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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-05-10 · Heft 19 (10.5.1907) · p. Seite 225

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 19 (10.5.1907)
Date
1907-05-10
Page
Seite 225 (sequence 9)
Language
German
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225 lohe wahrscheinlich zum Stadtrat oder Bürgermeister gebracht und die dankbaren Bürger hätten vielleicht sein Bild im Rathaussaal aufgehängt. Ob es bis zu seiner Büste gekommen wäre, ob er sich nicht durch etwaige Unbeliebtheit auch um dieses Denkmal bürgerlicher Anerkennung gebracht haben würde? Vielleicht unterschätzt man dennoch diesen Fürstell in seiner geistigen Bedeutung, wenn inan nicht in feinen Memoiren eine ganz bestimmte Absicht walten lassen will, und er, der Hochadelige, in seinen Niederschriften gerade dem Bürgertum gegen seine Standesgenossen hat zuhilfe kommen wollen. Und wie bürgerlich konnte sich dieser Mann geben, ja fast kleinstädtisch! Es mutet einen förmlich gemütlich an, zu lesen, wie dieser Diplomat, der täglich mehrere Diners und Soupers, dazwischen Matinees, Schauspiele, Opern und Konzerte zu absolvieren hat — der Gesandtendienst scheint dies alles zu erfordern — nach einer Spazierfahrt zuweilen eine alte Freundill, die Gräfin Fontenille, besucht, um so recht bürgerlich mit ihr zu plaudern. Man hört förmlich den Kleinstadtbürger, der, durch die Straßen des Städtchens gehend, einer alten Bekannten zuruft: „Guten Morgen, Frau Nachbarin! Na, was gibt's deurr Neues?" Und die Frau Nachbarin weiß immer etwas Neues; und der Herr hört gespannt zu, was die Dame zu berichten weiß. Und zu Hause angekommen, schreibt dann der Neuigkeitsforscher Hohenlohe über seine Freundin Fontenille ins Notizbuch, daß „diese Dame ihrer Personalkenntnis wegen eine sehr schätzenswerte Bekanntschaft" sei. Der gehässige Ton, den Hohenlohe oft anschlägt, sobald! er voll ben Juden spricht, hat für uns nichts Ueber-! raschendes; das sind wir Juden in Deutschland mehr wie j anderswo von Jugend an gewöhnt, wofür ja spricht, daß wir j in Staunen geraten, wenn lvir aus amerikanischen Berichten! vernehmen, daß ein jüdischer Bürger bei dem Präsidenten der! Republik ohne Förmlichkeiten empfangen lrnd von diesem mit j einem Händedruck nach der Audienz bis zur Tür geleitet wird. I dieweil es hierzulande geradezu als ein großes Ereignis erscheint, wenn ein ullgetaufter Jude einmal von einem gekrönten Haupt empfangen wird. Halteil lvir das Milieu im Auge, in dem der Fürst heran gewachsen, in dem er sich zeitj lebens bewegt hat, llnd vergesseil wir nicht den eillgebornen j und in adeligen Kreisen von jeher traditionell gebliebenen! Judenhaß, so werden wir seine Aeußerungen über die Juden! nicht so tragisch nehmen. Dürfen wir doch auch andererseits j nicht übersehen, wie schonungslos der ehemalige Reichskanzler! sich über seine Standesgenossen in seinen Memoiren aus-! spricht, rvie respektlos er von den hohen Herrschaften, mit denen s er speist, spazieren und auf die Jagd geht, in den Boudoirs; sich „harmlos" unterhält, oder, wenn „alles beduselt ist", mit sarkastischem Lächeln nach Hause geleitet, im Theater ihre erj klecklich vielen Fehler aushorcht und dann mit dem Behagen! .eines den haut-gout liebenden Feinschmeckers, ihre Niederträchtigkeitell wie ihre Lächerlichkeiten fein säuberlich in sein j Tagebuch einschreibt. Und diese adelige und gefürstete Uml gebnng bot ihm Memoirenstoff für zwei dicke Bände! Und j wie die Juden darin ausgezeichnet sind, sei hier nun wieder- ' gegeben. -! Seite 98, Bd. 1, heißt es in seinen Aufzeichnungen: j Am 15. Oktober waren militärische Uebungen auf dem Exerzierplatz bei Wilna. Die Uebungen der Infanterie waren schon vorüber als ich ankam. Sehr komisch war es, als eine Batterie gegen die Zuschauer angeritten kam, abprotzte und feuerte. Das aus Juden bestehende Publikum schrie „au weih!" Die überall aufgestellten Arbeiter begrüßten den Kaiser mit Hurrarufen. Eigentümlich war in Wilna das Hurra der Juden, das ganz dem Blöken der Schafe glich. Daß sie trotz ihrer lohalen Demonstrationen von der Polizei vielfach gestoßen und geprügelt wurden, versteht sich um so mehr, als ich nie ein unverschämteres Publikum gesehen habe, als diese polnischen Juden, die sich überall wie wilde Tiere hinstürzen, auch wo sie gar nicht hingehören. Seite 15. Es gibt philosophische Svzialpolitiker, die uns das Wort entgegenhalten werdet:: die Deutschen sind ein Kulturvolk, weniger berufen zur äußeren Geschichte der Welt, als zur Pflege der geistigen Entwicklung und zur Lösung der großen Fragen der Menschheit. Wer sich damit tröstet, dein wünschen wir die Resignation der Juden. Denn auch die Juden waren ein Kulturvolk. Zu dieser Resignation haben lvir es noch nicht gebracht. Wir glauben, das: das deutsche Volk noch nicht so tief gesunken ist, nur sich mit den: Bewußtsein, ein Kulturvolk zu heißen, über seine politische Machtlosigkeit zu trösten. Freitag, den 21. August (1862). (Frankfurt.) Heute morgen in den Abgeordnetentag, der in einem schönen Saale des sogenannten Saalbaues abgehalten lvird. Schultze-Delitsch hielt eine sehr schöne Rede, die aber besser für eine Volksversammlung gepaßt hätte. Einige andere Redner waren unter aller Kritik widerwärtig, so ein deklamierender Jude Fischer ans Breslau, ein Herr Becker und einige andere Unbekannte. Irr höchst bezeichnender, lakonischer Kürze, als handle es sich um ein angekündigtes Volksfest, schreibt Hohenlohe am 16. Juni 1866 in München in sein Buch: München, ben 16. Juni 1866. Heute abend ist, wie Staussenberg erzählt, hier Judenkrawall angejagt. Seite 120, Band II, erzählt der Fürst, da er nach Paris gehen soll, von einer Unterredung mit denn Journalisten Landsberg (?), in deren Verlauf er sagt: „Die Juden sind avertiert, daß ich ihr Feind sei . . . was Landsberg bestritten hat." Bei einem philosophischen Gedankengang mit Rudolf Lindau über Spinoza sagte Lindau: „Damit kommen wir zum Jehova der Juden", worauf der Fürst entgegnet: „Warum nicht?" Seite 264. Ich habe anderthalb Stunden bei Bleichröder gesessen und hörte seine talmudische Weisheit au . . . Was mir bei dem ganzen Gespräch unangenehm war, ist, daß Bleichröder doch Einfluß in handelspolitische Fragen bei Bismarck zu haben scheint. Er tnl, als wenn er mitregierte, trotz seiner demütigen Versicherungen. . . . Mir scheint, als ob die eigennützige, jüdische Handelspolitik Bleichröders an dem Sturze Delbrücks und an manchen nnreisen Finanz' Projekten der neueren Zeit schuld wäre. Seite 266. Salisbury, der mir bei Tisch gegenüberjaß, hat einen merkwürdigen Kopf, hohe Stirn, regelmäßige Züge, langes Haar, Vollbart, und dabei den Ausdruck des Gedrücktseins. BeaevM'- field mißfällt niir stets mehr; ein scheußliches Judengesicht . . . Seite 667. Heute um 11 Uhr war ich beim. Kaiser . . . Wir kamen dann auf die Judenfrage. Ter Kaiser billigt nicht das Treiben des Hofpredigers Stöcker, aber er meint, daß die Sache sich im Sande verlaufen werde und hält den Spektakel für nützlich, um die Juden etwas bescheidener zu machen. Seite 368. Paris, 5. Dezember 1880. Heute früh besuchte mid) Gambetta . . . Beim Weggehen erwähnte Gambetta die bevorstehenden Wahlen in Deutschland und meinte: Tic Fortschrittspartei hat sich dlirch ihre Haltung in der Judenfrage bei den unteren Volksklassen geschadet, denn diese haßten die Juden, er wisse das aus den: Elsaß. Seite 332. Den 16. Dezember 1882. Heute bei Hirsch auf der Jagd im Park von Versailles. Ich fuhr mit N. Potocki, Hirsch mit dem Due de Penthievre und dem Herzog von Ko bürg. Ein rechtes Zeichen der Zeit: der Enkel Louis Philipps jagt bei den: deutschen Juden Hirsch in Versailles! Es regnete, als wir hinausfnhren. Dann wurde es gut, und die Jagd war sehr unterhaltend. Als Statthalter in Elsaß-Lothringen (seiner ersten Reise durchs Land) schreibt Hohenlohe am 5. Juni 1886 von seinem Empfang in der Stadt itub seinem Besuche der katholischen und protestantischen Kirche: „Zuletzt fllhreu wir nach

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