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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-05-03 · Heft 18 (3.5.1907) · p. Seite 216

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 18 (3.5.1907)
Date
1907-05-03
Page
Seite 216 (sequence 12)
Language
German
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216 Dora freute sich, als sic bemerkte, daß ihre Absage keine zu große Wunde geschlagen. Tapfer bekämpfte sie alle Kleinlichkeiten, die sich ihrer» Entschluß entgegenstellten, uird eines schönen Tages entstieg sie in Berlin dem Zug, freudig begrüßt von ihrem Onkel Marens, einem Bruder ihres Vaters, Junggeselle und gut konservierter Sechziger. Onkel Marcus war nicht wenig erstaunt, als er Doras Brief erhielt mit der Bitte, sie einige Zeit anfzunehmen, bis sie imstande sei, sich ihr Brot selbst zu verdienen. Seine alte Haushälterin Susanne, die dem Börsenmakler das gemütliche, aber bescheidene Heim führte und ihn nebenbei mehr tyrannisierte, als es die böseste Ehehälfte je getan, wehrte sich entschieden. „Junges Volk ins Haus — wo bleibt da unsere Behaglichkeit! Wir müssen ausgehen — ob's friert und regnet — auf den Rheumatismus wird keine Rücksicht genommen — geht nicht — geht nicht!" So brummte die Alte, allein diesmal störte sich derjJunggeselle nicht daran. Er überlegte, daß nur die dringende Notwendigkeit das Kind seines verstorbenen und geliebten Bruders zu diesem Schritte zwingen konnte. Er schämte sich fast, sich lange Jahre kaum um dessen Kinder gekümmert zu haben und sorgte, daß ein Gelaß der kleinen Etage für Dora hergerichtet wurde. Das Herz wurde ihm weich, als er das anmutige Geschöpf in seine Arme schloß, und nur kurze Zeit verging, bis sie sich den alten Oheim ganz erobert hatte. Selbst der alte Hausdrache bezähmte seine Brummnatnr und schien Gefallen an dem bescheidenen, liebenswürdigen Mädchen zn finden. Onkel Marens stimmte Doras Plänen zu, sich eine gründliche kaufmännische Bildung anzueignen. Erbrachte sie jii einer bekannten Handelsschule unter, bat sie aber dringend, so lange sein Gast zn bleiben, bis sie imstande sei, sich selbst zn ernähren. Schöne Tage brachen für das strebsame Mädchen an. Nach dem oft sehr nüchternen Unterricht, der der gut vorgebildeten Schülerin nicht schwer siel, gab es die behaglichsten Abendstunden mit dem alten Junggesellen. Er hatte sich sein einsames Leben anregend gestaltet. Der iir seiner Jugend vom Geschick hin- und hergeworfene Manu hatte keine eigentliche Schulbildung genossen. Kaum beherrschte er die Elementarfächer, aber hebräisch wurde ihm durch seinen alten Vater gründlich eingetrichtert. Sv gründlich, daß, als er das Chumasch durchstudiert und den Raschikommentar dazu, er jahrelang kein Seser mehr anrührte. Im Kampf ums Dasein entwickelten sich seine kaufmännischen Fähigkeiten, und er sah sich mm in gesicherter Existenz geachtet und 'geschützt von den wenigen mit denen er intim umging. Eine Wandlung hatte in der deutschen Jndenheit stattgefnndcn. Der Antisemitismus hatte das schlummernde Selbstbewußtsein aufgerüttelt. Man ivvllte klar sein über die Vergangenheit seines Volkes — man wollte wissen, ob die maßlosen Vorwürfe der Andersgläubigen berechtigt seien — man wollte Waffen haben, die Vorurteile zn bekämpfen. Broschüren erschienen massenhaft, die der Aufklärung dienen sollten. Neue Uebersetzungen der Bibel, des Talmuds wollten den modernen, des Hebräischen fast unkundigen Juden die Schönheiten ihrer Poesie vor Augen führen. Marcus schaffte sich eine ganze Bibliothek an, und erst jetzt begriff er, was er in der Jugend mit Widerwillen lernen mußte. An verschiedenen Abenden in der Woche sah er einen Kreis strebsamer junger Leute bei sich. Das gleiche Interesse beseelte alle; die neu erscheinendenzBücher imlrden besProchem und man las vor, was besonderes Interesse erregte. Dora hörte zu, ohne ein Wort zu sagen. Sie lvar innerlich selig, Juden kennen zu lerne»? die, stolz ans ihre Abstammung,"Ihr Volk mit großer Liebe umfaßten und dennoch von dem Ballast der Formen und Zeremonien sich nicht bedrücken ließen. Dieses Idealbild hatte ihr stets vorgeschwebt. Die Herren, die das hübsche Mädchen nicht ohne Interesse betrachteten, hielten sie wohl für eine echte, mNvissende Landpomeranze, weil sie konsequent schwieg und höchstens die Formen der ^Höflichkeit beachtete. Sie ahnten nicht, wie Dora sich kein Wort entgehen ließ und in ihren Mußestunden die Bibliothek des Oheims unermüdlich durchstudierte. Eines Abends nahm sie Marens mit, nur der Eröffnung eines Vereins beizuwohnen, der die Verbreitung der Kenntnisse ihrer Literatur unter den Juden sich als Ziel gesetzt hatte. Wie ein Rausch erfaßte es das junge Mädchen, als der feinsinnige Vortragende, ein bekannter Gelehrter, in schwungvoller Rede die poetischen Schönheiten der Bibel darlegte. Sie, die die Erzähllingen der Bibel gewiß kannte in der nüchternen Ueberlieferung der Schulausgaben, war wie geblendet von dem wunderbaren, neuen Lichte, in welchem diese ihr jetzt erschienen. Als das Deborahlied mit seinen wuchtigen Worten erklang: — es feierten die Fürsten In Israel — sie feierten, bis ich'aufstand als Führerin, Bis ich anfstand als Mutter in Israel — da fühlte sie eine Kraft in sich, als ob das Blut der Richterin in ihren Adern ströme. Ihre Gedanken schweiften ab zu den tausenden ihrer Mitschwestern, die in ihren Mußestunden ihre Phantasie mit der fadesten Romanlektüre befruchteten, ohne zu ahnen, ivelche Quelle von poetischer Anregung ihre eigenste Literatur bot. Sie hätte eine Deborah sein mögen, der Bibel eine Beachtung zu erkäinpfen im Kreise der modernen deutschen Jüdinnen. Onkel Marcus hörte mildlächelud dem Ausbruche ihrer Begeisterung auf dem Heimwege zn. Am Abend des darauffolgenden Tages versanunelte sich lvieder der kleine Freundeskreis. Es gab eine erregte Disputation. Dr. Marx, ein junger Referendar, erklärte mit Begeisterung das Wesen des Zionismus, der damals begann, seinen Weg von den östlichen Ländern nach Deutschland zu machen. Er fand wenig Anklang und Verständnis; der Nationalgedanke erweckte selbst in Onkel Jonas unangenehme Empfindungen, denn er fühlte sich ganz als Berliner — nnd folglich als Deutscher. Schüchtern wagte Dora sich einzumischcn; sie hielt es für wundervoll, wenn ein Volk, dem die Bibel entstammte, wieder zn einer selbständigen Nation würde. Erstaunt sah sie Dr. Marx an. Wer hätte gedacht, daß das stille, anscheinend unbedeutende Mädchen eigene Gedanken haben könne! Er entwickelte ihr den Grundgedanken der Bewegung, nnd seine kleine, gedrungene Figur schieil mit seiner Begeisterung zn wachsen. Doras Zurückhaktlmg >vich iinmcr mehr, und ein lebhaftes Zwiegespräch entspann sich zwischen den beiden, nicht beachtet von der übrigen Gesellschaft, die sich ebenso lebhaft unterhielt. (Fortsetzung folgt.) Litersrilchr Mitteilungen. Albert Ka h: Ehristen und Juden als Förderer der hebräischen Sprache und Literatur. Berlin 1907. M. Poppelauer. Ein interessantes und wenig beachtetes Thema ist hier in treffender Weise behandelt Warden. Seit dem fünfzehnten Jahrhundert hat die hebräische Sprache in Deutschland unter den christlichen Gelehrten eifrige' Förderer gefunden. Kcch hebt die wichtigsten hervor und charakterisiert sie nach ihrer Bedeutung und nach ihrem Einfluß. Die Förderung, welche die hebräische Sprache in unserem Jahrhundert gefunden, hat er in einem Anhang mit Sachkenntnis geschildert. Die kleine Schrift wird hoffentlich in jüdischen Kreisen die Beachtung finden, die sie verdient. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

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