Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 19 (10.5.1907)
- Date
- 1907-05-10
- Page
- Seite 228 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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228 beiden edlen Menschen, die beide ihr Judentum liebten, trennte. Und eine innere Stimme sagte ihr, daß auch Marx ihr mindestens ein freundschaftliches Empfinden entgegen brächte. Aber ihm deshalb einfach zuzustimmen, wenn er seine oft phantastischen Zukunftspläne darlegte, war ihr unmöglich, obgleich sie sich sagte, daß er dieses erwartete. Es fehlte ihr der feste Glaube an die Möglichkeit der Verwirklichung dieser Pläne und ihr klarer Verstand ließ sich nicht durch eine Fata morgana irre führen. Trotzdem verfolgte sie init Onkel Marcus eifrig alle Zeitungsberichte und las sogar zionistische Zeitungen, obgleich der Onkel weidlich darüber loszog. Im Hinterhanse ihrer Wohnung wohnte eine kleine russische Familie, deren Haupt, ein Schneidergehilfe, seit einem Jahr in Berlin lebte und sich und seine Frau durch fleißige Arbeit ernährte. Eines Abends, als Dora eben heimgekehrt, erzählte ihr die Haushälterin, daß der arme Mann als Ausländer ausgewiesen und die Frau, welche vor ihrer Entbindung stände, vor Entsetzen schwer erkrankt sei. Sofort eilte Dora über den Hof in das Giebelzimmer, welches die Leute bewohnten. Sie beruhigte die jammernde Frau, bat eine nebenanivohneude Alte, ihr beizustehen und ließ das Notwendigste zur Pflege dort. Tie Klagen schnitten ihr ins Herz — wandern — wieder wandern zu müssen. Die Arbeit verlassen, das tägliche Brot verlieren — und wohin gehen? Ihr Abendgesprüch mit dem Onkel wurde trauriger Art. Gab es Hilfe für die Armen und wo war sie zu finden? Hilft ein Zuspruch bei der maßgebenden Behörde. Dr. Marx tritt ein, er beteiligt sich an dem Gespräch und trotz des Mitleids, welches ihn beschleicht, zuckt ein fast triumphierender Blick aus seinen Augen, als wollte er sagen: „Wer hat nun recht? Gibt es eine andere Hilfe als eine gesicherte Heimstätte für die Armen!" Aber er entschließt sich, alle Schritte zu tun, dem armen Handwerker zu Helsen, obgleich er sich wenig Aussicht verspricht. Dankbar und erleichterten Herzens reicht ihm Dora die Hand. Er hält sie fest und sagt: „Und dennoch sind Sie Zionistin, Sie mögen sich zur Partei bekennen oder nicht." „Hoho," brummt Onkel Marcus, „lassen Sie mein Kind in Ruhe — sie ist eine gute Jüdin — und weiter nichts." „Schließt Eines das Andere aus?" fragte Marx lächelnd. „Ich lverde Sie und Fräulein Dora noch bekehren, ich zweifle nicht daran." „Nicht eher, als bis Sie mir das Dekret des Sultans zeigen, in welchem er Palästina an Sie abtritt," antwortet Marcus voller Humor. „Und Sie, Fräulein Dora?" „Ich iverde stets nieine volle Sympathie für Ihre Bestrebungen bezeugen — aber der rechte Glaube fehlt mir, der ja Berge versetzen kann." „Herr Marcus, darf ich bei Fräulein Dora Proselyten machen?" „Tun Sie, was Sie nicht lassen können, aber an den Erfolg glaube ich nicht!" „Allein dazu genügen nicht die wenigen Stunden, die wir beisammeu sind — dazu müssen Sie mir eben Fräulein Dora ganz abtreten und wenn wir beide uns heirateten, so wäre es für mich am leichtesten, den Unterricht zu einem ständigen und ergiebigen 5« machen." Dora hörte ihr Herz pochen! Sic kannte Marx zu gut, als daß sie die scherzend hingeworfenen Worte nur für einen Scherz halten konirte. Marcus sah erst verdutzt darein, dann nahm er die Sache leicht und erklärte, daß Dora von ihm gelernt hätte, stets ihren Prinzipien treu zu bleiben. Ernsten Tones erklärte nun Marx, wie er Jahre lang mit dieser Liebe gerungen, sich dagegen gewehrt, weil Dora ihm nicht stets beigestimmt. Jedoch heute, als er ihr warmes Mitempfinden bei dem Unglück der armen Leute wahrgenommen, sei ihm klar geworden, daß „das jüdische Herz" die Hauptsache sei und nicht die Partei. „Fräulein Dora, darf ich mich bemühen. Ihre Zuneigung zu erringen?" „Nein," sagte Dora errötend lächelnd. Traurig sah sie Dr. Marx an. „Also ich bin Ihnen unsympathisch, weil ich für meine Partei eintrete?" Leise ant wartete sie: „Ich sagte nein — weil Sie sich nicht zu bemühen nötig haben — Sie haben seit Jahren, was Sie zu erringen wünschen!" Onkel Marcus blickteerstaunt auf. Da meinteer nun sein Adoptivkind so gut zu kennen, und jetzt liebte du schoir lange diesen Menschen! Da soll doch — — Aber das strahlende Angesicht der beiden erstickte seine bösen Gedanken Gerührt sagte er: „Na, wenns denn ilicht anders ist — seid glücklich zusammen." Aber innerlich dachte er: „Na, warte bist du erst »rein Neffe, ich treibe dir deine „Stuß' schon aus." Wunderbar — es gab keinen Zwiespalt in der junger Ehe. Sie wurde sehr glücklich, wen« auch Onkel Marcus noch oft seine Wut an dem eingefleischten Zionisten ausließ. Aber dieser zankte sich nicht mehr mit ihm. Er sah in ihm de» linbewllßten Begründer seines Eheglücks, uild seine Dankbarkeil gegen ihn wuchs — je mehr er einsah, daß eine Harmonie des Herzens wohl auf einer Harmonie der Empfindungen begründe! ist, ilicht aber auf sklavischem, demütigeiu Nachempfinden. Dr. Loeb sagte daheim zu seiner Regina: „Etwas lieber spanntes habe ich Dora stets zugetraut — nun heiratet sic diesen überspannten Menscheu, der mir aus den betreffende» jüdischen Zeitungen bekannt ist. Art läßt nicht von Art." „Aber es ist doch eine gute Partie," meinte zaghaft die Mutter Und in Anbetracht dieser unbestrittenen Tatsache gaben Onkel Levi und Tante Rika der „sonderbaren Person" sogar ei» sehr schönes Hochzeitsgeschenk. Litrrsrilchr Mittrilungrn. Samson Raphael Hirsch: Gesammelte Schriften, Band III Frankfurt a. M. 1906. Verlag von I. Kauffmann. Der dritte Band der gesammelten Schriften von Samson Raphael Hirsch schließt sich seinen beiden Vorgängern ebenbürtig an. Am besten gefallen uns auch hier die Betrachtungen zum jüdischen Kalenderjahr. Da ist Gedankenreichtum, Gemüt und eine hinreißende Kraft der Begeisterung. Auch die Schriften über die Begründung und Entwicklung der jsraelitischen Religionsgesellschaft in Frankfurt a. M. sind von großem historischen Interesse, obwohl die Kämpfe, um die es sich hier handelt, längst überwnnden sind. Dagegen vermögen uns die Grundlinien eitler jüdischen Symbolik wenig Geschmack abzugewinnen. Wir glauben auch nicht, daß es gerade im Interesse der Orthodoxie liegt, Symbolik zu treiben, da solche, wie w\x aus historischer Erfahrung Nüssen, allemal noch aus der Orthodoxie herausgeführt hat. Da nützt alle Philosophie nichts. Und wie sehr sich auch Hirsch dagegen sträubt, wir halten es mit dem Historiker, den er selbst zitiert und der ans besserer Erkenntnis des jüdischen Geistes heraus erklärt hat. die Symbolik sei eine unterscheidende Eigentümlichkeit des Christentums im Gegensatz zum Judentum; und auch im Christentum selbst sei sie nicht ein Erzeugnis der ans den: Judentum entstammten, sondern der aus dem Griechentum aufgenommenen Elemente. Man kann in der Tat behaupten, daß fast alles, was im Judentum Symbolik ist oder als solche erscheint, in Wahrheit heidnischen, griechischen oder christlichen Ursprungs sei. Die Verteidigung Hirschs gegen diese Anwürfe ist, wie alles, was aus seiner Feder hervorgegangen, geistreich und scharfsinnig, aber keineswegs überzeugend. Hirschs Stärke beruhte auf der Polemik. Und obwohl er diese meist gegen die Richtung übte, die wir vertreten, sind wir doch objektiv genug, zu wünschen, daß einer der nächsten Bände dieser gesammelten Schriften seine polemischen Abhandlungen enthalten möchte. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin, verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.