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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-05-03 · Heft 18 (3.5.1907) · p. Seite 206

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 18 (3.5.1907)
Date
1907-05-03
Page
Seite 206 (sequence 2)
Language
German
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wir nicht herausfinden; wir wollen uns auch nicht den Kopf darüber zerbrechen, und uns sind beide Parteien gleich, sofern sie wirklich geeignet sind, die traurige Lage der Juden in Galizien zu verbessern oder auch nur die Besserung in Angriff zu nehmen. In diesen: Lager wird vor allem die intransigente Richtung verfolgt, die Justament-Politik betont. Mit den Polen keinen Frieden, unter allen Umständen nicht, vielleicht ein Wahlbündnis mit den ebenfalls unterdrückten Ruthenen. Nun wissen wir uns zwar von. jeder Vorliebe für die Polen in Galizien frei; sie haben, seitdem sie in Oesterreich zur Macht gelangt sind, an Unterdrückung der Rnthenen und der Juden das Menschenmögliche geleistet. Trotzdem aber müssen wir uns fragen, ob die Juden dadurch, daß sie den allmächtigen Polen offen den Krieg erklären, ihre Lage nicht eher verschlechtern als verbessern werden. Der neue österreichische Reichsrat wird voraussichtlich leider eine überwiegend klerikale, christlich-soziale und alldeutsch-antisemitische Mehrheit haben; in ihr werden die 70 Polen eine bedeutende Rolle spielen. Daß sie da reichlich Gelegenheit haben werden, ihr Mütchen an den Juden zu kühlen, braucht nicht erst gesagt zu werden. Außerdem ist eine noch viel größere Gefahr vorhanden. In Galizien selbst können die Polen mit den Juden nach Belieben verfahren; das mindeste, worauf sich die Juden gefaßt machen müßten, wäre ein scharfer wirtschaftlicher Boykott. Gewiß, ein solcher wird schon jetzt von den Polen gegen die Juden geübt, und er ist unerträglich genug. Er kann aber noch unerträglicher werden. Und können schließlich die Juden in diesem verzweifelten und aussichtslosen Kampf gegen die Polen auf die Ruthenen rechnen? Die Erfahrung hat bisher gezeigt, daß die Ruthenen auf ihrem niedriger: Kulturniveau durchaus unzuverlässig sind. Die rneisten Pogrome, die in diesem Lande vorgekommen sind, spielten sich in dem von den Ruthenen bewohnten östlichen Teil Galiziens ab. Man denke sich noch dazu die Wahrscheinlichkeit, daß, wenn sich solche Vorfälle in der Zukunft wieder ereignen sollten, die polnischen Behörden untätig blieben. So oft man solchen von der Vernunft diktierten Erwägungen Gehör verschaffen will, wird von der andern Seite gefragt, ob denn ein würdeloses Wettkriechen vor den Polen empfehlenswerter sei. Das Problem erscheint so schwierig, weil man stets an die äußersten Extrerne denkt. Es ist durchaus nicht gesagt, daß die Juden in Galizien mit ihrer Vertretung die bekannten polnischen Speichellecker jüdischen Glaubens betrauen sollen; ebensowenig wie wir die trotzige Justament- Politik gutheißen können. Das politische Leben beruht auf Kompromissen, und solche anzustreben, ist eine kleine Minderheit ohne territoriale Basis, wie sie die Juden auch in Galizien bilden, um so eher genötigt. Es handelt sich gar nicht um ein würdeloses Wettkriechen vor den Polen, aber ebensowenig um eine gewisse Kraftmeierei, in der sich ein Teil der jüngeren Generation so sehr gefällt. Wir haben ja in Rußland soeben gesehen, wohin eine solche unbesonnene Politik führt. Das jüdische Volk, das nicht von gestern ist, hat in der Diaspora seine geschichtlichen Erfahrungen gesammelt. Selbst der geschichtlich unkundige Teil unserer Gemeinschaft fühlt instinktiv, daß uns überall Besonnenheit und Maßhalten geboten ist. Würden die Juden in Galizien die Vertretung ihrer Interessen weder assimilatorischen, noch sogenannten nationalistischen Strebern und Mandatsjägern anvertrauen, sondern sich vielmehr nach Männern umsehen, denen die Not ihrer Glaubellsgenossen nicht die Befriedigmlg ihres politischen Sporttriebs bedeutet, so ließe sich hoffen, daß die jüdischen Abgeordneten einerseits ihre Wählerschaft mit Würde und Ernst vertreten. anderseits aGr alles vermeiden werden, was niemand nütze?. allen aber schaden kann. Die Phrase, die sich in unserer Ze t so breit macht, das leidige Schlagwort, hat im politische i Leben aller Völker große Verwirrirng.angerichtet. WM. Älx anderswo nur vorübergehend Schaden stiftet, kann Kr b o Juden verhängnisvoll werden. ~ " Wir nrüssen uns leider darauf beschränken,woy der.Feri * die Vorgänge zu beobachten und die Tatsachen zu registriere . Daß die gut gemeinte Warnung nützen werde, ist tvohl nicu zu glauben. Es heißt zwar allgemein, .daß man durch Schade i klug werde. Das gilt aber nur für das Individuum — Völb i und Glaubensgemeinschaften werden in den meisten Fälle 1 leider auch durch den erlittenen Schaden nicht klug. riÄM Die Woche. Berlin, 30. Apri. ur hie und da hören wir jetzt noch eine antisemitisch Note im Reichstage anschlagen. Und was dasMerl würdigste bei dieser Sache ist: dieser Ton kommt seltener au dem antisemitischen als aus dem konservativen Lager. Fa? scheint es, als ob diese Herren ihren Wählern zeigen wollten daß sie trotz der sogenannten konservativ-liberalen Paarun in diesem Punkte noch die alten Tivoli-Helden seien. Allerdings der Ausfall gegen die jüdischen Richter in de Sitzung vom 23. d. M. gehörte „voll und ganz" einem wasch echten Antisemiten, der behauptet hat: „Die Richter urteilen vielfach nach der Parteistellnng des Ar geklagten. In einem Parteiprozeß hat ein Freund von mir, der ir: öffentlichen Leben stand, von drei Richtern glatt Unrecht bekommer die Markus, Lustig und Mühsam hießen. (Große Heiterkeit.) De. Kammergericht hat das Urteil ohne jede neue Beweisaufnahw annulliert." Eine Beweiserhebung über diese Aussage darf jedenfall nicht ausbleiben. Viel schlimmer war aber die Aeußerung des konservativer Abgeordneten Kreth, die allerdings bisher unbeachtet ge blieben ist. Herr Kreth wies mit tiefster Entrüstung die itn erhörten Angriffe zurück, die in der „Leipziger Volkszeitung von sozialdemokratischen Journalisten gegen die Königin Luis gewagt wurden: Herr Stadthagen fühlte sich bemüßigt, fü seine Leipziger Kollegen einzutreten, und nun entspann fiel ein liebliches Wortgefecht, das Herr Kreth mit den Wörter schloß: „Ich richte an die bürgerliche Presse die Bitte, diese Ding niedriger zu hängen und die Redakteure derartiger Zeitungen, di solche Schamlosigkeiten bringen, vor der Oeffentlichkeit zu nennen. E wird dann das Ernpfinden des Volkes etwas mildern, denn es wir? sich Herausstellen, daß die Herren mit uns eine Rassengemeinscha' nicht haben." (Lebhafter Beisall rechts, Gelächter der Sozial demokraten.) Zunächst wollen wir bekennen, daß wir die tiefe Ent rüstung über jene ungualifizierbaren Angriffe auf die alle? Deutschen geheiligte Jdealgestalt der edlen Königin durchau teilen. Sodann aber müssen wir gestehen, daß die weitere: Ausführungen des konservativen Herrn genau auf derselbe: Stufe stehen wie die seines sozialdemokratischen Gegners. Ode sollte Herr Kreth und alle die Herren, die ihm „rechts" lel haften Beifall zollten, wirklich nicht wissen, daß gerade di „Leipziger Volkszeitung" nur von Christen geschrieben wir- und daß speziell der Verfasser jener unqualifizierbaren Au griffe ein Protestant aus alter christlicher Familie ist? In de Tat, wenn der Wunsch des Herrn Kreth in Erfüllung gehen

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