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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-05-10 · Heft 19 (10.5.1907) · p. Seite 220

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 19 (10.5.1907)
Date
1907-05-10
Page
Seite 220 (sequence 4)
Language
German
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220 und die Repräsentantenversammlung haben sodann, nachdem ihnen das gesamte Material unterbreitet worden war, nach eingehender Beratung ihre Beschlüsse gefaßt. Wenn eine solche Sache in drei Monaten erledigt wird, so kann man auf der anderen Seite nicht von einer Verschleppung der Angelegenheit sprechen. Das Verfahren ist, wie ich glaube, ein in jeder Beziehung korrektes gewesen. Wir haben dann, nachdem festgestellt worden war, das; nach der übereinstimmenden Meinung aller Herr Dr. Cohn nicht weiter als Prediger der Gemeinde fungieren kann, den Versuch gemacht, die Sache in der für Herrn Dr. Cohn mildesten Form zum Austrag zu bringen. Sie haben, meine Herren, gehört, daß Herr Dr. Cohn alles abgelehnt hat und die Entscheidung der Gemeindebehörden abwarten wollte. Auch dann haben wir noch die mildeste Form gewählt, die möglich war, indem wir ihn nicht seines Amtes entsetzt haben, sondern, indem wir nur aus seine weitere Tätigkeit Verzicht leisteten, so daß wir ihm — ich kann sagen leider — ermöglicht haben, sich noch jetzt ans seiner Broschüre als „Prediger der jüdischen Gemeinde zu Berlin" zu bezeichnen. Meine Herren, ich komme nunmehr zu ben Erwägungen, die zu der Beschlußfassung der Gemeindebehörden geführt haben. Herr Dr. Cohn war neun Monate Prediger in unserer Gemeinde. In diesen dreiviertel Jahren hat er sich drei schwerer Verfehlungen schuldig gemacht. Er hat im Falk-Realgymnasium in derselben Zeit, in der er uns die Erklärung abgegeben, er sühle sich verletzt durch die Annahme, daß ein solcher Mißbrauch der Kanzel oder des Lehramts durch ihn möglich sei, den Schülern, Kindern im Alter bis zu 16 Jahren, im Religionsunterricht die, wie er sagt, wissenschaftliche und wirtschaftliche Bedeutung des Zionismus auseinandergesetzt. Zweierlei ist hier möglich. Entweder hat er bei seiner Erklärung sich die reservatio mentalis gemacht, die Behandlung der wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Bedeutung des Zionismus durch ihn sei keine Förderung des Zionismus, oder es fehlte ihm an der nötigen Urteilsfähigkeit. Die Tatsache selbst steht fest, daß er zur Zeit der feierlichen Erklärung vor den Schülern des Falk-Realgymnasiums den Zionismus behandelt hat mit dem Erfolg, den ich Ihnen vorhin geschildert habe. Nach einem weiteren Vierteljahre ereignete sich der zweite Fall, indem Herr Dr. Cohn seiner ausdrücklichen Erklärung entgegen eine Rede in einer öffentlichen zionistischen Versammlung hielt, und, was viel gravierender ist, daß er, ein Prediger, dem Gemeindevorstand gegenüber ableugnete, daß ihm von den früher erwähnten Voraussetzungen seiner Anstellung etwas mitgeteilt morden sei. Wir kommen zu dem dritten und schwersten Vorfall, der zu unserer Beschlußfassung geführt hat. Die Gemeindebehörden haben bei Beurteilung dieses Vorfalls Herrn Dr. Cohn durchaus nicht auf den Wortlaut der Aufzeichnungen des Direktors fest ge legt. Sie haben sehr wohl in Erwägung gezogen, daß Herr Dr. Przygode früher sein Lehrer gewesen ist, daß Herr Dr. Cohn sich längere Zeit mit ihm unterhalten hat. Aber, meine Herren, alles das kann an den feststehenden Tatsachen nichts ändern. An der Spitze der Erklärung des Herrn Dr. Cohn — das ist dos schwerwiegendste bei der Beurteilung der Sache — steht der Satz: „Nach meiner Ueberzeuguug muß jeder Jude sich zunächst als Angehöriger des auserwählten Volkes Gottes und dann erst als Deutscher fühlen." Ich erkläre hier ausdrücklich, daß Herr Dr. Cohn diesen Satz und diese seine Anschauung niemals bestritten hat, daß er vielmehr seiner höchsten Verwunderung darüber Ausdruck gab, daß wir anderer Ansicht sind. Er hat diese Aeußerung auch jetzt nicht bestritten, er hat sich nur wohlweislich in seiner Schrift darüber ausgeschwiegen. Dem widerspricht nicht, daß Dr. Cohn an leitender Stelle seiner Schrift sagt, er halte sich für einen vorzüglichen deutschen Staatsbürger, er liebe die deutsche Kultur über alles und wolle Schiller und Goethe nicht in sich ausstreichen. Das ist einmal ein Widerspruch in sich, und Goethe und Schiller gehören der Weltliteratur an, und wir alle wollen auch Shakespeare nicht in uns ausstreichen, ohne damit zu erklären, daß wir vorzügliche englische Staatsbürger seien. Derartige Redewendungen können den Satz nicht aus der Welt schaffen, den Herr Dr. Cohn als seine Grundanschauung an die Spitze seiner Ausführungen gestellt hat. Es ist ein Streit um Worte, ob man das Gespräch mit dem Direktor Przygode als Privatgespräch bezeichnen will oder nicht. Das wesentliche ist. daß Herr Dr. Cohn hingegangen ist, um sich als Prediger der Berliner jüdischen Gemeinde uni eine Religionslehrerstelle zu bewerben. Der Direktor hat ihn bei dieser Gelegenheit nach seiner Stellung zum Religionsunterricht gefragt. Ob man übrigens ein solches Gespräch als ein Privatgespräch bezeichnen kann, stelle ich, meine Herren, Ihrem Urteil anheim. Nun zur Sache selbst. Wir kennen kein Rangverhältnis zwischen unserer Religion und unserem Vaterlande. Wir fragen nicht, was kommt an erster Stelle und was an zweiter Stelle. Wir umfangen mit gleicher Liebe und Treue unsere Religion, unser Judentum, zu dem wir uns allezeit mit Stolz bekennen und an dem wir festhalten werden bis zum letzten Atemzuge. und unser deutsches Vaterland, an dem wir mit allen Fasern unseres Herzens hängen. Wir kämpfen mit aller Kraft dafür, daß man uns diese Empfindungen glaube, daß man an der Ehrlichkeit unserer vaterländischen Gesinnung nicht zweifle, wir kämpfen mit aller Macht gegen die Vorurteile, die man iu dieser Beziehung noch gegen uns hegt. Und da kommt dieser Mann, führt sich als Prediger unserer Gemeinde ein und straft uns 'Lügen, bestreitet die Ehrlichkeit unserer Gesinnung und zieht alles iu den Staub, wofür wir unser Leben eingesetzt haben. Ein solcher Mann sollte noch länger aus unserer Kanzel, in unseren Schulen tätig sein können? Nein, meine Herren, darüber sind wir uns allerdings, nachdem der Tatbestand festgestellt war, in der ersten Minute klar gewesen, daß wir einem solchen Manne unsere Kanzel, unsere Kinder nicht mehr anvertrauen können. Wenn seine Anschauungen die aller Juden wären, dann wäre es allerdings richtig, daß der Antisemitismus eine natürliche Reaktion dagegen ist. Denn das ist es gerade, was uns vorgeworsen wird, daß lvir iu allem und jedem in erster Reihe das Interesse einer „jüdischen Nation" im Auge haben sollen und uns erst in zweiter Reihe als Deutsche fühlen. Dann könnte man denjenigen nicht Unrecht geben, die uns zu Bürgern zweiter Klasse degradieren wollen. Von diesen Erwägungen aus sind wir zu unserem Beschlüsse gekommen. Denn wir mußten uns sagen, daß ein Mann, mit dem wir in dreiviertel Jahren das erlebt hatten, was ich Ihnen mitgeteilt habe, sich nicht ändern wird. Wir mußten uns ferner sagen, daß, wenn ähnliche Vorfälle wiederkehren, die Verantwortung hierfür iu voller Schwere auf die Vertretung unserer Gemeinde fallen wird. Wir sind der Ueberzeuguug, daß jeder unser Verhalten und unsere Beschlußfassung billigen wird. Und nun will ich Herrn Dr. Cohn auch selbst das Mort geben. Als Dr. Cohn an die Oeffentlichkeit appellierte, hat er sich in seiner Schrift selbst das Urteil gesprochen. Auf Seite 9 seiner Schrift heißt es: „Gleichzeitig verbreitete man von mir feindlich gesinnter Seite das Gerücht, ich hätte zu dem Direktor gesagt: Jeder jüdische Oberlehrer, der sich als Deutscher fühle, sei ein Heuchler. Ich erkläre hiermit dieses Gerücht sowohl dem Wortlaut als dem Sinne nach für frei erfunden, von wem immer es ausgehen mag. Hätte ich in der Tat etwas Derartiges gesagt, dann wäre allerdings die Anzeige der Lehrer nur korrekt gewesen und kaum der Schein einer unschönen Handlung blieb an ihr haften." Nun, meine Herren, Herr Dr. Cohn hat in der Tat etwas Derartiges gesagt! Ich lasse ihn wiederum selbst sprechen. Aus Seite 6 seiner Schrift berichtet er als seine Aeußerung: „Zwar gebe es Juden, die jenes Stammesgefühl leugnen. Sie sind entweder in Selbsttäuschung begriffen oder suchen iu unbegründeter Furcht die Sachlage zu vertuschen." Und nun, meine Herren, bitte ich Sie: Ist es. etwas anderes als eitel Spiegelfechterei, wenn Herr Dr. Cohn bestreitet, das gesagt zu haben, was Herr Dr. Przygode ausgezeichnet hat? Wenn jemand einen Standpunkt vertuscht, dann ist er sich jenes Standpunktes genau bewußt und sucht ihn wissentlich zu verbergen; er ist ein Heuchler oder ein Lügner. Und iveiter, meine Herren! Auf Seite 6 seiner Schrift berichtet Herr Dr. Cohn, Herr Dr. Przygode habe geäußert: „Ich sei verpflichtet. die Kinder im Religionsunterricht zu deutsch-nationalen

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