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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-05-10 · Heft 19 (10.5.1907) · p. Seite 221

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 19 (10.5.1907)
Date
1907-05-10
Page
Seite 221 (sequence 5)
Language
German
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221 Männern zu erziehen. Ich antwortete, daß ich ihnen, wie ich es stets tue, die Pflichten der innigen Liebe und Treue zu Staat und Vaterland ans Herz legen wurde. Das sei jüdisches Gebot. Die spezielle Aufgabe der Verbreitung deutschnationaler Gesinnung aber sei höchstens Sache des Geschichtslehrers." Ich brauche Sie, meine Herren, nicht zu erinnern, welchen Kampf nur gegen die durch und durch antisemitische Anschauung zu führen haben, daß der jüdische Lehrer allein Religionsunterricht erteilen dürfe, daß er aber zum Unterricht in andern Fächern, insbesondere in der Geschichte und im Deutschen, nicht befähigt sei. Herr Dr. Cohn hat sich mit seiner Aeußerung auf den gleichen Standpunkt gestellt, der die jüdischen Lehrer von der Anstellung fast völlig ausschließt. Das sind die Anschauungen, die Herr Dr. Cohn in seiner Schrift bei seiner Berufung an die Oeffentlichkeit vertritt. Durch die angeführten Tatsachen ist die Angelegenheit wohl genügend klar gestellt. Und nun noch einige möglichst kurze Bemerkungen. Es ist uns ein Mangel an Toleranz vorgeworfen worden. Es ist gesagt worden, wir, diewirsonstbei Vorgängen innerhalb anderer Religionsgesellschaften als Verfechter der Freiheit und Duldsamkeit auftreten, wir hätten selbst einen Akt der höchsten Intoleranz begangen. Meine Herren, wir haben kein Recht, uns in die Angelegenheiten anderer Religionsgesellschaften zu mischen, aber ich möchte eines hier sagen: Bei allen jenen Vorfällen in anderen Religionsgesellschaften, die inan uns vorhält, handelt es sich um Konflikte zwischen einer oberen Behörde und den Gemeinden. Es handelt sich darum, ob eine Gemeinde einen von ihr gewählten oder angestellten Geistlichen, den sie gern haben oder behalten will, erhalten oder behalten darf oder nicht. Mit diesen Fällen hat unser Fall auch nicht die geringste Aehnlichkeit. Hier handelt es sich darum, daß die Gemeinde beziehungsweise ihre geordnete Vertretung selbst einen Prediger, der ihre Anschauung nicht teilt, nicht haben will- Es wäre umgekehrt ein Akt höchster Intoleranz, wenn man der Gemeinde einen solchen Prediger anfzwingen wollte. Und noch eines! In unserer Gemeinde ist Platz für alle Anschauungen auf dem Boden des Judentums. Wir haben Raum für alle, von der äußersten Rechten bis zur äußersten Linken. Was aber hier geschehen ist, liegt absolut nicht auf dem Gebiete der religiösen Anschauungen. Das ist etwas, was mit der Religion und den Aufgaben unserer Gemeinde nicht das geringste zu tun hat. Aber es ist ein Vorgang, der an den Grund-! tagen unserer Existenz rüttelt. Und zu einem solchen Vorgänge zu schweigen, das wäre nicht ein Akt der Toleranz, sondern eine numannliche, sträfliche Schwäche. Ein zweites, meine Herren! Herr Dr. Cohn und seine Freunde tun sich etwas daraus zugute, daß Herr Dr. Cohn der Teilnahme jüdischer Kinder am christlichen Religionsunterricht, der Taufe ohne innere Ueberzeugung entgegengetreten sei. Wir lehnen es ab, darüber noch besondere Erklärungen abzugeben. Mir würden glauben, uns selbst herabzusetzen, wenn wir es für notwendig halten würden, erst uo ^Versicherungen darüber abzugeben, daß wir die Taufe verwerfen, daß wir an den jüdischen Kindern im christlichen Religionsunterricht keinen Gefallen finden, lieber das Selbstverständliche braucht man keine Erklärungen abzugeben. Und zum Schluß noch eines! Sie lverden mir bezeugen können, daß ich in allen Verhandlungen, die in dieser Sache stattgefunden haben, die deutsche zionistische Partei stets gegen Dr. Cohn in Schutz genommen habe. Sie wissen alle, daß die Vertretung der Berliner jüdischen Gemeinde im schärfsten Gegensatz zum Zionismus steht. Wir haben aber keine Veranlassung, an der Aufrichtigkeit der Erklärungen der deutschen Zionisten zu zweifeln. Deshalb habe ich es bestritten und werde es bestreiten, bis mir von autoritativer Seite widersprochen wird, daß die Anschauungen des Herrn Dr. Cohn mit den Anschauungen der deutschen zionistischen Partei übereinstimmen. Nie und nimmer haben die deutschen Zionisten erklärt, daß ihre Anhänglichkeit an das Vaterland erst in zweiter Reihe kommt, daß sie sich erst in zweiter Reihe als Deutsche fühlen; sie haben allezeit die entgegengesetzte Erklärung abgegeben. Das hier festzustetten, halte ich für ein Gebot der Gerechtigkeit. Und nun wollen wir die Verteidigung des Herrn Tr. Emil Cohn ruhig der „Staatsbürgerzeitung" — hat doch Herr Dr. Emil Cohn einem Mitglieds der Versammlung gegenüber behauptet, seine Angelegenheit werde noch bis in die Nedaktionsftnbe der „Staatsbürgerzeitung" gebracht werden, und Sie wissen, sie ist bis dahin gebracht worden — ich meine, wir wollen die Verteidigung des Herrn Dr. Cohn ruhig der „Staatsbürgerzeitung" und deren Gesinnungsgenossen überlassen, von deren Standpunkt aus er allein verteidigt werden kann. Wir, die Vertreter der Berliner Gemeinde, leben der festen Ueberzeugung, daß wir sowohl bei dieser Gelegenheit, wie überall im Kampfe gegen diejenigen, welche die Ehrlichkeit unserer Gesinnung anzweifeln und uns zu Deutschen zweiter Klasse stempeln wollen, daß wir in diesem Kampfe alle Mitglieder unserer Gemeinde, alle deutschen Juden, welcher politischen Partei, welcher religiösen Richtung sie immer angehören mögen, mögen sie Zionisten sein oder nicht, ail unserer Seite finden lverden!" Die vorstehenden Ausführungen des Gemeindesyndikus fanden den lebhaften Beifall der ganzen Versammlung, so daß eine Disknssion nicht mehr stattfand. Nach diesen Darlegungen wird jeder unbefangen Denkende das richtige Urteil über diese Allgelegenheit sich selbst zu bilden in der Lage sein. Sit Woche. Berlin, 7. Mai. ine Entscheidung von prinzipieller Bedeutung hat der Zentralverein Deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens auf zwei Eingaben an den Minister des Innern erhalten. Dieselbe betrifft die skandalösen Zustände in Borkum, die schon oft Gegenstand der Erörterung gewesen, und hat folgenden Wortlaut: Berlin, den 20. April 1907. Der Minister des Innern. I. b. 4025. Dem Zentral-Verein Deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens teile ich auf die Eingaben vom 21. Mai v. I. und 27. Dezember v. I. ergebenst mit, daß die Behörden in Borkum etwaigen Aus- I schreitungen gegen jüdische Besucher des Bades entschieden entgegenl treten. So sind auch in dem zur Sprache gebrachten Falle des Bilderhändlers Sander mehrere Personen, die sich an den tumultarischen Austritte» beteiligt hatten, der Amtsanwaltschast in Emden zur Bestrafung angezeigt worden. Das gegen sie eingeleitete Strafverfahren schwebt zurzeit noch in der Berufungsinstanz. gez. v. Beth mann-Holl weg. Bon dein Allsfall dieses Strafverfahrens, das gerade jetzt, im Beginn der Reisezeit, von Wichtigkeit ist, werden wir seinerzeit nicht verfehlen, unseren Lesern Knude zu geben. Böse Beispiele verderben gute Sitten! Das zeigt sich wieder einmal recht deutlich in einem Falle, dem wir unbedingt einmal näher treten müssen. Wiederholt hatten wir Veranlassung, das Treiben der „Petersburger Telegraphen-Agentur" zu beleuchten, die mit einer einer besseren Sache würdigen Konsequenz bei jedem russischen Revolutionär, der ein Jude war, dessen Glaubensbekenntnis angegeben hat. Daß darin eine bestimmte Absicht lag, konnte jeder wissen, der russische Verhältnisse genaller kennt. Es sollte dem Allslande eben Plausibel gemacht lverden, ivelch großen Anteil die Juden an der rllssischen Revolution haben. Daß aber liberale deutsche Blätter aus purer Gedankenlosigkeit diese Depeschen so abgedruckt haben, wie sie uns der Draht übermittelte, mußten wir lebhaft beklagen und haben wir auch oft — leider ohne jeden Erfolg — gerügt. Die Methode der „Petersburger Telegraphen-Agentur" hat nun auch in Deutschland Schule gemacht, wie das folgende Telegramm beweist, das das „Wolffsche Telegraphen-

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