Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 18 (3.5.1907)
- Date
- 1907-05-03
- Page
- Seite 215 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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215 Äeberlpsnnt. Erzählullg nach dem Leben von N. Bürger. I. ^J^ebente, was Du tust, mein liebes Kiud. Eine solche > Gelegenheit, einen feinen, gebildeten Mann zu bekommen,; findest Du wohl nie mehr. Nimint er Dich Deiner Mitgift j halber? Du weißt zu gut, daß dieses nicht möglich ist. Dein guter Vater starb zu früh, um für die Zukunft seiner beiden Töchter zu sorgen. Unser geringes Einkommen —." „Aber Mütterchen, Du wirst mir doch glauben, daß ich ganz genau weiß, wie es um unsere Verhältnisse steht; mit 18 Jahren ist man kein Kind mehr!" Doch Dora Hofmann, die mit ihrer Mutter diese ernste Unterredung führte, schielt fast noch ein Killd. Ihre mittelgroße, zierliche Figur, das schnlalgeschnittene gemmenartige Gesicht, alles deutete noch auf ein kindliches Alter, während aus den klug und doch sanft blickenden blaugrauen Augen bereits ein hoher Grad geistiger Entwicklung sprach. Sie glich wenig ihrer Mutter, die den Ausdruck kleinbürgerlicher Sorge auf dem runden, gutmütigen Gesichte trug und deren ergrauender Scheitel bei der kaum fünfzigjährigen schon viel ausgestandenes Leid verriet. „Mütterchen," scherzte Dora, „wir wollen sorgen, daß er sich in unsere Regina verliebt! Weshalb hat ers überhaupt nicht getan — sie ist ein ganzes Jahr älter als ich, weit klüger und vernünftiger, tüchtig im Haushalt — ihr ganzes Aeußere wie eine orientalische Königin, uild was die Hauptsache ist - fromnl, von Herzen fromni! Ein juilger Rabbiner darf doch nur eine fromme Frau heiraten." „Aber Kind — weiß er doch, daß Ihr beide einem guten jüdischen Hause entstammt und nicht anders als religiös sein könnt! Hätte ich mir etwas Schöneres träumen lassen können, als daß dieser Btann, den unsere bedeutende Gemeinde aus einer großen Anzahl von Bewerbern zum Rabbiner wählte, Dich als Gattin heimsühre! Wenn wir Freitag abends zum Onkel Levi gingen, bei dem er sich eingemietet und er sich noch so gut mit Dir über allerlei gelehrte, moderne Dinge, von denen ich nichts verstehe, unterhielt, daß er um Dich anhalten würde, ich hätte es nicht gedacht! Und Du, Du willst es nicht! Dein seliger Vater würde sich im Grabe herumdrehen, wüßte er von Deiner Torheit!" „Liebe Mutter, glaube mir, ich achte den Dr. Loeb sehr, aber ich möchte ihn nicht betrügen. Er ist tief religiös und ich bin es nur äußerlich." „Torheit, lebst Du nicht genau nach den Vorschriften unserer heiligen Religion! Issest Du vielleicht trefe! Arbeitest Du am Schabbes? Habe ich Dich nicht gelehrt zu kochen, genau wie es uns vorgeschrieben! Wer hat Dir diese verrückten Gedanken in den Kopf gesetzt? Ueberlege es noch einnial, mein Kind!" Kopfschüttelnd verließ die Mutter ihr Kiud. — Dora wußte, daß die gute Frau sie nicht verstehen konnte und deshalb schwieg sie. Das System des blinden Gehorsams, welches ihre Mutter einst in ihrer Jugend geleitet und mit welchem diese ihre Tochter jetzt leiten wollte, mußte bei dem denkenden Mädchen scheitern. Sie hatte neben aller Hausarbeit noch Zeit gefunden, die Ideen der Neuzeit mit Begier in sich aufzusäugen, während Regina der Typus der gehorsamen Tochter war, die sich glücklich in ihren engbegrenzten Kreisen fühlte und alles Gewohnte zur Richtschnur nahm, weil es ihr lieb war und sie nichts weiter dachte. Regina war in den Augen ihrer Mutter eine Perle von Weib, die jeden Btann glücklich machen würde. — Dora war Jüdin mit Leib und Seele; wenn sie mit ihren protestantischen und katholischen Freundinnen zur Schule ging und diese sich über die Vorzüge der Religionen stritten — die eine die Beichte und ihre Vorteile pries, die andere weidlich darüber losfuhr — lächelte sie oft und dachte: „Wie gut habe ich es als Jüdin, Gottesglaube und Nächstenliebe sind meine einzigen Dogmen!" Allein je älter sie wurde, desto schwerer wurden ihr die Ausübung der Gebote und der Zeremonien. Sie hatte sich im Innern einen reinen, freien Knlt gebildet, ohne jeden Ballast äußerlicher Formen; jedoch nie verletzte sie das Empfinden der Ihrigen, die keine Ahnung hatten von ihren religiösen Anschaltungen! Aber in die Ehe treteir mit einem. Manne, dessen Gedanken und Handlungen in dieser Beziehung strenge übereinstinlinten, der von feiner Lebensgefährtin nichts anderes erwartete — das wäre unredlich gewesen. Und liebte sie Dr. Loeb? Hatte sie ein sehnliches Verlangen, sein Weib zu werden? Sie mußte diese Frage verneinen! Sein sanftes Christusgesicht mit dem blonden Barte interessierte sie wenig. Sie ließ sich gerne voll ihm erzählen — von seinen Universitätsstudien, seinen philosophischen Anschauungen — allein sie fand keine Brücke, mn die Kluft ihrer religiösen Enlpfindungen zu überspannen. Die Wichtigkeit, mit der er die äußeren Formen behandelte, verstand sie »licht, wollte aber nicht verletzen und schwieg. Dora fühlte, daß sie an einenr Wendepunkte ihres Lebens stand. Sie mußte selbständig werden, mußte durch eigene Lebensarbeit das Leben der Mutter erleichtern — sie inußte weg von Hause! Der Nebengedanke, daß dann vielleicht Regina das ihr zugedachte Glück erblühen würde, beeinflußte sie nicht lvenig. Es gab einen harten Kampf: Onkel Levi und Tante Rita, die alten, kinderlosen Verwandten, kleine Rentnersleute, zeterten: „So etwas ist noch nicht dagewesen! So eine Jungfer Habenichts schlägt die gute Partie aris! Und weg will sie! Weg aus dem Hause! Wohin? Wozu? So lange Du noch Deine Mutter hast, bleibst Du bei ihr, wie ein anständiges, jüdisches Mädchen. Hat Regina solche Mucken im Kopf? Sie arbeitet, ist vergnügt und folgt ihren Verwandten, die es gut mit ihr meinen und auch nicht knausern werden, wenn' es einmal auf eine Mitgist ankommt." Es dauerte viele Wochen, ehe Dora die Vorurteile besiegte, die sich ihrer Sehnsucht, selbständig zu werden, entgegenstellten. Dr. Loeb, in seiner Eitelkeit tief gekränkt, zog sich verletzt zurück. Welch ein Glück, dachte er einige Zeit später, daß das überspannte Mädchen nicht meine Gattin wurde! Wie konnte ich ahnen, daß sich hinter diesem liebreizenden Gesichtchen, diesem sanften, mädchenhaften Aeußeren solche Unweiblichkeit verbarg! Er ging von dem Standpunkt aus, daß Gott das Weib nur für den Mann geschaffen. Ein Weib, welches für sich selbst eine Persönlichkeit sein wollte, sich selbst den Weg durchs Leben bahnen wollte — es erschien ihm unjüdisch! Von der Seele des Weibes hatte er keine Ahnung! Doras Liebreiz hatte es ihm angetan! Er sah in ihr seine Zukünftige, wie sie in den Sprüchen Salomos besungen wird: „Es vertraut auf sie das Herz ihres Atannes, sie erweiset ihm Gutes und nimmer Böses — sie arbeitet mit muntren Händen, steht auf, wenn es noch Nacht ist, gürtet mit Kraft ihre Lenden und strengt ihre Arme au." Und nun abgewiesen von ihr — die kaum eine Mitgift hatte! Er abgewiesen, der in seiner geachteten, schönen Stellung überall gerne als Bewerber empfangen ivorden wäre! Zuerst war das Gefühl ein schmerzliches; seine Zuneigung war doch stärker, als er selbst glaubte. Dann aber siegte sein Stolz, und er nahm sich vor, künstighin sehr vorsichtig zu sein.