Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 71 (1907)
- Issue
- Heft 18 (3.5.1907)
- Date
- 1907-05-03
- Page
- Seite 213 (sequence 9)
- Language
- German
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213 bereit Verständnis int Hebräischen eine notwendige Folge des praktischen Religionsunterrichts ist. Wie ans dem Gesagten erhellt, um säht der Unterrichtsstoff das ganze Gebiet der jüdischen Religion, beginnend vom Hebräisch-Lesen bis zur Uebersetzung der Propheten, von Adam bis zur Geschichte der Neuzeit, von den „zehn Worten" bis zur systematischen Religionslehre, und von den Satzungen der Sabbatrtihe bis zu den Formen der Thoravorlesung, überall die Theorie mit der Uebung, die Lehre mit dem Lebe», die Gesinnung mit der Tat verknüpfend und fest zusammensügend. In dieser Darstellung habe ich die jüdischen konfessionellen und die Talmud-Thora-Schulen, weil ihre Zahl eine geringe ist, nicht berücksichtigt. In kürzester Zeit werden die heilbringenden Folgen dieser Rabbinerversammlung sichtbar werden, und tinsere Jugend, die in den verflossenen 10 bis 15 Jahren ihr jüdisches Bewußtsein tingemein gestärkt hat, wie die vielen Jngendvereine und die überaus seltenen Taufen beweisen, wird in ihrem Judentum noch mehr gekrüftigt werden. Wir besitzen seit Neujahr auch eine in kroatischer Sprache erscheinende „Jüdische Rundschau", die wohl teilweise im Dienste des Zionismus steht, aber auch nichtzivnistische wertvolle Beiträge und Artikel bringt, die zumeist von nnseren „Jungen" geliefert werden. Neben der Jugend sei das Alter nicht vergessen, neben der Zukunft auch der Gegenwart gedacht, die auch reich ist an Männern, die beseelt davon sind, die Ehre und das Ansehen des Judentums nach Außen zu wahren und nach Innen ihr bestes Können seiner Entfaltung und Blüte zu weihen. Ein solcher Manu ist der Präsident der Agramer Knltusgemeinde Joseph Sieben sch ein. Ich kann diesen Artikel, der die Silhouetten vom Bilde eines schöneren künftigen Judentums zeichnen will, nicht treffender sehließen, als indein ich gewissermaßen zum Vorwurf dieses Zutnnftgemäldes mit einigen Strichen das Bild dieses Mannes entwerfe, zur Veranlassung nehmend sein siebzigjähriges Jubiläum. Ein Bierteljahrhundert steht er an der Spitze der hiesigen Gemeinde, an deren Berwaltung und Ausbau er seit seinem 25. Lebensjahre mit jugendlicher Rührigkeit und echt jüdischem Sinn teilgenommen hat. Die Ehrenstelleu, die er während 15 Jahre in der Gemeinde bekleidete, von den anderen im öffentlichen Leben abgesehen, betrachtete er als Pflichtstellen, die Tätigkeit, Eifer, Studium, Begeisterung und Opfer an Zeit und Geld erfordern. Als Präsident der Gemeinde der Hüter ihrer Interessen, der Wächter ihres Ansehens, der Förderer ihrer Machtmittel, der rastlose Arbeiter an ihrem Ausbau; als Gemeindemitglied der Typus des unverfälschten Juden in der Familie und im Gvtteshause, als Mensch durchdrungen von wahrer Nächstenliebe, die sich nicht erschöpft in wohltätiger Unterstützung, sondern in der Wertschätzung eines jeglichen, persönlichen Anteil nehmend an seinen sreudigeu und traurigen Wechselfällen des Lebens. Das junge Israel, das so oft geringschützend über die Alten hinweggeht, möge von diesem „Alten" lernen Liebe, Anhänglichkeit und tüchtige Arbeit im Judentum für das Judentum. Dir nkursteLrurtrilung drr sltilrsklitjschrn Moral. Von Kreisrabbiner Tr. Max B eerina nn - Insterburg. eit den Tagen, da das romantische Waldhorn in schwärmerischen Weisen das Lied hat erklingen lassen: „Kennt ihr Menschen nicht den Glauben", datiert für das protestantische Christentuin eine neue Epoche. Schleiermacher basierte in seinen dithyrambischen Monolvgett die Religion ans dem Gefühl. Gewiß ist seine Herrschaft längst gebrochen, aber ein Stück ans seinem Geisteserbe bildet noch heute — sagen wir — ein Stimmuugsmoment der evangelischen Theologie: die Abneigung gegen das Alte Testament. Mit Freuden habe ich inich in ein soeben erschienenes Buch versenkt, das in jeder Zeile warme Liebe und innige Verehrung für die hebräische Bibel atmet: „Die Sünde im alten Israel", von Lic. Fritz Bennewitz, Pfarrer in Rheinsberg (Westpreußen), Leipzig, A. Deichertsche Verlagsbuchhandlung. Bennewitz ist ein Eigner. Er steht prinzipiell auf dem Standpunkt der Bibelkritik, wie sie von Balte und andern inauguriert ist, er ist aber kein Wellhausenorthodoxer. Er ist von jenem negativen Dogmatismus weit entfernt, der das Hineinragen göttlicher Offenbarnngstatsachen in die Geschichte der israelitischen Religion a limine ableugnet. Wäre die große Gestalt des Mose als Stifter der Adonai-Religion durch die Ouellen nicht gegeben, mau müßte sie, um die Entstehung der israelitischen Religion zu begreifen, nach Bennewitz einfach postulieren. Gegen die Legendenhypothese Winklers, der den Aufenthalt Israels in Aegypten kurzerhand ans der Geschichte streicht, hält er an der Geschichtlichkeit deS Auszugs fest. Tie Stiftung der Mosesreligion ist ihm ohne die Historizität dieser Ereignisse schlechterdings unverständlich. Mose hat nicht nur, wie Wellhausen großmütig konzediert, schon einige ethische Züge an der Gottheit entdeckt, sondern den ethischen Monotheismus in voller Schürfe gepredigt. Wenn Wellhausen mit dieser Annahme spätere Greuel, die im Namen Adonais begangen wurden, nicht zusanunenreimen kann, so zeigt Bennewitz schlagend, wie lendenlahm diese Argumentation ist. Oder haben die Männer der Bartholomäusnacht und die Scheiterhaufen entzündenden Grvßinguisitvren die zehn Gebote nicht gekannt? Mit demselben Recht könnte man ans den furchtbaren Schlachten ün deutsch-französischen Kriege aus eine mangelnde Bekanntschaft mit den zehn Geboten bei den kriegführenden Parteien schließen. Moses Gottesbegrifi ist durchaus ethisch und der Kern der Religion liegt nach ihm in Liebe und Gerechtigkeit; durch seine Thora ist in Israel ein sittlicher Gottesglanbe dauerhaft begründet worden. Der Siuaibund, nicht bloß ein Reflex prophetischer Predigt, sondern eine religionsgeschichtliche Tatsache, stellt Israel in eine sittliche Gemeinschaft mit Gott! Ist dieser Bundesschluß wirklich ein leuchtender Markstein am Anfang der Geschichte Israels, dann werden wir in Israel Pflicht- und Sündenbewußtsein erwarten dürfen, und können de Wette beipslichten, daß es die auszeichnende Eigentümlichkeit des hebräischen Volkes gewesen sei, seit Moses Tagen das klassische Volk des sittlichew Geivissens zu sein. Ein kurzer Katechismus der mosaischen Moral liegt im Dekalog vor. Der mosaischen Autorschaft widerspricht das Sabbatgebot nicht. Denn erstens können auch Nomaden gottgeweihte Tage der Ruhe halten, und zweitens war das mosaische Israel kein Ganznomadenvvlk. Sie hatten bereits in Aegypten säen und ernten gelernt. Auch ihre Num. 11,5 geäußerte Sehnsucht nach Gurken und Melonen läßt darauf schließen, daß sie diese selbst gezogen hatten. Alan wird auch nicht die einzige Beschäftigung der Noinadenstämine darin sehen, Vieh iveiden zu lassen, sie haben auch mancherlei andere Tätigkeiten (Zelt- und Kleiderzubereitung > zu verrichten; aus diese konnte das Verbot der Arbeit am Sabbat gehen. Für die mosaische Herkunft macht Bennewitz ferner sehr treffende Parallelen aus den ägyptischen Totenbüchern geltend und die analogen altbabylonischen Formen des fünften, sechsten, siebenten Gebotes. Freilich im neunten und zehnten Gebot zeigt der Dekalog eine ethische Höhe, die anderwärts nicht annähernd