Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 19 (10.5.1907)
- Date
- 1907-05-10
- Page
- Seite 227 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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227 wo sie sich so wohl gefühlt hatte, wie nie im Leben! Sie kühlte, wie sie die hervorquellenden Tränen nicht mehr hemmen konnte und verbarg schluchzend ihr Antlitz in ihre Hände. Eine Hand legte sich auf ihr niedergebeugtes Haupt. „Dora, mein Liebling, ich lasse Dich so leicht nicht," so sprach Onkel Marcus mit ungewohnter Weichheit. „Du, die hier aufvlüte an Geist und au Körper, an der ich mich täglich freute, wie an einer Pflanze, die, halb verkümmert, erst hier den richtigen Boden fand und sich kräftig entwickelte, Du sollst nicht wieder heim ins trockene Erdreich." „Aber Onkel — die Pflicht gegen die Meinigen?" „Es wird sich alles machen assen, sei nur ruhig, mein Kind!" Dora trocknete die Augen rmd begann wieder etwas Hoffnung zu schöpfen. Da eröffnete ihr Marcus seinen Plan. Er wolle wohl mit ihr zur Hochzeit reisen, aber vorher solle Dora nicht heim. Sie möge ruhig ihre Stellung hier antreten und der Mutter das Gehalt schicken, damit sie sich eine Hilfe in Gestalt einer tüchtigen Magd zulegen könne. „Aber ineine Schuld, die ich bei Dir, lieber Onkel, habe? Du hast nur so lange Gastfreundschaft geschenkt, ich kann sie doch nicht länger mißbrauchen!" „Dummes Kind, als ob Du sic mir nicht täglich vergiltst! Wie ist's mir alten Junggesellen so sonnig geworden, seitdem Du bei mir wohnst. Wie wohl tut mir Deine Jugend, Deine Empfänglichkeit und Begeisterung für das Gute und Schöne! Selbst Susanne brummt nicht mehr so oft, seitdem Du hier bist und ihre Augen blicken so freundlich, wenn sie Dich sieht, >vie sie mich nie angesehen!" „Onkel, ich finde keine Worte, Dir zu danken, ich bin zu glücklich!" Und so kam es, daß Dora mit ihren, Oheim zur Hochzeit > heimfuhr, frohen, neidlosen Herzens das Glück ihrer Schwester! iah und das Gebrumme von Onkel Levi und Tante Riekchen über die neumodischen Ansichten ohne Erregung hinnah»,. Die Mutter, welche den Zuschuß zu ihren knappen Mitteln dankbar angenommen hatte, war weit zufriedener, als Dora erwartete. Marcus war ein liebenswürdiger, witziger Hochzeitsgast, der nicht knauserte, als es „einen Einwurf" galt — so nannte man das obligate Geschenk — und vergnügt dampften beide wieder nach kurzem Aufenthalt der Hauptstadt zu, Die Abendbesuche des Dr. Marx waren seltener geworden; cr stand vor dem Assessorcxamen und vergrub sich in seine Arbeiten. Dora entbehrte ihn sehr. Sie freute sich seiner anregenden Unterhaltung nach der nüchternen Tagesarbeit. Ganz freilich vermochte sie seiner zionistischen Schwärmerei nicht zu folgen. Er sah bereits zur Wirklichkeit werden, was ihr noch nicht zur Reife gediehen schien. Aber sein Idealismus! erwärmte sie mit und so hörte sie mancher Auseinandersetzung, die Onkel Marcus scharf bekrittelte, mit nachsichtigerem Empfinden zu. Marcus mochte den fleißigen, strebsamen Menschen sonst sehr gern. Er wußte, wie dieser, einer mittellosen Familie, die in einem kleinen polnischen Landstüdtchen wohnte, entstanunend, sich mit zäher Energie dem Studium gewidmet und, allen Entbehrungen trotzend, sich durchgerungen hatte. Eines Abends — Marcus und Dora nahmen gerade ihr Abendbrot ein — stürzte Dr. Marx ausgeregt ins Zimmer. „Bestanden!" rief er, „Ihnen mußte ich es zuerst mitteilen." Dann erzählte er, welche Aussicht ihm winke! Ein angesehener Rechtsanwalt, bei welchem er längere Zeit gearbeitet, habe ihm für den Beginn eine gut honorierte Stellung auf seinem Bureau angetragen. „Morgen geht's für einige Tage heim zu meinen Eltern und dann zurück an die Arbeit." Es waren frohe Stunden, die man zusammen verbrachte. Die sonst so zurückhaltende Dora wurde lustig und ausgelassen — aber da entwickelte der junge Assessor seine Pläne, sobald er selbständig sei, öffentlich als Borkärnpfer für den Zionisinus aufzutreteu und Onkel Marcus sprach dagegen mit vielen Gründen. Die beiden erregten sich dermaßen, daß die Gemütlichkeit beinahe schwand und Dora ganz traurig wurde. „Und Sie, Fräulein Dora, schweigen still! Sie, die ich empfänglich für den wunderbaren Gedanken des Zionismus hielt wie sonst nieinand. Wenn je eine Frau geeignet schien, an dein großen Werke mitzuarbeiten, so waren Sie es." „Also solche Mucken wollten Sie meinem kleinen Mädchen in den Kopf setzen!" sagte Onkel Marcus aufgeregt. „Wenn Sie solch unerreichbarem Ziele nachlaufen wollen, anstatt glücklich zu sein, jetzt ein Praktisches Ziel erreicht zu haben, lassen Sie das Mädchen damit zufrieden!" „Fräulein Dora, sprechen Sie doch," sagte Marx beklommen. Zögernd ergriff sie das Wort. „Ich verstehe Ihre Begeisterung — es macht mich glücklich, zu sehen, wie Sie trotz der schweren Examensarbeit den Gedanken der Befreiung unserer unterdrückten Brüder immer weiter ausarbeiteten — aber mittun — in die Oeffentlichkeit treten, um diese Ideen verwirklicht zu sehen — dazu fühle ich mich nicht stark genug — dazu fehlt nur der Mut!" „Gott sei Dank!" sagte Marcus vergnügt — „wir wollen uns die schöne Stunde nicht trüben lassen durch so ernste Zwiegespräche. Stoßen wir an aus eine glückliche Zukunft!" Jedoch die rechte Fröhlichkeit kam nicht mehr ans und man trennte sich zwar herzlich, aber doch in ernster Stimmung. Die Jahre vergingen. Onkel Marcus war der stets liebevolle Onkel geblieben, aber die Gebrechen des heranimhendeu Alters verschonten auch ihn nicht und das „Zipperlein" plagte ihn recht oft. Dvras Leben floß in ruhigem Gleichmaß dahin. Ihre jährlichen Besuche der Mutter überzeugten sie, daß man sie dort gut entbehren könne. Sie kam sich dort fremd und verlassen' vor. Es wurde ihr stets schwerer, sich den engen Anschauungen des Familienkreises anzupassen. Daß sie abermals eine sogenannte gute Partie ansgeschlagen, deren Vorzüge ihr Onkel Levi »yd Tante Rita ins schönste Licht gesetzt, das war der Höhepunkt ihrer lleberspanntheit, wie diese sagten. Ihre Schwester war glücklich und zufrieden, und Dr. Loeb, der für Dora stets einen väterlichen, salbungsvollen Ton hatte, mahnte sie oft, daß es unjüdisch sei, als Mädchen allein in der Welt zu stehen, wenn es anders zu ermöglichen sei. Erleichtert ausatmend, kam sie stets nach Berlin zurück zu ihrer zwar einförmigen Arbeit — aber in die freie Atmosphäre, in welcher der alte Junggeselle atmete. Dr. Marx kam selten zu den gemütlichen Abenden. Seine Arbeit hatte sich vergrößert, sein Auftreten als Vorkämpfer des Zionisimis -- seine Reisen zu den Versammlungen und Kongressen, die Vorarbeiten — alles dieses nahm fast seine ganze Zeit in An- I spruch. Und war er wieder einmal gekommen — die Uui befangenheit des Verkehrs hatte aufgehört. Man vermied politische Gespräche, man vermied fast die wichtigen sozialen Fragen, das Judentum betreffend, alles nur, uni nicht den Zionismus zu berühren. Die Gegensätze in den Anschauungen i hatten sich verschärft, manche pessimistischen Prophezeiungen von Onkel Marcus waren in Erfüllung gegangen, aber Dr. Marx, der sonst so offen und ehrlich war, er wollte es nicht eingestehen. Er glaubte noch immer, daß der Zionismus m Deutschland festen Fuß sassen würde, trotz aller Gegenbeweise. Dora litt au diesen Abenden. Das Gefühl der Sympathie für den jungen Rechtsanwalt >var mit den Jahren gewachsen und trug wohl allein die Schuld, daß sie alle Annäherungsversuche junger Leute bisher zurückgewiesen. Es war ihr nicht möglich, die Kluft zu überbrücken, die diese