Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-05-10 · Heft 19 (10.5.1907) · p. Seite 224

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 19 (10.5.1907)
Date
1907-05-10
Page
Seite 224 (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3224737-3228744-3228764--63509-3297411
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

224 Königen und Staatsmännern einem wohlüberlegten Plan entsprangen, schon richtig sein. Es ist aber hier nicht der Ort zu erörtern, ob — was ja auch von ernsten Männern vielfach behauptet worden — der im Leben so hochstehende Memoirenschreiber nur beabsichtigt habe, der Kulturwelt zu zeigen, mit wie wenig Verstand die Welt regiert, der Völkerfriede, oft nur an einem Haar hängend, von der gereizten Stimmung einiger Machthaber, zuweilen, und nicht einmal gar so selten, von dem Ehrgeiz einiger hohen Militärs oder Diplomaten, durch Eifersüchteleien und weibliche Intrigen ins Wanken gebracht werden kann. Auch die gleichfalls von maßgebenden Kreisen geäußerte Ansicht, der Kanzler habe zeigen wollen, daß die Monarchen von oft sonst ganz unbedeutenden aber böswilligen Menschen umgeben und belogen würden, die alle guten Absichten der Fürsten vereitelten, ist für die nachfolgenden Auszüge ziemlich irrelevant. Wir wollen uns nur noch erinnern, daß es ziemlich lange dauerte, bis sich die Wogen der Erregung, die die beiden umfangreichen Memoirenbände hervorriefen, allgemach glätteten und die am schwersten betroffenen Kreise ihre Fassung so weit wiedergewonnen hatten, um mit erkünsteltem Gleichmut zu versichern, die Bücher enthielten weiter nichts als den boshaften Klatsch eines alten, bereits halb kindisch gewesenen Greises. Wir müffen aber davon Notiz nehmen, um den toten Hohenlohe, wo er oft so lieblos von den Juden spricht, nicht allzu einseitig zu beurteilen. Heute nun, nachdem alle politischen Zeitschriften des Jn- und Auslandes je nach ihrem unabhängigen oder vordiktierten und bezahlten Standpunkt aus ihr Parere über Hohenlohes politischen Nachlaß abgegeben haben, dürfte es auch für eine jüdische Zeitschrift angebracht sein, eine die Juden interessierende Nachlese zu halten, wobei es ja auch von diesem Standpunkt aus uns ganz gleichgültig sein kann, wieviele arische Halbgötter und teutonische ganze Götzen das kleine Männchen mit dem messerscharfen Verstand und den hellblickenden Augen so unbarmherzig von ihrem Sockel herabgestürzt und ramponiert hat, daß sie schier nie mehr zu reparieren wären, wenn die Menschen nicht so vergeßlich sein würden. Kaum eine von allen diesen von dem fürstlichen Autor in den richtigen Sehwinkel des Volkes gerückten Nationalgrößen hat anders als feindselig oder ablehnend dem Judentum gegenüber gestanden; viele von Nationalstolz ihrer Zeitgenossen getragen gewesenen Vergangenheitsgrößen, denen das Judentum nur Wunden zu verdanken hat, erscheinen im Lichte Hohenlohescher Darstellung so menschlich, nur allzu menschlich und daher so wenig groß, daß man sich nur darüber wundern könnte, wie wenig Geist dazu gehört, um andern zu schaden. Erst nachdem der Verfasser dieser Zeilen nach mehreren Monaten nochmals das Buch durchblickt hatte, wollte er dem jüdischen Publikum einmal zeigen, wie man in hohen Regionen über Juden und Judentum urteilt; wie selbst ein über seine Standesgenossen ethisch und mehr noch geistig hoch hinausragender und teilweise vom Antisemitismus emanzipierter, dabei überaus kluger Beobachter sich niemals zu einem völlig vorurteilslosen Standpunkt den Juden gegenüber aufzuschwingen vermag. Die Psyche dieser hohen Herren wird sofort von einem Nebel umschleiert, sobald nur ein Jude oder Judenabkömmling in ihr Gesichtsfeld tritt. Dann aber auch mußte es dem Verfasser als eine publizistische Pflicht erscheinen, dem jüdischen Leser zu zeigen, wie wenig wir von der wahren Stimmung, die gegen die Juden bei den Regierenden herrscht, unterrichtet sind. Schon um den Fürsten Hohenlohe nicht einseitig einzu schätzen, etwa nach seinem Urteil über die Juden allein, muß man ihn von dem Gesamteindruck aus, den seine Memoiren hinterlassen, zu verstehen suchen. Dann wird man auch milder über seine Ausdrücke über die Juden denken lernen und eben deshalb soll dieser Eindruck zunächst in einem allgemeinen Resümee vorausgeschickt werden. Für den allem politischem Parteigetriebe fernstehendein leidenschaftslos und ruhig wägenden Leser steht jedenfalls fest daß der Verfasser dieses Memoirenwerkes kein Alltagsmensvl gewesen ist. Obzwar kein phänomenaler Geist, der unbedingt andere unter sich zwingt; auch kein Genie, das uns, bewuß oder unbewußt, Bewunderung abnötigt. Aber auch kein hoch ragender Edelmensch, der, nach einem an Jahren und reiche» Erfahrungen durchsättigten Leben, von der hohen Warte de. Weltweisen herab, mit der Milde des Allesverstehens und Allesverzeihens, still lächelnd, die Torheiten des Lebens ai seinen geklärten Blicken vorübergleiten läßt — ohne Bitterkeit und ohne Zorn über die die Welt regierende Dummheit und Bosheit. Nein, ein solcher Mensch ist der Memoiren niederschreibende Hohenlohe nicht gewesen. Und doch steckte in ihiu ein beträchtliches Teil von einem Philosophen, daher auch einem Satyriker, etwas von einem Demokritos. Sagte er doch auch, daß ihm gelehrt worden sei, über die Torheiten und Schlechtigkeiten der Welt weder zu lachen, noch jtt weinen man solle beides zu verstehen suchen. Und von sich selber spricht er wie folgt: „Was für ein ganz anderer Mensch wäre ich vielleicht geworden wäre ich ohne strenge hofmeisterliche Leitung, vielleicht von meine» sechszehnten Jahre ab, geblieben. Manche Torheit hätte ich begangen vielleicht wäre ich untergegangen. Allein mir scheint, ohne daß ici den Verhältnissen zürnen will, daß ich besser geworden wäre. Einer von Natur ruhigen, träumerischen, tatschwacheu Seele ist die Aus regung des Selbsthandelns, des nicht bloß Geschehenlassens durchaunotwendig, wenn sie wirklich zu etwas gelangen will. Ich bin, vor Natur passiv, durch diese ewige Bevormundung zu einer großen Aus bildnng innerer Beschaulichkeit, die ich nicht einmal Philosoph» nennen kann, gelangt, ohne daß mein Charakter die geringste Festigkeit erlangt hätte." Eine so bescheidene Selbstkritik verdient jedenfalls um sc mehr Anerkennung, als sie in diesen Kreisen nur selten ist und gewiß nicht als das Resultat einer prinzlichen Erziehung vo» dazumal gelten kann. Und der Fürst hat sich ziemlich richtig eingeschätzt. Er stand nicht auf der einsamen Höhe der Geistesheroen; er war kein Dichter, obgleich er manche hübsche Verse geschrieben, kein Philosoph, wenn er auch häufig philo sophierte; zum hohen Fluge in die Sonnennähe der Idealwelt fehlten ihm die starken Schwingen des Adlers. Und wenn er schon einmal die Fittiche regt, so bleibt es nur ein ikarischer Ausflug; man wird bald inne, daß er nur wächserne Flügel hat, daß er kein Adler ist, der hoch oben in den Lüsten schwebt ~ vielleicht ein Sperber.* Möglich, daß Hohenlohe ein große: Diplomat war, was übrigens für unsere Darlegung nicht ii Betracht komnit. Alles in allem bleibt, wenn man dem Toten gerecht werden will, ein Mensch übrig, dem die Natur eine große Fülle geistiger Fähigkeiten und auch menschlich guter Eigenschaften verliehen hatte; nie hinabsteigend bis ins Gemeine aber auch nie sich hinaufschwingeud zu den Wolken, zum lieber Menschen. Wäre dieser Mann nicht im Schlosse und nicht al Fürst geboren worden, und hätte ihn der Geburtsadel nich Prädestiniert, mit den Lenkern der Völkerschicksale Arm in Arn durch sein Jahrhundert zu schreiten, so hätten seine Memoire» niemals die Kulturwelt in Erregung versetzt und er hätte nich: vermocht, das Ansehen seiner Standesgenossen in den Auge» der Welt herabzumindern. Als Bürgerlicher hätte es Hohen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.