Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 19 (10.5.1907)
- Date
- 1907-05-10
- Page
- Seite 218 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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218 uiftijdjen Versammlung eine Rede gehalten habe. Diese Mißbilligung ivurde am 21. August 1906 Herrn Dr. Emil Cohn durch den Vorsitzenden des Gemeindevorstandes protokollarisch erklärt und dabei die Erwartung ausgesprochen, daß Herr Dr. Cohn sein Verhalten in Zukunft in Uebereinstimmung mit den am 11. Februar 1906 abgegebenen Erklärungen bringen werde. Unter dem 29. Januar 1907 richteten drei Mitglieder unseres Schul- und Talmud-Thoravorstandes, alle drei gleichzeitig Lehrer an öffentlichen Schulen, eine Beschwerde an uns, in der sie ungefähr folgendes mitteilten: „Vor kurzem erschien der Prediger der jüdischen Gemeinde Herr Tr. Emil Cohn bei dem Direktor des Mommsen-Gymnasiums zu Charlottenburg Herrn Dr. Przygode. um sich bei ihm um die durch den Tod des Herrn Dr. Krouer freigewordene Stelle als Neligionslehrer zu bewerben. Bei dieser Gelegenheit glaubte Herr Dr. Cohn seine Ansicht über Zweck und Ziel des jüdischen Religionsunterrichts entwickeln zu müssen. Nach einer Aufzeichnung des Direktors habe er dabei ausgeführt: „Nach meiner Ueberzeugung muß jeder Jude sich zunächst als Angehöriger des auserwählten Volkes Gottes und dann erst als Deutscher fühlen; muß erden Zionismus als die allein mögliche Lösung der Iudensrage betrachten; muß er für jeden notleidenden Juden in Rußland mehr Mitleid empfinden, als für die Not eines Deutschen; muß er jeden Assimilationsgedanken aufs schärfste zurückweisen, weil er doch unausführbar ist." Als der Direktor erstaunt daraus hinwies, daß er an seiner Anstalt einen jüdischen Oberlehrer habe, der gerade durch seinen deutschen Unterricht christliche und jüdische Schüler in gleicher Weise zu deutschem Fühlen und Denken erziehe, erwiderte Herr Dr. Cohn: „Zeder Jude, der anders spricht, lügt mit Absicht oder ohne das Bewußtsein dieser Absicht; denn es gibt kaum eine Loslösung oon dem religiösen und nationalen Judentum, das sicherlich noch zu einer großen, führenden Stellung in der Welt berufen ist. Der Antisemitismus i st eine ganz natürliche Reaktion gegen diese nationaljüdische Ueberzeugung. Andererseits ist der Antisemitismus für die Juden gut, denn er führt regen Zusammenschluß und gemeinsames Eintreten fürjüdische Interessen herbei." Herr Direktor Przygode hielt diese Anschauung eines Predigers der jüdischen Gemeinde für bedeutsam genug, um sie unmittelbar nach der Unterredung in sein Sprechstundentagebuch einzutragen. Auch ohne die jüdische Lehrerschaft befragt zu haben, glauben wir in deren Sinne zu handeln, wenn wir die ihr zugefügte Verunglimpfung zurückweisen und den Gemeindevorstand als die dem Dr. Cohn Vorgesetzte Behörde mit Schutz bitten. Wie sollen wir jüdische Lehrer erwarten dürfen, daß uns der Unterricht in der deutschen Sprache und der deutschen Geschichte, ja überhaupt irgend ein Unterricht anvertraut werde, wenn ein Mann, der mit der Autorität eines Predigers der jüdischen Gemeinde ausgestattet ist. die Ehrlichkeit unserer deutschen Gesinnung anzweifeln darf? Aber nicht nur die Sorge um die Zukunft der jüdischen Lehrerschaft treibt uns dazu. Protest zu erheben. Als Mitglieder des Schul- und Talrnnd- Torahvorstandes erachten wir es als unsere Pflicht, den Gemeindevorstand darauf aufmerksam zu machen, daß durch Ansichten, wie sie Herr Tr. Cohn herumträgt, der jüdische Religionsunterricht an den öffentlichen Lehranstalten aufs äußerste gefährdet wird. Schon jetzt haben wir Schwierigkeiten genug, den jüdischen Religionsunterricht überall zur Einführung zu bringen und noch weit sind wir von dem Ziele entfernt, für ihn die Gleichberechtigung mit dein christlichen Religionsunterricht zu erlangen und ihn zur Achtung bei den Andersgläubigen zu bringen. Wenn die Direktoren und die Vertreter der Staatsregierung von einem Prediger unserer Geuleinde zu der Ansicht geführt werden, daß die jüdischen Religionsstunden gleichsam geheime Konventikel sind, in denen allen ans vaterländische Erziehung gerichteten Bemühungen planmäßig entgegen gearbeitet wird, dann dürfen nnv uns nicht wundern, das; die den Religionunterricht betreffenden Petitionen ergebnislos bleiben. Wir begnüge-: uns, den verehrlichen Gemeindevorstand auf die Gefahr Hinzuweiser. Wir haben das Vertrauen, daß er ein Mittel finden wird, um bei t Treiben des Herrn Dr. Cohn, das schon am Falk-Realgymnasium z i bedenklichen Folgen geführt hat, ein Ende zu machen." Zur Entstehung dieser Beschwerde möchte ich bemerken, daß sie von. dem jüdischen Oberlehrer, der zur Zeit des Vorfall - am Mo rumsen -Gymnasium angestellt war, weder veranlaßt noch unterzeichnet worden ist. Sein Anteil an der Angelegei heit beschränkt sich darauf, daß er gelegentlich im Kreise von Kollege i den Vorfall erzählte, ohne den Namen rind die Stellung desjenige i zu kennen, der seinem Direktor gegenüber die fraglichen Aeußerunge t getan hatte, und daß er auf Bitten eines Mitgliedes unseres Schu - Vorstandes den Namen des Betreffenden ermittelte und ihn mit einu gleichfalls erbetenen Abschrift der Auszeichnung des Herrn Direktor: Przygode dem Mitgliede des Schulvorstandes übersandte. Ebenso i i Direktor Dr. Przygode nicht weiter an der Sache beteiligt, als da': er dem Mitgliede unseres Schulvorstandes auf dessen Bitten den Namen des Herrn Dr. Cohn hat mitteilen und ihm eine Abschri: seiner Auszeichnung hat zugehen lassen. Zu der Beschwerde haben sich, wie bereits erwähnt, ausschließlich drei Mitglieder unsere Schulvorstandes verpflichtet gefühlt. Auf Grund der Beschwerde und in Rücksicht auf die beideü erwähnten früheren Vorfälle beschloß der Gemeindevorstand a\ 30. Januar 1907, Herrn Dr. Emil Cohn nach vorgängiger Anhörung durch den Vorsitzenden des Gemeindevorstandes, d. h. für den Fal: daß durch diese Anhörung die Aufzeichnungen des Direktors Przygod - und die Mitteilungen der Beschwerde nicht wesentlich erschütleu werden sollten, von seinem Amte als Prediger und Neligionslehr^ zu suspendieren; die weitere Beschlußfassung in der Sache wurd.- Vorbehalten. Am 31. Januar 1907 wurde sodann Herr Dr. Coh■' von dem Vorsitzenden des Gemeindevorstandes in meinem Beisei.i über den Vorfall gehört. Nachdem ihm von dem Inhalt der Aufzeichnung des Herr: Direktor Przygode Kenntnis gegeben worden war, gab erzu, daß die vo ihm Herrn Direktor Przygode gegenüber entwickelten Ansichte inhaltlich, wenn auch nicht in der Form, den von dem Genannte: gemachten Aufzeichnungen entsprechen. Gemäß dem Beschlüsse de Gemeindevorstandes wurde deshalb Herrn Dr. Cohn mitgeteilt, bw, er bis auf weiteres vom Amte suspendiert sei. Ueber die Verhand lung ist das nachstehende Protokoll ausgenommen worden; Her: Dr. Cohn hat dieses Protokoll unterzeichnet. Berlin, den 31. Januar 1907. Aus Einladung erscheint Herr Dr. Emil Cohn. Herr Jacoby hielt ihm den Inhalt der Aufzeichnungen vor, di sich Herr Direktor Przygode über die Unterredung mit ihm gemack hat. Herr Dr. Cohn erklärte daraus: Herr Dr. Przygode war viele Jahre mein Lehrer. Ich ging v ihm, um mich um die Stelle eines Religionslehrers am Mommsei Gymnasium zu bewerben. Ich habe bei dieser Gelegenheit mich dr: Stunden mit Herrn Dr. Przygode unterhalten und habe dies Gesprä für eine reine Privatunterhaltung gehalten. Auf seine Frage, N' ich zum Judentum stehe, habe ich ihm meine Ansichten entwickelt, d inhaltlich wohl der von Herrn Dr. Przygode gemachte Anszeichnung entsprechen, nicht aber in der Form. D Aufzeichnung enthält, wie gesagt, in zusammengedrängter Form de Inhalt eines drei Stunden währenden Gesprächs. Hätte ich gewus; daß es sich nicht um eine intime Privatunterhaltung handelt un daß Herr Dr. Przygode amtliche Aufzeichnungen über das Gesprä«: machen würde, so hätte ich eine Unterhaltung, wie die wirklich stat -- gefundene, mit Herrn Dr. Przygode nicht geführt. Ich war dn Meinung, daß ich gegenüber der Anschauung des Herrn Dr. Przygod« der ein vollständiges Aufgehen des Judentums in das Christentum befürwortet und erstrebt, etwas Gutes und Nützliches tue, wenn i« Herr« Dr. Przygode über meinen Standpunkt der Wahrheit gem« aufklare. Ich möchte noch einmal hervorheben, daß in der An - zeichnung manches besonders betont ist. was ich im Lause der Ante: Haltung nicht besonders betont habe und umgekehrt.