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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1907-05-03 · Heft 18 (3.5.1907) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
71 (1907)
Issue
Heft 18 (3.5.1907)
Date
1907-05-03
Page
– (sequence 1)
Language
German
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71. Jahrgang. Nr. 18. Allgemeine Berlin, 3. Mai 1907. eitung des Judentums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Viefe Zeitung erscheint wöchentlich. A banne men rs-Pr eis: durch Buchhandel oder Post <in Berlin u. Vororten durch unsere Vertriebsstellen) b?zogen vierteljährl. 3 M. Redakteur: Gustav 2tarz>eles. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson. Verlags-Expedition; Berlin, Jerusalemerstr. 46/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung des Judentums*, Berlin SW., Jerusalemer Straße 46/49, zu richten. Verlag von Rudolf Mosse, Berlin. Jultsment-DolitiK. Berlin, 30. April, m österreichischen Kniserstnat gehen jetzt die Wogen des Wahlkampfes hoch her. Zum erstenmal werden in t esem Reich die Wahlen auf Grnnd des allgemeinen und 1 retten, wenn auch nicht gleichen Wahlrechts vollzogen. ' ie Ungleichheit liegt darin, das; von vornherein, um den i »zelnen Nationalitäten eine bestimmte Zahl von Mandaten; sichern, die Wahlbezirke ungleichmäßig abgegrenzt worden s id. Die Reichshauptstadt Wien, die nicht weniger als 33 Mandate zu vergeben hat, weist Wahlbezirke von über 21 000 Zahlern und solche von etwa 2000 Wählern auf. Für die iden sind dort zwei Mandate gesichert, wenn sie im Wahlkampf i mg sind. Ebenso sind ihnen in Galizien etwa fünf bis sechs; mlich sichere Wahlkreise angewiesen und in der Bukowina r ien oder gar zwei. Im günstigsten Fall können sie darauf v chnen, im neuen Reichsrat etwa zehn Sitze einzunehinen. 7as ist gewiß nicht zuviel, wenn man in Betracht zieht, daß > r neue österreichische Volksvertretung nicht weniger als 516 7 itglieder zählen wird. Hätte man bei der Zuweisung der andate die Juden nach ihrer Bevölkerungszahl berücksichtigt, v kämen ihnen etwa 20 Sitze im Reichsrat zu. Und nun herrscht jetzt in jenen Wahlkreisen, wo jüdische ' indidaten dnrchgesetzt werden können, eine heiße Jagd nach d ni Mandat. Um jedes bewerben sich etwa fünf jüdische v mdidaten, und man kann nicht gerade behaupten, daß der i' geführte heiße Wahlkampf einen erfreulichen Anblick bietet. Air wollen schon völlig absehen von der persönlichen Eitelkeit,! i ätension und Selbstüberhebung, die in der Wahlbewegung p ni Vorschein kommt; das ist nicht nur bei Inden der Fall > d in Oesterreich noch mehr als anderswo. Wollen wir bei a en Kandidaten den redlichsten Willen voraussetzen und die i llkommene Berechtigung, im Namen eines Teils der jüdischen A nhlerschast und in Wahrnehmung berechtigter Interessen " fzutreten. Dann wäre die Absicht gewiß löblich, was aber » ht ansschließt, daß der Kampf doch ein gefährlicher und >7 üblicher sein kann. In den letzten Jahren hat man den naschen Wählern suggeriert, gute Politik könne man nur d ich Rücksichtslosigkeit und Draufgängerei machen. In Österreich, wo der Nationalitätenkampf seit Jahrzehnten einen wer gehässigeren und giftigeren Charakter annahm, glauben v'cke jüdische Bürger, auch sie müßten zu dieser Kampfesweise Prisen, auch sie müßten in die jetzt beliebte schärfere „Tonart" Gefallen. Das ist aber unter allen Umstünden verfehlt, weil d-.se Justament-Pvlitik aus dem anderen Lager herübergehvlt b- und sich auf die jüdischen Verhältnisse nicht anwenden läßt. Es mag sonst wahr sein, daß ein Volk seine Rechte nicht durch Geduld gewinnt, sondern, wie Ludwig Börne einst sagte, durch Ungeduld. Aber immer müssen die zu Gebote stehenden Mittel in Betracht gezogen werden, und die Ueberschätzung seiner eigenen Kraft wird sich im Kampf verhängnisvoll rächen. Vor allem müßte man berücksichtigen, daß die Juden, wenn sie schon wirklich zehn Mandate für den neuen Reichsrat aus eigener Kraft und mit „vollem Trutz" erobern, ihre Vertreter im Parlament immer nur ein kleines, gar nicht in Betracht kommendes Häuflein bilden werden. Ihre Zahl wird nicht einmal ausreichen, für sich allein im Reichsrat einen Antrag oder eine Interpellation einznbringeu. Von Fall zu Fall müssen sie die Gefälligkeit anderer Parteien in Anspruch nehmen. Wer die parlamentarischen Verhältnisse in den europäischen Staaten kennt, weiß zur Genüge, daß Mitglieder kleiner Fraktionen selbst in der Debatte kaum zu Wort gelangen. Eine kleine jüdische Gruppe in der Volksvertretung kann daher nicht einmal mit Sicherheit darauf rechnen, laut ihre Stimme zu erheben, wenn große und ungewöhnliche Ereignisse dies erforderlich machen. Es kommt dabei immer darauf an, in welchem Verhältnis die jüdischen Vertreter zn den maßgebenden Parteien stehen, ivelchen Grad von Wohlwollen und Entgegenkommen sie sich zu erwerben wissen. Also der Nutzen einer jüdischen Parteigruppe von schroff ablehnender Tendenz ist noch sehr fraglich. Der Schaden einer solchen Politik aber kann ein recht beträchtlicher sein. Sehen wir von den zwei Wiener Wahlbezirken ab, auf welche man von jüdischer Seite rechnet. Für den Fall, daß da jüdische Kandidaten gewählt werden sollten, würden sie wohl ' nicht umhin können, sich der deutschen Fortschrittspartei anzuschließen. Man mag von jüdischer Politik reden soviel man will, bei den in Oesterreich herrschenden Zuständen halten wir es für unmöglich, daß in Wien gewühlte Abgeordnete, »venn sie auch ihr Mandat von jüdischen Wählern erhalten haben, sich als etwas anderes als Vertreter von Wien betrachten werden. Dies geht einfach nicht, denn schließlich sind da auch wirtschaftliche Interessen wahrzunehmen, welche die jüdische Bevölkerung ebenso nahe angehen wie die christliche. Man hat von den jüdischen Abgeordneten zu fordern und zu erwarten, daß sie ihr Judentum, wenn es in Betracht kommt, nicht verschweigen und nicht das Wort Jude, wie Gabriel Rießer einst sagte, allzu leise aussprechen. Anders aber stehen die Dinge in Galizien, wo sich jetzt der Hauptkampf konzentriert. Uni die sichern Mandate bewerben sich polenfreundlichc Kandidaten, oder, wie sie spottweise genannt werden, „Polen jüdischen Glaubens", ferner Jüdisch-Nationale und Zionisten. Den seinen Unterschied zwischen Jüdisch-Nationalen und Zionisten können

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