Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 19 (10.5.1907)
- Date
- 1907-05-10
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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i. Krankfttrt a. M., 5. Mai. Ein Sohn des dieser Tage in den Freiherrnstand versetzten Generalkonsuls Maximilian Benedikt v. Goldschmidt-Rothschild wurde zum Attache bei der deutschen Gesandtschaft in London ernannt. lieber die Provenienz der neugeadelten Familie gehen noch immer viele falsche Nachrichten durch die Presse. Zur Ausklärung dienen folgende Notizen: Freiherr v. Goldschmidt-Nothschild ist der Schwiegersohn des 1901 verstorbenen Baron Willy v. Rothschild, dessen streng orthodoxe Gesinnung und Lebensführung ja bekannt war. Er wurde schon 1903 von Preußen nobilitiert und ist ebenso wie die Rothschilds seinem angestammten Glauben treu geblieben. Seine vor einigen Jahren verstorbene Gemahlin war die zweite Tochter des Barons Wilhelm v. Rothschild und eine Schwester der in Paris lebenden Freifrau Edmund v. Rothschild. Ihre Heirat hatte das ungeschriebene Hausgesetz der Rothschild verletzt, das Ehen der Glieder der verschiedenen Linien untereinander vorschreibt, so daß ihr Vater sich erst nach einiger Zeit mit ihrer Wahl aussöhnte, trotzdem der jetzige Baron Goldschmidt-Rothschild einer altangesehenen Franksurter-Londoner Bankierfamilie entstammt, der übrigens auch die Baronin Wilhelm Königswarter und die Gemahlin des Homburger Landrats Dr. v. Marx angehören, die beide geborene Fräulein Goldschmidt sind. Eine Tochter des Freiherrn von Goldschmidt-Rothschild ist seit einem Jahre die Gemahlin des Freiherrn Schey von Koromla, der ans einer bekannten, gleichfalls jüdischen Bankierfamilie in Oesterreich stammt. <1. Nürnberg, 5. Mai. Der vierte Jahresbericht des Vereins I s r a e l i t i s ch e s M ä d ch e n st i f t, erstattet von Schuldirektor G o m b r i ch, konstatiert die gedeihliche Entwicklung des Instituts, das durch die Erwerbung neuer Räume in der Lage ist, 22 Pfleglinge aufznnehmen. Die Eröffnung der neuen Stiftsräunre fand am 14. Oktober v. I. statt. Damals hielt noch unser unvergeßlicher sel. Dr. Ziemlich die Weiherede, in der er über die Bedeutung der Anstalt sich in seiner so sympathischen Weise aussprach. Die Zahl der Mitglieder des Vereins hat sich erhöht und zahlreiche Spenden wurden diesem im abgelausenen Jahre sowie im neuen zuteil. Von den gegenwärtig im Institut untergebrachten 22 Pfleglingen sind drei Kontoristinnen, sechs Puharbeiterinnen und Schneiderinnen, drei Verkäuferinnen, zwei Lehrmädchen, eine Kassiereriu, sechs Schülerinnen der Frauenarbeitsschule und eine Schülerin der Mädchen-Handelsschule. Die Einnahmen der Anstalt betrugen 13 766,40 Mark, die Ausgaben 13 695.30 Mark, das Vermögen 132 741,15 Mark. Die Leiterin des Mädchenstists ist Fräulein Amalie Mandelbaum, der im Bericht wohlverdientes Lob zuteil wird. Der Vorstand besteht aus den Herren Schuldirektor Gombrich, H. Jung, David Oberndorfer, Heinrich Weil, F. Wendriner, Dr. Frankenburger. Theodor Greif, Adolf Hecht, I. Lehmann. M. Neuburger itnb den Damen Erlanger, Fechheimer, Gombrich, Kugler und Lang. Die Zahl der Mitglieder beträgt in der hiesigen Gemeinde 452. Gesterretch-Nngsrn. A Wien, 6. Mai. Hier sind gestern im Sitzungssaal der jüdischen Kultusgemeinde die Vertreter der jüdischen Hilfsorganisationen (Alliance Israeüte Universelle in Paris, Deutsche Konferenz-Gemeinschaft der Alliance Israelite Universelle in Berlin, Hilfskomitee für die osteuropäischen Juden in Frankfurt am Main, Hilfsverein der Deutschen Juden in Berlin, Israelitische Allianz in Wien) zu einer Besprechung zusammengetreten, über die zugunsten der unter den jüngsten Aufständen und Unruhen geschädigten Israeliten Rumäniens zu ergreifenden Hilssmaßregeln. Die vielstündigen Beratungen, von dem Präsidenten der Oesterreichisch- Jsraelitischen Allianz, Herrn v. Gutmann, geleitet, hatten das Ergebnis, daß als einhelliger Wunsch aller Teilnehmer zum Ausdruck gebracht wurde, daß die Oesterreichische Allianz im Namen und Aufträge und mit den Mitteln aller Hilfsorganisationen das Unterstützungswerk leiten solle. Die Vertreter der besonders schwer heimgesuchten jüdischen Gemeinden Rumäniens hatten vorher die ungefähre Höhe der angerichteten Schäden angegeben. Die Untersuchung der Schadenshöhe und die individuelle Feststellung des zu leistenden Ersatzes wurde der österreichischen Allianz übertragen, die sich bei ihren Arbeiten der Unterstützung der rumänischen Lokalkomitees bedienen wird. Angesichts der Beschränktheit der verfügbaren Mittel wurde > vor einer Auswanderungsbewegung dringend gewarnt. — Versammlungen jüdischer Stil deuten an den Hochschulen in Czernowitz, Lemberg, Krakau, Prag, Brünn und Wien beschlossen übereinstimmend, dem Unterrichtsminister ein Memorandum zu überreichen, in dem die „Anerkennung der jüdischen Nationalität als solcher an den österreichischen Universitäten und technischen Hochschulen" verlangt wird. Eine Deputation wollte das Memorandum dem Unterrichtsuünister Marchet überreichen, der sie aber, da er erkrankt ist, nicht empfangen konnte. Das ist der Segen des Zionismus! — Der Kai ser hat während seines Aufenthalts in Prag die dortigen Juden überall freundlich begrüßt. Zur Hoftasel wurde der Gemeindevorsteher Dr. Arnold Rosenbacher zugezogen und der Kaiser sagte zu ihm im Gespräch: „Die treue Gesinnung Ihrer Gemeinde ist mir seit jeher bekannt." Dann nahm er mit Interesse die Mitteilung entgegen, daß der alte Friedhof bei den Assonierungsarbeiten nicht gelitten habe. — Der Bürgermeister von Czernowitz, Regierungsrat Dr. Eduard Reiß, ist ans der Rückreise von Abazzia hier in einem Sanatorium im 57. Lebensjahre am 27. v. M. gestorben. Die Trauer um den verdienten Mann ist in seiner Heimat eine allgemeine. Er war von 1884 bis 1905 Vizebürgermeister und von 1905 bis jetzt erster Bürgermeister der Stadt, um deren Aufblühen er sich große Verdienste erworben hat. In dem Beileidschreiben des Landespräsidenteu an die Familie heißt es: „Der ungeahnte Aufschwung, den die Stadt in dem letzten Dezennium genommen, legt Zeugnis ab von der unermüdlichen Schaffenskraft des Verblichenen, und ist jede Errungenschaft, welche Czernowitz in den letzten Jahren zu verzeichnen hat, eng mit seinen: Namen verknüpft. Dr. Reiß erfreute sich infolge seines hochachtbaren Charakters und seines herzgewinnenden Wesens einer schrankenlosen Beliebtheit, und glaube ich, daß es in der ganzen Stadt wohl niemanden gibt, der durch das plötzliche Hinscheiben dieses ausgezeichneten Mannes nicht auf das tiesste ergriffen wird." Von Sah und ssern. Die Berliner Medizinische Gesellschaft wählte an Stelle des verstorbenen Professors v. Bergmann Zum ersten Vorsitzenden mit großer Stimmenmehrheit den Geheimen Medizinalrat Professor Dr. Senator, der seit vielen Jahren das Amt des zweiten Vorsitzenden bekleidet hat. — Bei dem Wettbewerb um die Stipendien der Michael Beerschen Stiftungen im Betrage von je 2250 Mark zu einer einjährigen Studienreise nach Italien wurde der Preis der ersten Stiftung dem Bildhauer Benno Elk an aus Dortmund zuerkannt. — Die erste verheiratete Doktorin der Medizin wurde an der Berliner Universität soeben promoviert: die Russin Lea Schwarz geb. Beßmertnaja. Sie ist 1881 als Tochter eines Kallfmanns in Witebsk geboren, wo sie das Mädchengymnasium besucht hat. Ihre Studien machte sie in Leipzig, Halle, Zürich und Berlin. Ihre wissenschaftliche Arbeit, die sie dem Andenken ihrer Mutter widmete, behandelt ein gynäkologisches Thema. — Der vor einigen Monaten verstorbene Inhaber der Bankfirma Jaquier & Securius, Bankdirektor Siegmund Samuel, hat seiner Vaterstadt Eberswalde ein Kapital von 200 000 Mark letztwillig vermacht, mit der Bestimmung, daß die Zinsen dieses Kapitals alljährlich an bedürftige Waisen der Stadt, ohne Unterschied der Konfession, verteilt werden sollen. Sein Bruder Ludwig Samuel hat vor Jahren bereits der Stadt Eberswalde eine Stiftung von 6000 Mark gemacht, aus deren Zinsen alljährlich am 20. Dezember zehn elternlose oder vaterlose Waisen der Stadt, ohne Unterschied der Konfession, bekleidet werden. — In Breslau ist zum erstenmal ein Jude in die städtische Schuldeputation gewählt worden: Justizrat Ollendorf. — Der Breslauer Polizeipräsident hat die Aufführung des Dramas „Wahn" von Jakob Scherek aus „Gründen der öffentlichen Ordnung" verboten. Das Drama behandelt in würdiger, durchaus ernster Weise die Frage des Ritnalmordes. — In den Tagen von: 26. v. M. bis zum 1. d. AI. fand in Breslau die Prüfung für Mittelschullehrer statt. Herr Religionslehrer Adolf Hey mann aus Grünberg i. Schl, hat dabei die Lehrbefähigung für Deutsch und Französisch erlangt. - Der Schuhmachermeister Hermann Loewy in Lobsens beging dieser Tage sein fünfzigjähriges Meisterjnbiläum. Ans diesem Anlasse ist