Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 19 (10.5.1907)
- Date
- 1907-05-10
- Page
- Seite 226 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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226 bei- Synagoge, wo bei Sänger einen langen hebräischen Gesang anstimmte, worauf der Rabbiner eine Rebe hielt, bie ich beantwortete." Gelegentlich der Reise des Kronprinzen, im Gefolge des Kaisers, durch Elsaß-Lothringen nach Metz — der Kaiser war lvegen Unwohlseins in Straßburg geblieben — erwähnt der Statthalter kurz, das; er mit dem Kronprinzeil die Synagoge besuchte. Seite 344: Heute Unterredung mit Baron Cohn, der ein bayrisches Großkrenz zu haben wiinscht. Nach Tisch ~ beim Kaiser — kam Baron Cohu zu mir und erzählte von seinen Geschäften für den Kaiser. Seite 397: Daun kam Maxime Ducamp aus die Juden zu sprechen und sagte: er habe einmal die Bekanntschaft mit Karl Marx gemacht, dieser habe ihm gesagt, die Internationale und seine Partei erkenne keine einzelnen Nationen, nur die Menschheit an. Er habe darauf erwidert, es sei wahr, daß die Nationalität erst ein Moment Zweiten Ranges sei, aber mit diesem an erster Stelle der zweiten Momente stehenden Prinzip habe man doch große Dinge ausgeführt. Darauf habe ihm Marx leidenschaftlich geantwortet: „Lomiuenl voulezvouz <|ue nous ayons du patriotisme, uous, qui depuis Titus n’avons plus de patrie!“ Das sei, meinte Maxime Ducamp, die Ursache der Internationale, die eigentlich den Juden ihre Entstehung verdanke. Er glaubt, daß die Juden nach der Universalherrschast streben, „In nronarelrie juive universelle“. Tie Könige von Frankreich hätten den Grundsatz gehabt, keinen Untertanen zu dulden, der reicher als der König sei. Wenn dies der Fall gewesen, so habe man den reichgoivordenen Untertan aufgehängt und ihm sein Vermögen >veggenommen. Er belegte dies mit Beispielen. So werde es auch die französische Nation machen, die jetzt der Souverän sei. Ter Augenblick werde nicht mehr lange auf sich ivarten lassen: denn die Rothschilds hätten schon sechs Milliarden. Es liest sich ganz eigenartig zwischen biefert auf bie Jnben bezüglichen Einstreuungen, bie keineswegs für eine freundliche Gesinnung sprechen, wieberilin zu erfahreit, baß bei Reichskanzler eines Morgens einen rumänischen Juden empfängt, bei ihm „viel Interessantes" über bie Lage seiner Glaubensgenossen in biesein kulturlosen Laube und die dort sonst herrschenden Zustände erzählt. Fast eine ganze Seite wirb der Jnbenemanzipation (186<>) gewidmet. Hier findet Hohenlohe hohe Gefühlstöne für die Juden nnb erklärt es als eine einfache Forderung der Gerechtigkeit und Zivilisation, daß ihnen die bürgerliche Gleichstellung gewährt werde. Oester wird Kaiserin Augusta im Zusammenhaiig mit dem Antisemitismus erwähnt, ben sie tief verabscheut und tadelt. Auch die Kaiserin Friedrich steht, wie ihr hoher Gemahl, auf diesem Standpunkt. Zieht man nun das Fazit aus den die Juden angehenden Stellen ans dem Memoirenwerk des verstorbenen Fürsten, so begegnen wir einer alten Erscheinung. Wo es den hohen Herrn von Persönlichem Vorteil erscheint, mögen sie den einzelnen Juden schon leiden und lassen seinen Fähigkeiten, soweit sie nützlich sind, Gerechtigkeit widerfahren. Die Gesamtheit ist ihnen verhaßt. Selbst der getaufte Jude bleibt ihnen ein Gegenstand des Abscheus, ja sogar, wie auch in Hohenlohes Buch, noch viel verabscheuenswerter und verächtlicher als der gesinnungstreue, und das dürfte der einzige sympathische Berührungspunkt zwischen uns und den Antisemiten aus hohen Kreisen bleiben. Es berührt ganz eigentümlich, zwischen den vielen weltlichen, die Torheiten der Menschen in beißender Ironie geißelnden, zwischen den vielen die hohe Staatskunst und kleinen diplomatischen Kniffe beleuchtenden Aufzeichnungen unvermittelt aus philosophisch-religiöse Betrachtungen zu stoßen, die manchen großen Gedanken in sieh bergen und den kleinen, boshaft humorvollen Schelm als einen tiefernsten Denker vor unser geistiges Auge rücken. Ein gläubiger Gottsucher, den inmitten aller weltlichen Freuden, auf dem Parkett, an der Tafel, oder aus der Jagd, alle die bitteren Zweifel packen, die die Rätsel des Lebens wachrufen. Der Tod seiner Tochter Stephanie im März 1882 veranlaßt ihn zu einem wehmutsvollen Gedicht und wirkt in den Briefen mit seinen Verwandten und Freunden nach. Seine Briefe an die Prinzessin Elise zu Salm-Horstmar lassen erkennen, wie sehr ihn religiöse und Jenseitsfragen beschäftigen. Und der Mann, der so tiefernst wie nur ein Weltweiser denken konnte, den man über alle Vorurteile des Glaubens .und der Rasse hoch erhaben wähnen sollte, konnte ein ganzes Leben lang nicht zu einer eiuwandsfreien Beurteilung der Inden kommen. Und darin liegt, nach meiner Auffassung, die Lehre seiner Denkwürdigkeiten. Denn obwohl er anerkennt, daß den Juden viel Unrecht geschieht, hat er, solange er Reichskanzler war. auch nicht als Statthalter im Elsaß, auch mit das geringste unternommen, um von diesem Unrecht etwas gut zu machen. In den Regionen, in welchen Hohenlohe lebte, weht ein scharfer antisemitischer Luftzug, und der Höfling ist in ihm denn doch stärker als der voraussetznugslose Philosoph, und das Gefühl für Recht ist nicht das Menschenrecht im Sinne der Humanität, wie ans dem Gesamtinhalt der Denkwürdigkeiten zu erfahren ist. Und darin liegt nicht der geringste Wert derselben. Für nris Juden haben sie noch den Vorzng, das; wir daraus erlernen können, daß wir nicht von Fürstengunst und von Ministerwohlwollen unser gutes Menschen- und Bürgerrecht zu erwarten haben, sondern von unserer eigenen Kraft, im Fortschritt der Sittlichkeit, an dem wir. unentwegt durch alle Anfechtungen, Mitarbeiten müssen. Dann erst, wenn die Scheinkultur der Gegenwart von dem höchsten Kulturfortschritt, der Gerechtigkeit, beseitigt sein wird, wird auch uns endlich unser Menschenrecht ungeschmälert zuteil werden, auch ohne den schändlichen Zwang und den Fluch des Renegatentums. Wir müssen es mit Jhering halten, welcher sagte: „Der Kampf ums Recht ist die Poesie des Charakters." Arberlpsmit. Erzählung nach dem Leben von R. Bürger. II. ^^^as erste Jahr von Doras Aufenthalt neigte sich dem Ende zu, als der Direktor der Handelsschule, dem die äußerst intelligente Schülerin sehr sympathisch war, ihr eine Stellung in einem angesehenen Handelshause anbot. Glückstrahlend eilte sie heim — aber wie ward ihr zu Mute, als Onkel Marcus ihr einen Brief der Mutter gab, in welchem diese um Doras baldige Rückkehr bat. Regina hatte sich mit Dr. Loeb verlobt — die Hochzeit sollte so bald als möglich stattsindeu und man bedurfte Doras Mithilfe bei den Vorbereitungen! Regina verlobt — welch ein Glück für diese und für die Mutter! — Kaum gedachte Dora noch der Bewerbung des Bräutigams um ihre eigene Hand! Aber zurück in die enge Häuslichkeit, in die beschränkten Anschauungen der Ihrigen! Das Glück der Selbständigkeit winkte ihr! Umsonst ihr fleißiges Mühen! Und den Aufenthalt bei dem guten Onkel verlassen,