden, und ebenso sei niemals Mose in den Himmel gelangt, die Lehre zu empfangen. Diese freisinnige Ansicht stieß freilich später auch auf Widerspruch, aber man unterzog sie der Diskussion, ohne darüber entsetzt oder entrüstet zu sein und den, der sie aussprach, zu verketzern. Die jüdische Religionsphilvsophie des Mittelalters mußte sich mit dem Offenbarungsglauben noch eingehender und gründlicher auseinandersetzen. Das stand hier einmal fest, daß durch den Glauben an die dabei erlebten Wunder die Wahrheit des Judentums nicht bewiesen wird. Denn erstens kann das Wunder selbst in Frage gestellt werden, und zweitens, wie soll ein Vorgang, den wir uns nicht erklären können, Zeugniskraft für die Güte religiöser Anschauungen besitzen? Die zeitige Aufhebung der Naturgesetze zeugt nicht mehr von der Vollkommenheit des höchsten göttlichen Wesens als die Ewigkeit und Unwandelbarkeit iu den Gesetzen der Natur. Die jüdische Religionsphilosophie suchte daher neue Wege für die Erforschung des Judentums in seinem wahren Wesen, für seine Begründung in der Ethik und in der Erziehung des Menschengeschlechts zur höchsten sittlichen Vollkommenheit. Der Berg Sinai wurde, um einen Ausdruck Heines zu gebrauchen, immer kleiner im Vergleich zu dem geschichtlichen Vorgang, der sich an seinen Namen knüpft. Der jüdische Denker und Dichter Jehuda Halevi begegnet sich in einem großen Gedanken mit dem bekannten protestantischen Theologen