Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 19 (10.5.1907)
- Date
- 1907-05-10
- Page
- Seite 223 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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223 ©rirf sus Wellkslen. üngst las ich wieder einmal nachsteheilde Legende, die vielen meiner Landsleute unbekannt sein dürfte, weshalb ich sie hier vollständig wiedergebe: Einst, als der Satan einmal vor den Herrn trat, fragte hn der Herr, woher er käme. Satan antwortete, er habe sich uif der Erde umher getrieben. Sprach wiederum der Herr: Hast du auch das Westfalenvolk gesehen, das harte, unekehrbare und allen Gläubigen so lästige?" Und -atan: „Ei, ja wohl Hab' ich es gesehen; wenn du eS aber uir gäbest, dann sollte es dir nicht mehr zur Last fallen!" Nuir, ich geb' es dir, doch unter der Bedingung, daß du es urs der Welt hinaus schaffest." Da ging Satan vergnügt und roh hinweg und richtete einen großen Sack her, in den er >lle Westfalen steckte und dann in die Luft flog, um dieselben ms der Welt fortzufchaffen. Als aber diesen die Sache verdächtig vorkam, begannen sie zu knurren und bereiteten ihrem träger so viel Last, daß er vor Müdigkeit aus einem Berge en Sack niedersetzen mußte. Kaum fühlten dieselben sich nieder auf festem Boden, als sie alsbald den Sack zerrissen nid davon slvheir, daß keiner seines Nächsten mehr gedachte, nid so ist es gekommen, daß sie in alle Welt zerstreut wurden, tls aber Satan wieder zum Herrn kam, machte dieser ihm Vorwürfe und sprach: „Nun, was hast du tun wollen? Ich mtte dir die Westfalen gegeben, damit du sie aus der Welt ortschaffen solltest und du hast sie im Gegenteil über die ,anze Welt zerstreut!" Jener aber sprach: „Halt es mir ugute, Herr! Du kennst ja das Volk, wie hartnäckig cs ist; oeder auf mich, noch auf dich wollen sie hören. Siehe, ch gebe sie zurück in deine Hände; mache mit ihnen, was dir (iit dünkt!" So weit jene Sage, deren Verfasser unbekannt sein wird; oelleicht stammt sie von einem mittelalterlichen Mönche (Werner Kvlevink, geb. 1425?); ebenso könnte aber auch der Verfasser 'er jüdischen Gemeinschaft angehört haben, der damit seine 'der unsere Glaubensgenossen geißeln wollte; denn wie ich's christelt, so jüdelt sich's, damals so wie heute. Insere Provinz hat nicht nur den Kampf zwischen jüdischem Kberalismus und jüdischer Orthodoxie auszukämpfen, sondern >uch den von der anderen Fakultät. Siehe „Fall Cösar!" Da schreibt einer der Führer des Freisinns: Was hat um diese i,Gemeinde)-Vertretung geleistet? Sie baut Kirche nid Pfarrhaus und zu gleicher Zeit drei Gemeindehäuser, teilt mit einem Male drei neue Pfarrer an, sorgt für kleine llsarrbezirke, verlangt von der Gemeinde etwa eine Million ür kirchliche Bauten innerhalb zwei bis drei Jahren, und 'och wirkt sie nach der Ansicht des „Reichsboten" - kirchenverwüstend! Sie stellt einen Jugendpfleger ui, sie gibt ihren Schwestern, wss sie wünschen, sie niterstützt alle möglichen Anstalten; kein Pfarrer hat umsonst ür kirchliche Zwecke gebeten, und trotzdem wirkt diese Gemeindevertretung nach Ansicht des „Reichsboten" und seiner Inhänger — kirchenverwüstend. JhrePfarrer, von denen ich nur zwei unter neun als „positive" den anderen in allen ttlndgebnngen gegenüber stellen, versehen ihren Dienst gleichmäßig, halten Bibelstunden und Gottesdienste, der eine wie er andere, die Kirchen sind gut besucht, die Abendmahlsziffer leibt sich gleich, und trotzdem wirkt die Gemeindevertretung - kirchenverwüstend. Die Shuodalprotokolle undKirchenisitationen haben anerkannt, daß die Gemeinde ihren kirchichen Verpflichtungen mit Ernst Nachkomme, und trotzdem wirkt die liberale Gemeindevertretung — kirchenverivüftend! Man faßt sich an den Kopf und fragt: Wie kommt das? Ach! Wir haben eins vergessen. Das ist ja alles „Werkgerechtigkeit", weil es von Liberalen ausgeht. Das wäre freilich gut, das wäre freilich christlich und kirchlich, sobald es von Rechtgläubigen geschehen würde. Aber so? Nein, das darf lticht anerkannt werden usw. Nicht währ c'est tout corame cliez liüiis? Wo hatte ich doch ähnliche Verteidigungsworte gelesen? Richtig; es war vor genau zehn Jahren: „Der westfälische Gemeindeverband und seine Gegner", von Dr. F. Eobleuz. Glücklicherweise sind in den letzten Jahren in dieser Beziehung doch ruhigere Verhältnisse eiugetreten, die Fehde scheint ein Ende zu haben. Jede Gemeinde hat nach ihrer Fasson sich dem liberalen Verband der Synagogengemeinden oder dem Verein zur Wahrung der religiösen Interessen, oder keinem von beiden angeschlossen. Uebrigens scheint die ad 2 genannte orthodoxe Vereinigung nur im stilleit zu wirken; in allen Wipfeln spürest du kaum einen Hauch; die kleinen Gemeinden des flachen Münsterlandes sind ihr eigentliches Arbeitsfeld gewesen. Ob hier wirklich nichts mehr zu holen und zu retten ist? Ich glaube, ich kann weiter mit Goethe zitieren: „Warte nur, balde ruhest auch Du!" Jedenfalls — um noch einmal auf den Fall Cesar zurückznkommen - jüdelt sich's in Westfalen nicht ganz so, wie sich's christelt, denn dort blieb orthodox Trumpf! . . . u. Die Juden in Hohenlohes Memoiren. Von Dr. Arthur Kahn. twa ein halbes Jahr mag es her sein, daß das Erscheinen eines umfangreichen Doppelbandes „Denkwürdigkeiten", aus der Feder des ehemaligen Reichskanzlers, des Fürsten Chlodwig zu Hohenlohe-Schillingsfürst, in der ganzen Kultur- »velt großes Aufsehen erregte. Sie erschienen allerdings auch gerade zu einer für Sensationen sehr günstigen Zeit. Die politische Lesewelt drohte schon von großer Langeweile befallen zu werden; die Fleischteuerung, die Algeeiraslind Kolonialdebatten im Reichstag, die Revolution in Rußland, die Berufung des Urenkels eines weiland jüdischen Vvrbeters und Lehrers in Oberhessen in eine hohe Staatsstellung verloren bereits stark an Interesse. Da, ohne daß die sonst üblichen Ankündigungen in der Presse vorausgegangen wären, erschien ein verblüffendes Werk, von einem Manne versaßt, der sein ganzes langes Leben hindurch mit den Mächtigsteil der Erde verkehrt, an Fürstenthronen gestanden und selbst mit denen zusammen > gearbeitet hatte, die über die Schicksale der Völker und Reiche, über Krieg und Frieden mitbestimmen. Der Eindruck, den das seiner ganzen Fassling und dem Inhalt nach fast einzig dastehende Buch auf die bürgerliche», adeligeil lind hochadeligen Kreise, auf die Presse und die Diplomatie des In- und Auslandes gemacht hat, ist gerade jetzt wieder lebendig gewordeil. Vergeblich frug man sich, worauf es denn bei der Publikation hauptsächlich dem Verfasser — wenn es von ihm gewollt war — den Erben oder sonst nahestehenden Personen angekomulen sei. Einen buchhündlerischen, d. h. einen finanziellen Erfolg brauchten die Erben des ehemaligen Reichskanzlers Wohl nicht ins Auge zu fassen; sie sind, wie wohl bekannt, rechts gut gestellt und llicht, gleich den Hinterbliebenen so mancher Schriftsteller, auf den Erlös des Werkes angewiesen. Da mag denn die Verinutung, daß die Veröffentlichung der von dem fürstlichen Verfasser ein langes Leben hindnrch gesammelten Erlebilisse unter Kaisern.