Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 18 (3.5.1907)
- Date
- 1907-05-03
- Page
- Seite 214 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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erreicht ist. Hier wird die begehrliche Gesinnung als die Wurzel erwähnt, aus der die Sünden der Menschen gegen ihre Nebenmenschen zumeist erwachsen. Also auch in die verborgenen Tiefen der Gedankenwelt reicht dies Gesetz hinein und weiß die Sünden in ihren geheimsten Schlupfwinkeln zu fassen. Unbeschadet dieses seines sittlichen Charakters habe Moses von dem Ewigen als vom Kriegshelden und von den Eroberungskriegen als von Gotteskämpfen reden können. Hier liegt die Vorstellung zugrunde, daß Gott ein mächtiger Helfer in der Not ist. Sv tragen auch heute noch unsere Helme die Inschrift: Mit Gott für König und Vaterland; ohne daß dies den künftigen Archäologen Deutschlands berechtigen soll, daraus einst zu schließen: „Die Deutschen um das Ende des zweiten Jahrtausends verehrten die Gottheit vor allem als Kriegsgott. Der Gott zog mit ihnen ins Schlachtfeld, auf den Waffen stand sein Name als wirkungskräftiger Schutz." In dem Vorhandensein des Buches, das gewöhnlich als Buch der Redlichen bezeichnet wird, glaubt Bennewitz aus ein hochentwickeltes sittliches Empfinden schließen zu dürfen. Man muß das Gefühl gehabt haben für das, was Gott wohlgefällt und für ein Leben im Geiste Gottes, wollte man durch die Schilderung religiös-sittlicher Charakterbilder auf das Volksgemüt einwirken: „Ein hohes Muster weckt Nacheiferung und gibt dem Urteil höhere Gesetze." Offenkundig ist beiviesen, daß schon vor Auftreten der Schriftprophetie Gott als Rächer des Unrechts in Israel gedacht wurde. Hinter dem Recht steht Gott als sein Schützer. Im Eide ist Gott die letzte Instanz, an die appelliert wird. Schon lange vor Amos ist es anerkannt, daß des Ewigen Huld gegenüber seinem Volke von moralischen Prinzipien geleitet und durch sittliche Versündigung verwirkt wird. Der Mensch steht in einem sittlichen Abhängigkeitsverhältnis jn Gott. Sittliche Normen koinmen für den Verkehr des Menschen mit Gott zur Anwendung. Wenn im übrigen Orient eine Tat wie die, welche der König an Nabot begeht, zu beit Alltäglichkeiten gehörte, in Israel aber zum Sturze der Dynastie Omri führte, dann beweist das nach Bennewitz evident, daß das sittliche Empfinden Israels sich eben auf einem ganz anderen, höheren Niveau befunden habe. Dieses gesteigerte Sündenbewußtsein Israels läßt sich sprachpsychologisch dartun. Chala heißt eigentlich das Ziel verfehlen. Es ist nicht bedeutungslos, daß das Leben des Menschen als Bahn gedacht wird, für die Gott ein Ziel aufgegeben hat. Sündigen heißt, das gottgegebene Ziel verfehlen. Awa heißt die sittliche Ordnung verkehren, krumme Wege wandeln. Reäa ist die vom göttlichen Richter verurteilte Handlung, aäam die objektive Verschuldung. ohne subjektives Schuldbewusstsein, nebala die gemeine Schandtat. Hier hätte auf die Etymologie Welkheit, Morschheit hingewiesen werden können und auf den Gegensatz, den ein so bezeichnetes Vergehen zur israelitischen Art bildet. Kesa ist die Empörung gegen die ethischen Normen des Herrn, durch deren Befolgung ihm als König gehuldigt wird. Dieser sittliche Ernst Israels zeigt sich iu seiner ganzen Lebensauffassung, in der Gegenständlichkeit seines Evttbewußtseins, es fühlt sein Schicksal durch Gottes Waltung nach dem Vergeltungsschema von Lohn und Strafe geregelt. Es sieht in Glück und Leid den Finger des Ewigen. So deutet es seine. Geschichte. Für diese Auffassung kommt es auf das Verhältnis des als Wunder angesehenen Faktums zu dem, was wir Naturordnung nennen, gar nicht an. Das hätte noch schärfer hervorgehoben Iverdeii können. Nes- Wunder ist ein Banner, das ruft: Hier ist Gott! Wo der Fromme das Walten Gottes fühlt, da sieht er ein Wunder. Wie die Israeliten von den im Meere versunkenen Aegyptern sangen, daß Gott sie in die Wellen gestürzt, so hat man 1812 von der in Rußland vernichteten Armee Napoleons gesagt, Gott hat sie geschlagen, und zum Andenken an die in den Wellen vernichtete spanische Armada wurden Münzen geprägt mit der Inschrift: Oeus afflavit et dissipati sunt. Aus der reichen Fülle des in dem lesenswerten Buche Bennewitz's gebotenen Materials wollen wir hier noch einige Momente von allgemeinerem Interesse hervorheben. So gibt er eine schöne Psychologische Deutung der Sündenfallerzählung, dieser ewigen Geschichte, wie Hegel sagt: Es wird uns ein Urständ der Menschheit beschrieben, der in einer ungestörten Gemeinschaft und Harmonie mit Gott besteht. Die Menschen leben in kindlicher Unschuld, ihrer Nacktheit sind sie sich noch nicht bewußt. Da erhält der Mensch ein Verbot. Das sollte als Mittel sein, zur sittlichen Erkenntnis zu kommen. Er sollte dazu kommen durch den Gehorsam gegen Gottes Gebot, er kam dazu durch Ungehorsam. Nun tritt das böse Gewissen hervor. Die Tragödie des bösen Gewissens ist in der Kainsgeschichte geschrieben, und eine ergreifende Schilderung des Schuldbewußtseins geben die Worte der Brüder Josephs: Wahrlich, jetzt müssen wir büßen, was wir an unserem Bruder getan haben, als wir die Not seiner Seele sahen, da er uns anflehte, haben wir nicht auf ihn gehört. Einen glänzenden Beweis für den hohen sittlichen Gehalt der alten Erzählungen sieht Bennewitz mit Recht in der Geschichte der Sintflut und in dem Turmbauberichte. Gewalttat und Hochmut werden da gebrandmarkt und der Satz illustriert, daß die Sünde der Leute Verderben sei, wohl die älteste ethische Geschichtsphilosophie; dann würdigt der Verfasser die sittlichen Gedanken der Erzvätererzählungen. Hier hätte nach Bennewitz noch gezeigt werden müssen, I. daß als Jdealehe die Einehe gilt: darum verläßt der Mann Vater und Mutter und schließt sich seinem Weibe an und sie werden zu einem Wesen; 2. daß die Vielehe bei den Patriarchen durch die Unfruchtbarkeit der einen Gattin motiviert und entschuldigt wird. Mit welchem erquickenden Freimut Bennewitz die Dinge darstellt, dafür zum Schluffe zwei Beweise: 1. Mit begeisterten Worten huldigt Bennewitz der Seelengröße Davids, wie sie sich in dem herrlichen Trauerliede auf den Fall Sauls ausspricht: Kein Ton von Schadenfreude klingt an, kein Anfjauchzen über den Sturz des persönlichen Feindes. Diesem tief-ethischen Verhalten Davids wird das Verhalten Luthers beim Tode Zwinglis gegenüber gestellt. Luther betrachtete eS mit Genugtuung, als Strafe für Zwinglis abweichende Meinungen über das Abendmahl! 2. Im Deborahliede treten uns Religion und Patriotismus in inniger Verbindung gegenüber. Die Kritik hat das oft betont, um damit die Frömmigkeit als minderwertig, weil national beengt, herabzudrücken. Bennewitz macht dagegen aufmerksam, wie wir Preußen auch die Befreiungskriege heilige Kriege genannt haben, und erinnert an die schönen Worte Nippolds: Der Kampf um das Höchste, um Herd, Vaterland und Freiheit, ein solcher Kampf, in welchem der Mensch alles daran setzt, ist: Religion. Ich bin am Ende; es lag mir daran, einen Ueberblick über ein Werk zu geben, das mit wahrhaft mustergültiger Sachlichkeit und Sachkenntnis geschrieben ist. Ich würde mich freuen, wenn meine Besprechung dazu beitrüge, dem Buche, das sich auch angenehm liest, eine recht weite Verbreitung zu verschaffen.