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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-05-10 · Heft 19 (10.5.1907) · p. Seite 2

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 19 (10.5.1907)
Date
1907-05-10
Page
Seite 2 (sequence 14)
Language
German
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2 sehr viel getan. Cr selbst war in der Gebrechlichkeit seines Körpers und in der Kraft seines Geistes gewissermaßen der Typus des unglückseligen Ghettojudentums seiner Heimat. Darum verstand er aber auch das Leid seiner Brüder und kämpfte für sie mit nie versagender Hingebung. Zeugnis dessen ist eine stattliche Zahl kleinerer und gröberer Arbeiten, die er in allen russisch-jüdischen Zeitschriften veröffentlichte. Brandt war einer der Begründer und tätigsten Förderer des „Verbandes zur Erwirkung der Gleichberechtigung der Juden in Rußland", dessen Vorstand er angehörte. Besondere Verdienste hat er sich als Mitglied des Zentralkomitees der Jewish Colonisation Association in Petersburg erworben, namentlich auf dem Gebiete der Emigration. Ein kleiner Kreis von Freunden geleitete den vortrefflichen Mann zur letzten Ruhestätte auf dem Friedhofe in Weißensee, wo Herr Rabbiner Dr. Warschauer in warmempfundener Rede das Leben und Leisten des Verklärten schilderte. Ehre seinem Andenken! s. Berlin, 6. Mai. Der Seniorchef der Firma Hermann Tietz, Herr Hermann Tietz, ist nach langen Leiden am 4. d. M. im Alter von 70 Jahren gestorben. Er war, in Birnbaum geboren, der Begründer des angesehenen großen Warenhauses, das vornehmlich durch seine Bemühung aus einem kleinen Weißwarengeschäst in Gera 311 der jetzigen Bedeutung emporgediehen ist. Sein Neffe, Herr Oskar Tietz, setzte das von dem Oheim begonnene Werk mit Erfolg fort und gründete das erste Zweiggeschäft in München. Jetzt hat die Firma in fast allen deutschen Großstädten, namentlich im Westen und Süden — auch als Aktiengesellschaft Leonhardt Tietz — Niederlassungen. Seit 1900 besteht die Firma hier in Berlin. Hermann Tietz, der Junggeselle geblieben war, hat sich auch durch sein humanitäres Wirken einen großen Freundeskreis geschaffen. x. Lissa i. P., 1. Mai. Herr Hauptlehrer Herbst hat gestern seinen Abschied vom Schuldienst genommen. 48 Jahre ist er Lehrer gewesen, 84 Jahre hat er an der jüdischen Schule in Lissa gewirkt. Eine würdige, erhebende Schulfeier hat ihm das Geleit gegeben hinüber in den wohlverdienten Ruhestand. Nicht nur um die Schule, sondern auch um die jüdische Gemeinde, um die Synagoge, um das Vereinsleben der Lehrer in Lissa hat sich Herr Hauptlehrer Herbst große Verdienste erworben. Diese Verdienste hoben Ortsschulinspektor Rabbiner Dr. Bäck, Bürgermeister Schwidetzky, als Vorsitzender des Schulvorstandes, Stadtrat Bankier Schreyer, als Mitglied des Gemeindevorstandes, Justizrat Nürnberg, als stellvertretender Vorsitzender der Repräsentantenversammlung, in beredter Weise hervor und brachten ihren Dank dafür in wärmsten Worten zum Ausdruck. Herzliche Worte des Abschieds fand auch Herr Lehrer Cohn, und Herr Lehrer Weichert überbrachte seinem Kollegen Herbst die Ernennung zum Ehrenmitgliede des Lissaer Lehrervereins. Der Gefeierte dankte tief ergriffen allen einzeln und schloß seine Rede mit dem Kaiserhoch. Schöne Geschenke gaben Zeugnis von der Liebe und Verehrung, deren sich Herr - Hanptlehrer Herbst in Stadt und Gemeinde ersreut. Möge sein „otium cum dignitate“ ein glückliches und gesegnetes sein. Seine körperliche Rüstigkeit und seine geistige Frische bürgen dafür, daß er die Hände nicht in den Schoß legen, sondern dem Schulwesen nach wie vor sein reges Interesse durch Wort und Tat bekunden wird. Namentlich hoffen die Lehrer der Ostmark, deren Interessen Herr Hauptlehrer Herbst bisher stets in nachdrücklicher und ost erfolgreicher Weise gefördert hat, auf eine weitere tatkräftige Unterstützung ihrer Bestrebungen zum Wohle des Lehrerstandes und der Schule. — Für die jüdische Schule in Lissa i. P. bedeutet das Scheiden Herbsts einen bedeutsamen Wendepunkt. Entsprechend der Abnahme der Seelenzahl der jüdischen Gemeinde hat sich auch die Zahl der Schulkinder sehr vermindert, und so ist kaum zu hoffen, daß wieder sin dritter Lehrer an der jüdischen Schule angestellt werden wird. Aber Lehrer Cohn, der wohl als erster Lehrer bestätigt werden, und Lehrer Behle, der als zweiter Lehrer verbleiben wird, werden sicherlich die Schule auf der bisher erreichten und allseitig anerkannten Höhe ihrer Leistungsfähigkeit erhalten. t. Glatz, 1. Mai. Am 25. v. M. verschied hier einer unserer ehrenwertesten Mitbürger, der Eigentümer des „Glatzer Brauhaus"- Etablissements, Herr Brauereibesitzer Leopold Ascher mit 65 Jahren aus seinem arbeitsreichen Leben. Von ihm sagt das hiesige ultramontane Blatt: Der Himmel schenke Frieden dem ehrlichen und wackeren Kämpfer, dem auch seine Feinde Achtung zollen mußten, weil er furchtlos und treu und unentwegt stets für das eintrat, was er als Recht erkannte, gleichviel, ob ihm persönlicher Nachteil aus feinem Bemühen erwuchs. Aus Solidaritütsgründen hielt er auch in den verlorenen Schlachtreiheu der Bürger mutig stand und holte für andere wagemutig die Kohlen aus dem Feuer. Unerschrocken stellte er sich mit einem kleinen Fähnlein Gleichgesinnter zur Wehr und spielte zumeist den Prediger in der Wüste für taube Ohren über die Segnungen der Selbstverwaltung, der Selbstbestimmung, um Wege anstreben zu helfen, die er allein in Rücksicht auf das Gedeihen des Gemeinwesens für gangbar hielt." Wie dem Wohle der Stadt, widmete er sich auch den Interessen der Syuagogengemeinde mit regem Eifer, sowie er seine volle Kraft besonders auch der Orts krankenkasse, den gemeinnützigen Bestrebungen des Männervereins vom Roten Kreuz und der Kaiser Wilhelm-Stiftung, dem Kauf männischen Verein, dem Gastwirtsverein, Bürgerverein usw. zur Verfügung stellte. Leopold Ascher war ein selk made man, welcher sich von kleinen Anfängen durch eigene Kraft, durch Umsicht, Fleiß und Rechtlichkeit eine angesehene Stellung schuf. Hohes Pflichtgefühl, Gerechtigkeits- und Wohltätigkeitssinn zeichneten seinen edlen Charakter aus. Ihm bleibt ein ehrendes Andenken gesichert! — Neuenahr, 8. Mai. Der vierte Rechenschaftsbericht des hier seit Jahren gedeihlich wirkenden Vereins „Israelitisches Kranken heim" ist für die letzten beiden Jahre zusammen erschienen. Obwohl die Kasse wieder mit einem Defizit abgeschlossen, hat der Vorstand doch vielen der um Aufnahme Bittenden diese gewährt. Es wurden im Sommer 1905 30 Petenten und im Sommer 1906 28 ausgenommen. Da der Verein noch kein eigenes Heim hat, mußten diese in Privatpflege untergebracht werden. Die Ausgaben betrugen 3528,04 Mark, Die Einnahmen 3009,60 Mark. Der Verein bedarf, um eine gedeihliche Tätigkeit entfalten zu können, dringend der Aushilfe unserer Glaubensgenossen, vor allem derer, die jährlich Bad Neuenahr zur Hebung ihrer Krankheit besuchen und deren Frequenz sich sort während ganz bedeutend steigert. Möchte die Bitte von Erfolc begleitet sein. Es ist doch nicht durchsührbar, daß ein derartiger Verein fortwährend mit Defizit arbeitet. Die Generalversammlung des Krankenheims fand am 7. d. M. in Bonn statt. Der bisherige Vorstand wurde wiedergewählt. Er besteht aus den Herren: Rafael Ettlinger - Frankfurt a. M., Moritz David-Bonn, I. Dülken und Rabbiner Dr. Frank-Köln, Dr. med. Weidenbaum - Neuenahr Rabbiner Dr. Kalischer-Bonn, Abraham Baer-Ahrweiler, Dr. Lichtenstein-Neuwied, H. S. Hirschland-Münster i. Wests. s. Norden, 6. Mai. Der Tag, an dem vor 25 Jahren Herr Hauptlehrer Levy sein Amt als Lehrer und Prediger in hiesiger israelitischen Gemeinde angetreten, wurde von Schule und Gemeinde zu einem erhebenden Feste gestaltet. Am Vorabend des Jubeltages überreichte unter herzlicher Ansprache eine Abordnung ehemaliger Schüler eine schön ausgeführte Dankadresse rmd wertvolle Geschenke, zu denen zahlreiche Schüler aus nah und fern freudig beigetragen hatten. Der Synagogenchor hatte es sich nicht nehmen lassen, seinen Begründer und Förderer durch Vortrag passender Lieder und treffliche Reden zu feiern. Der Jubilar dankte sichtlich gerührt in warm empfundenen Worten für die ihm gewidmeten Ehrungen. Am nächsten Morgen brachte die Stadtkapelle aus Veranlassung ehemaliger Schüler ein Ständchen und alsdann erschienen die Vertreter der Gemeinde und der zweite Lehrer mit den Schülern, ebenfalls unter ehrenden Ansprachen Geschenke darbringend. Im Laufe des Tages fanden sich zahlreiche Gratulanten ein, unter anderen auch Land rabbiner Dr. Löb und ein Vertreter auswärtiger Lehrer. Aus allen Ständen und Konfessionen und von allen Seiten wurden dem Jubilar mündliche, schriftliche und telegraphische Glückwünsche übermittelt, ein Zeichen, welch großer Achtung und Beliebtheit sich Herr Levn erfreut. Ein besonderes, sein Wirken anerkennendes Schreiben sandte u. a. auch der Ausschuß des „Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes" Wie innig Schule und Hans in unserer Gemeinde Zusammenhängen das hat sich gezeigt in dem wohlgelungenen Feste, welches die Schüler zur Erinnerung an den Ehrentag des Jubilars in den Räumen des „Deutschen Hauses" veranstalteten. Eingeleitet wurde die Feier durä Absingen eines Psalms der Schulkinder. Ein geradezu vorzüglich vorgetragenes Festspiel der Kinder fand reichen Beifall. Abends begann sodann die Feier für die Erwachsenen.

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