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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-05-03 · Heft 18 (3.5.1907) · p. Seite 212

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 18 (3.5.1907)
Date
1907-05-03
Page
Seite 212 (sequence 8)
Language
German
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Reihe au die Liquidation der übernommenen Jnventarstücke, unter denen sich auch das Gesetz über ine jüdischen Gemeinden befindet. Auf einige Monate kommt es ja nicht an, wir können warten. Wichtiger als die momentane Durchführung des Gesetzes >var für die kroatischen Juden die Erfahrung, daß der „neue Kurs", der mit allem früheren aufräumte, im Verhältnis zum Judentum der „alte" bleibt. Das ist um so wichtiger, als in der jetzigen Regierungspartei solche Männer die Führerrolle übernahmen, die vormals ausgesprochene Antisemiten waren. Es lag die Befürchtung nahe, daß sie diese Gesinnung aus der Zeit ihrer Opposition auf die Majvritätsbänke hinübernehmen werden, darin bestärkt durch die neue politische Konstellation in Ungarn, wo die Koalition auch — gelinde gesagt — antisemitische Allüren zur Schau trügt. Die Herren haben sich eines Besseren besonnen, was wir dankend anerkennen, dabei jedoch nicht vergessen wollen der politischen Nüchternheit, die die kroatische Judeuheit bewiesen hat, als sie trotz Aufforderung von höherem Orte es rundweg ablehnte, beim Wagen der früheren Regierungspartei am Wahltage Vorspanndienste zu leisten lind die Konfession mit der Politik zu verquicken. Im Gegenteil, die Inden befanden sich am Wahltage zumeist im Lager der Opposition, die Siegerin wurde, imd haben dadurch dem vae vietis vorgebeugt. Die neue Aera bleibt also für die Juden die alte. Nachdem ich also den politischen Himmel, auf dem für das Judentum kein dunkles Wölkchen hinzieht, beleuchtet habe, kehre ich zum Merituin zurück, zur Rabbinerversammlnng, die im Januar hier tagte. Eine kroatische Rabbinerversammlung! Wer hätte daran vor 20 bis 25 Jahren gedacht, als im Lande kaum fünf Rabbiner waren. Man spricht, schreibt, jannnert und rvehklagt über Rückgang und Verfall im Judentum. Eine kroatische Rabbinerversammlung ist ein lebender Protest gegen diese Klage. Denn wenn in einem Lande das Bedürfnis nach mehr und mehr Rabbinern empfunden wird, so ist das kein Zeichen des Rückganges, sondern eher des Erwachens und Erstarkens des religiösen Bewußtseins. Ich gebe wohl zu, daß auch die Klage nicht unbegründet ist, wenn man besondere Momente ins Auge faßt, wie z. B. religiöse Formen und Zeremonien. Ich will auch deren Bedeutung im Judentum nicht schmälern, doch darin werden viele, sehr viele mit mir übereinstimmen, daß diese allein nicht das Wesen des Judentums bilden, wie auch darin, daß diese Klage schon seit einem Jahrhundert — wenn nicht länger — widerhallt, ohne daß der angekündigte Untergang eingetreten wäre. Diese Klage ähnelt derjenigen des Kaufmanns, der auf die Frage, wie es geht, immer klagt, dabei seinen Handel ausbreitet und sein Vermögen vergrößert. Gegenüber der Klage über Verfall alter Gebräuche und Institutionen stehen als Gewinn neue Errungenschaften, zum Beispiel intensiver Religionsunterricht, literarische Gesellschaften ustv. In Kroatien, wo man vordem den Begriff „Jüdische Wissenschaft und Literatur" nur aus dem „Pester Lloyd" kannte, bestehen heute drei jüdisch-literarische Vereine. Ist das ein Zeichen des Niedergangs? Noch besser steht es mit dem Religionsunterricht, der mich endlich zur Rabbiner- Versammlung wieder zurückführt. Diese Versammlung hatte den ausgesprochenen Zweck, den Religionsunterricht, diese wesentliche Institution des Judentums, einheitlich zu regeln. In diesem Punkte ist es bei uns anders als in Deutschland. Bei uns ist nämlich in allen Volks- und Mittelschulen der jüdische Religionsunterricht obligat, und die Religionslehrer erhalten dafür eine Remuneration von der Gemeinde oder vom Staate. Ja noch mehr. unsere Negierung krei'rte im Jahre 1900 für die Agrame Mittelschulen eine besondere Religionsprofessorstelle, die de? Schreiber dieser Zeilen bekleidet, wozu meines Wissens in, liberalen Ungarn kein Pendant besieht. Leider waren di- Religionslehrer, selten Rabbiner, meistens Schächter, ihrer Aus gäbe nicht gewachsen. „Jeder tat, was in seinen Augen rech! war," das Beste nach seiner Ueberzeugung. Dieses Beste war aber nicht immer gut vom pädagogischen imd religiöse! Standpunkte. Es herrschte ein wahres Babel auf dem Gebiet des jüdischen Religionsunterrichts, ein Babel, eine Sprachen Verwirrung im wahren Sinne des Wortes, denn die Lehre waren der Landessprache, des Kroatischen, nicht kundig, di Kinder wieder nicht des Deutschen. Die Situation wurde ii dem Maße besser, als die Gemeinden statt der bisherige, Rabbinatsverweser diplomierte Rabbiner anstellten und ihne, den Religionsunterricht zuwiesen. Heute haben mm die meiste, > Gemeinden Rabbiner, und darum war es recht und billig, das. diese, ihre Hauptwirksamkeit, die religiöse Erziehung der Jugend, im Auge haltend, in der ersten Versaunnlung die einheitliche Regelung des Religionsunterrichts sich zur Aufgabe gemacht, während sie die Standesfragen in den Hintergrund gestellt haben. Die neueste Strömurig auf beut Gebiete des jüdischen Religionsunterrichts, der Bibelunterricht in der hebräischen Ursprache, hat sich auch in dieser Versammlung Bahn gebrochen, wenngleich nicht in jenem Maße, wie es von manchen gewünscht wurde, daß er den Unterricht in der Geschichte oder Religionslehre ganz verdränge. Die Erfahrung hat gelehrt daß es nicht anginge, die biblische und jüdische Geschichte diese Quelle zur Aneifernng für eine moralische Lebensweise einerseits und zum begeisterten Festhalten am Judentiliir anderseits, gänzlich zil eliminieren, ebensowenig die Untere Weisung in den Grnndlehren und wichtigsten Gebräuche,, unserer Religion aus dem Unterricht auszuschalten. Diese letztern werden im Elternhause, man denke nur an Sabbat und Festtage, ja doch gründlich vernachlässigt. Man unterschätze da nicht den Einfluß des Religionsunterrichts, denn jeder Lehrer wird einige Fälle dafür anführen können, daß er durch seine Schüler manchem religiöse» Brauch im Elternhause zum Wiederaufleben verhelfen hat. Wers viele Predigten nicht vermögen, erwirkt die httrmlose Frage eines Kindes, demgegenüber Vater und Mutter keine schlechten Juden sein wollen. Deshalb ist der praktische Religionsunterricht von größter Bedeutung. Ich verstehe darunter gewissermaßen einen Auszug aus dem „Orach chajjim" und die Geübtheit im Gebetbuch, um am Gottesdienste aktiv teiluehmen zu können. Die Kenntnis dieser beiden integrierendeir Bestandteile unseres religiösen Lebens ist ein unumstößliches Postulat des modernen jüdischen Religionsunterrichts, so er seinen Zweck, die Erhaltung des historischen Judentums, erreichen, unb nicht etwa ein aus abstrakten religiös-philosophischen und moralischen Lehren zusammengeschweißtes Neugebilde — das sich Judentum nennt — schaffen will. Diesem praktischen Religionsunterricht schließt sich der Bibelunterricht im Urtext an, dessen Bedeutung hervorzuheben, Eulen nach Athen tragen hieße. Es soll dabei auf das Quantum nicht ankommeu, sondern der Grundsatz festgehalten werden, daß das Kind während zwölf Jahre (vom Beginn des Schulbesuchs bis zur Reifeprüfung) sowohl aus der Thora wie aus den Propheten und Psalmen eine Anzahl derjenigen markanten Sätze rmd Stücke im Hebräischen sich aneigne, bereit Inhalt das Wesen, das Erhabene und Ideale, den Sinn, Herz und Gemüt veredelnden Kern unserer Religion spiegelt. Ans demselben Gesichtspunkte sind auch die wichtigsten Gebetstücke anszuwählen.

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